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Laudatio zu Ehren der Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK) 2021

Laudatio zu Ehren der Hilfsaktion Märtyrerkirche (HMK) 2021

Träger des Stephanus-Sonderpreises 2021

Wetzlar – Samstag, 3. Juli 2021

Karl Hafen, bis 2015 Geschäftsführender Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und bis 2016 Vize-Vorsitzender der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen

Die Rede im Film/ YouTube-Channel der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke für die Ehre, die Laudatio auf die Hilfsaktion Märtyrerkirche – kurz HMK – halten zu dürfen. Als Mitarbeiter und ehemaliges Vorstandsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte  (IGFM) war mir die HMK seit meinem Eintritt in die IGFM im Jahre 1978 ein ständiger Begleiter. Ich habe in meinem beruflichen Lebensweg einige Ihrer herausragenden Persönlichkeiten treffen, ja gemeinsam längere Wegstrecken mit ihnen zurücklegen können, doch auch in der praktischen Arbeit selbst begegneten sich unsere Ziele und Arbeitsweisen. Und nicht zuletzt unterstützten und unterstützen wir aktive Christen, die verfolgt werden, ihr Recht auf Religionsfreiheit nicht wahrnehmen können oder sich für andere einsetzen, die aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt oder gefangen sind

„Mit der Bibel im Gepäck reisen“, das war eine Aktion,  die ich auch mit der HMK verbinde, die wir schon sehr früh nach Gründung der IGFM ins Leben gerufen hatten. Der dafür zugrundeliegende Aufruf hätte zu der damaligen Zeit aus jedem Land hinter dem Eisernen Vorhang kommen können. Ich zitiere auszugsweise aus einem Aufruf des russischen Priesters Gleb Jakunin:

„Glauben Sie nicht den falschen Zeugnissen! Der Bedarf an den Heiligen Schriften übersteigt bei weitem die durch den Staat erlaubten oder aus dem Ausland eingeführten Bibeln.

Christen der ganzen Welt!

Wir rufen Sie auf, die Bemühungen zu vervielfältigen, um den Hunger nach Bibeln zu stillen. Es ist unbedingt notwendig, Büchersammlungen zu organisieren. Man soll einen Massentourismus organisieren, aber mit dem humanen Zweck, unser Land mit religiöser Literatur zu sättigen. Jeder kann eine Bibel und ein Gebetbuch im Reisegepäck führen, und er soll belehrt werden, wie er diese Bücher an den Leser bringt. Erfüllen Sie Ihre Verpflichtung zur Nächstenliebe, in dem Sie helfen, dass das Wort Gottes in unserem Land gelesen werden kann!“

Die Hilfsaktion Märtyrerkirche wurde 1969 von Pfarrer Richard Wurmbrand gegründet. Die HMK ist also drei Jahre älter als die IGFM. Ich lernte Richard Wurmbrand 1978 in unserer Geschäftsstelle in Frankfurt am Main kennen. An dem Gespräch damals nahmen unsere Gründer Iwan Agrusow und Leonid Müller, unser damaliger Pressesprecher Hyla und ich teil. Agrusow war damals Geschäftsf. Vorsitzender, Leonid Müller war Schatzmeister. Und mit Richard Wurmbrand trafen drei charismatische Persönlichkeiten aufeinander, von denen jeder den anderen für die Arbeit des eigenen Vereins gewinnen wollte. Herr Agrusow suchte Richard Wurmbrand für die internationale Ausweitung der IGFM, Richard Wurmbrand wollte die IGFM für die Unterstützung seiner Arbeit gewinnen.  Einig war man sich in der Bewertung, dass wir in Osteuropa von einer verfolgten Kirche sprechen und den verfolgten Christen geholfen werden muss. Richard Wurmbrand hatte seine Erfahrungen mit dem kommunistischen Regime gemacht. Er kam nach einer erfolgreichen Karriere als Geschäftsmann erst 1937 zum christlichen Glauben, wurde schließlich lutherischer Pfarrer. 1948 wurde er verhaftet, verhört und gefoltert, zunächst acht Jahre bis 1956. Dann wurde er unter der Auflage, dass er nicht mehr predigt, amnestiert, doch drei Jahre danach erneut verhaftet und bis 1964 gefangen gehalten. Für 10.000 US-Dollar konnten norwegische Christen ihn und seine Familie freikaufen. Insgesamt war er 14 Jahre wegen seines Glaubens in Haft, davon drei Jahre in strenger Einzelhaft in unterirdischen Kerkern.

Richard Wurmbrands Besuch bei der IGFM war nur eine  Zwischenstation. Er kam gerade aus Norwegen, wo er eine Zweigstelle besuchte. Für mich war das insofern spannend, da ich damals mit einer Norwegerin aus Oslo verlobt war, die ich kurz danach zu besuchen beabsichtigte. Und diese Reise nutzte ich dann auch für einen Besuch dieser Zweigstelle in Oslo, die den ursprünglichen Auftrag seines Werks im Namen trug „Misjon bak Jernteppet“ – „Mission hinter dem Eisernen Vorhang“. Norwegisch radebrechend ließ ich mir von den Einsätzen berichten. Diese Misjon bak Jernteppet war damals eine finanzkräftige Filiale, die die Arbeit von Richard Wurmbrand unterstützen konnte, aber auch eigene Aktionen durchführte. Nicht zu übersehen waren die vielen Kisten von Neuen Testamenten in russischer Sprache, die vorwiegend über die mit Russland gemeinsame Grenze im Norden Norwegens geschmuggelt wurden. Ich habe diese  Mission in den Folgejahren mehrfach besucht. Doch leider mit einer Namensänderung in „Indre Mission“ veränderte diese Organisation auch ihren Auftrag, und sie war dann auch für mich kein adäquater Ansprechpartner mehr.

Ich war in der Zeit von 1978 bis 1985 der Mitglieder- und Arbeitsgruppenbetreuer der IGFM. Meine Aufgabe bestand darin, Aktionen und Demonstrationen zu organisieren und Einzelmitglieder und Mitglieder in Arbeitsgruppen als Helfer zu gewinnen. Und aufgrund dieser Aufgabe lernte ich einen der Vorsitzenden der jüngeren Vergangenheit der HMK kennen, nämlich Pastor Ernest Ahlfeld, damals noch Schüler, aber immerhin Arbeitsgruppensprecher der IGFM-Gruppe in Ellwangen, als dessen Freund ich mich heute noch bezeichne. Mein Einstand in der IGFM 1978 war ein dreitägiger Hungerstreik von etwa 100 Personen am 10. Dezember 1978 – Tag der Menschenrechte – auf dem Marktplatz in Bonn. Die Teilnehmer damals waren zu 80 Prozent Russland- und Rumäniendeutsche, die anderen waren ehemalige politische Gefangene aus der DDR, der Sowjetunion oder anderen kommunistischen Staaten. Die Russland- und Rumäniendeutschen setzten sich für Angehörige in ihren Herkunftsstaaten ein. Und wer ihnen zuhörte, der erfuhr dann, dass es zwar vorrangig um Familienzusammenführung ging, doch die Gründe für ihren Wegzug lagen in vielen Fällen darin, dass sie als evangelische Christen gehindert wurden, ihren Glauben zu leben. Wenn ich heute in unser Archiv gehe, finde ich durch die Jahre Schicksalsberichte von rumänischen Pastoren und einfachen Gläubigen, die für ihr Eintreten für das Menschenrecht, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung von Riten zu bekunden, in die Gefängnisse gesteckt wurden.

Wie bei der  HMK, so lagen die Motive für die Gründung der IGFM hinter dem Eisernen Vorhang bzw. dort, wo kommunistische Diktaturen ihren Bürgern die Menschenrechte verwehrten und sie für ihre Inanspruchnahme bestraften. Die Verfolgung von Christen war nicht auf die bisher genannten Länder beschränkt, sondern sie fanden in allen Ländern statt, die sich kommunistisch oder sozialistisch nannten. Auch die IGFM riet ihren Mitgliedern, bei Reisen in diese Länder, Bibeln oder christliche Literatur mitzuführen und sie in den Zollerklärungen, wo gefordert, für den Eigenbedarf zu deklarieren und dann in den Kirchen, Klöstern oder bei privaten Besuchen zu „vergessen“.  Den großen Einsatz wie HMK haben wir nicht betrieben. Ich kann mich lediglich an eine Aktion nach dem Fall der Mauer erinnern, wo wir, in der Größenordnung von 50.000, Bibeln in humanitären Hilfstransporten nach Russland und in die Ukraine mitgenommen hatten.  Es war halt nicht unser Hauptauftrag, aber das ist ja das Gute: Zur Berechtigung der Vielfalt der Organisationen gehört eine vernünftige Arbeitsteilung. Die HMK hat ihren Auftrag mit großem Engagement wahrgenommen, und daher ist sie zurecht Preisträger des Stephanus-Sonderpreises.

An einem Mann, den ich viele Jahre mit der HMK verbunden habe und mit dem ich viele Jahre befreundet war, komme ich nicht vorbei. Pastor Klaus-Reiner Latk. Er kam aus der DDR, und auch dort stand es mit der Wahrnehmung des Rechts auf Religionsfreiheit nicht zum Besten. Er war eine Studiengefährte von Pastor Oskar Brüsewitz. Ich habe im Archiv einen Artikel gefunden, in dem sich Klaus-Reiner Latk erinnert: Ich zitiere:

„Am 18. August 1976 hatte sich der evangelische Pastor Oskar Brüsewitz auf dem Marktplatz der Stadt Zeitz mit Benzin überschüttet und verbrannt. Pastor Brüsewitz hatte seinen Pfarrdienst missionarisch verstanden. Sein öffentliches Wirken stand im Gegensatz zu der Rolle, welche die DDR-Regierung der Kirche zuordnet. So hatte er zum Beispiel ein weitleuchtendes Neonkreuz an seinem Kirchturm befestigt, für dessen Extra-Stromverbrauch er gezwungen wurde, in seiner Wohnung Kerzenlicht zu benutzen. Für das Dorf hatte er einen Kinderspielplatz selbst gebaut. Es wird berichtet, dass er dem Parteiplakat „25 Jahre DDR“ ein eigenes Plakat gegenübergestellt hatte: „2000 Jahre Kirche Jesu Christi“.

Nachdem ein Kollege und ich der Ständigen Vertretung und dem ARD-Korrespondenten Lothar Loewe über den Vorfall in Zeitz berichtet hatten, wurde ich von dem Ratsvorsitzenden des Kreises Sangershausen zur Rechenschaft gezogen. Er bezeichnete mein Bekanntmachen des Flammenzeichens als eine „schmutzige und unmoralische Handlungsweise“. Und in den Folgetagen erhielt ich keine Post mehr und das Telefon war abgeschaltet. Schließlich wurde ich mit meiner Familie unter Haftandrohung zur Ausreise innerhalb acht Stunden genötigt. Ich hätte –so die Begründung- Handlungen betrieben, für welche andere DDR-Bürger längst inhaftiert worden wären. Meine Bemühungen, von der Kirchenleitung in der Situation Hilfe zu erhalten, waren vergebens.“

(Zitat Ende)

Die Nachstellungen wegen Zugehörigkeit zur Kirche, gar aktive Teilnahme am christlichen Gemeindeleben, nahm selbst auf die Kinder keine Rücksicht. Pastor Latk erzählte uns: „Meine Tochter hatte eine Schulfreundin, die des Öfteren auf dem Heimweg von anderen Kindern geschlagen wurde. Die Mutter des Mädchens berichtete uns, die Klassenlehrerin Christina Koch habe zu ihr gesagt: ‘Wenn ihre Tochter nicht mehr mit dem Pfarrerskind spielt, wird sie sicher auch nicht mehr von den anderen Kindern geschlagen.‘ Oder ein anderes Beispiel, das über den Tod hinausgeht: 1974 drohte mir der Bürgermeister von Reistedt, dass er mich einsperren ließe, wenn ich für den verstorbenen Kirchenältesten eine Trauerfeier anberaumen würde. Die Partei nämlich hatte eine Trauerfeier für ihr Parteimitglied anberaumt, und die kirchliche Feier passte nicht zu diesem Bild.“

Die Stasi-Akten jedenfalls beweisen heute, dass das Wirken mutiger Pastoren wie Brüsewitz heruntergespielt werden sollte. Er wurde nach seiner Tat als anormaler und bedauernswerter Geisteskranker bezeichnet. Darum sollte ihm die Pfarre weggenommen werden. Eine zentrale Rolle spielte dabei Manfred Stolpe, damals Leiter des DDR-Kirchenbundes, und der Staatssekretär für Kirchenfragen Hans Seigewasser. Laut einem Protokoll von Seigewasser hat Stolpe gesagt: „Wenn das bekannt wird, wird das die Westpresse in der ihr eigenen Weise ausschlachten. Es muss von uns eine Solidarität mit dem Staat bekundet werden.“ Doch auch vom Westen her fand Brüsewitz keinen Beistand. Als Pastor Latk dem Vertreter Bonns in Ost-Berlin, Günter Gaus, berichtete, riet er dringend davon ab, den Fall publik zu machen, denn die politische Konstellation verlange Annäherung. Gerade die Kirche als Vermittler und ruhender Pol leiste ihre Aufgabe gut.“

Klaus-Reiner Latk bleibt uns nicht nur als engagierter Kämpfer gegen DDR-Unrecht, sondern auch als Garant für den sonntäglichen Gottesdienst bei den IGFM-Jahresversammlungen in guter Erinnerung.

Herr Flick, Pastor Latk und ich hatten einen gemeinsamen Auftritt von HMK und IGFM in Nigeria auf Einladung des Generalvikars des Bistums Enugu, Prof. Obiora Ike, den letztjährigen Preisträger der Stephanus-Stiftung. Er stellte uns Opfer aggressivster Brutalität vor: Frauen, deren männliche Angehörigen, auch Kinder, von der islamistischen Organisation Boko Haram bzw. extremistischen Fulani-Hirten umgebracht wurden. Um nicht selbst ermordet zu werden, blieb ihnen nur die Flucht. HMK hatte damals sehr großzügig geholfen. Doch darüber hinaus gab es für uns drei ein Rahmenprogramm, wobei die Verkündung des Evangeliums und ihre Wirkung Teil des Programms war. Beindruckt hatte mich der Besuch eines Mädchengymnasiums. Die meisten Kinder waren getauft, aber nicht alle. Obiora Ike erklärte uns, dass der Besuch dieses christlichen Gymnasiums, getauft zu sein, nicht zu Bedingung gemacht habe, aber nun stünde demnächst die Firmung an und es gäbe noch ein paar Mädchen, die bis dahin getauft und zur Kommunion gegangen sein wollten. Und wir lernten diese Mädchen kennen, mit welchem inneren Begehren sie Christinnen werden wollten, ja öffentlich bekundeten, bereit seien, für Jesus zu sterben. Und schließlich hatten wir sogar das Glück,  ich muss sagen – das Vergnügen – an der zentralen Firmung von, jedenfalls für mich, unbekannten Ausmaßes mit mehreren Hundert Firmlingen teilnehmen zu dürfen. In der Mitte aller Kinder saß der Bischof auf einem erhöhten Platz, und er sprach mit den Kindern gemeinsam das Glaubensbekenntnis, immer wieder unterbrochen von Jubel, Klatschen und rhythmischen musikalischen Einlagen, dass mir das Herz aufging. Also für mich steht fest: Die Renaissance des Christentums kommt aus Afrika. Natürlich, es war nur eine Episode, doch ein Zeichen für die Kraft, die im Glauben liegen kann, wenn man denn wirklich glaubt und bereit ist zu geben.

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren, hier enden meine persönlichen Begegnungen mit HMK. Ich kann Ihnen sagen, dass ich ein Fan Ihrer Arbeit bin. Sie ist ehrlich und großzügig. Das, was Sie in den Jahren Ihrer Existenz geschaffen haben, ist mit Preisen allein nicht zu würdigen. Und Sie werden mir zustimmen, die wahre Würdigung ist die Spende als Anerkennung für geleistete Arbeit und Vertrauensvorschuss für den zukünftigen Einsatz.

Aus der Idee des Richard Wurmbrand ist ein weltumspannendes Hilfswerk geworden, entstanden aus dem Widerstand gegen die Entrechtung durch kommunistische und sozialistische Diktaturen, auch heute, in Ländern ohne diese roten Vorzeichen tätig, und seinen Zielen treu geblieben,

  • denen zu helfen, die ihren christlichen Glauben nicht frei leben können und aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit unter Bedrängung und Verfolgung leiden.
  • Durch tätige Nächstenliebe ihre Mitmenschen und sogar ihre Verfolger zum Glauben an Jesus Christus einzuladen. Weltmission als Auftrag – nicht mehr und nicht weniger – verbunden mit tätiger Nächstenliebe
  • Durch ihre monatlich erscheinende Zeitschrift „Stimme der Märtyrer“ verfolgten Christen eine Stimme zu geben und ihre Berichte zu veröffentlichen.

Das DZI hat Ihnen das begehrte Spendensiegel verliehen und bescheinigt Ihnen uneingeschränkte Förderungswürdigkeit. Ihre Öffentlichkeitsarbeit ist – und ich stütze mich dabei nur auf die mir bekannten Publikationen wie Stimme der Märtyrer, Ihren Jahresbericht und diverse Infos – klar, engagiert, deutlich. Sie machen nichts vor, Sie machen, was Sie sagen und schreiben.

Das alles geht nur mit den Menschen, die hinter dieser Idee stecken und einem Vorstand, der sich Ziele setzt und sie verwirklicht. Wenn ich gefragt würde, wer die HMK, so wie sie heute dasteht, verkörpert, fallen mir Kirchenrat Dr. Rolf Sauerzapf, der die HMK durch gute und schwere Tage verlässlich begleitet und mitgeleitet hat,  und Missionsleiter Manfred Müller, der aus einem Werk mit wenigen Projekten eine moderne Hilfsorganisation mit 170 Projekten in 50 verschiedenen Ländern zusammen mit dem HMK-Team geführt hat, als Erste ein. Alle Nichtgenannten sollen sich bitte mitangesprochen fühlen.

Das Besondere Ihrer Arbeit ist es, Christen aller Denominationen zur Seite zu stehen, wo immer es notwendig und möglich ist. Märtyrer, ein Wort, das heute auch Extremisten für sich beanspruchen, waren und sind für HMK wie auch für mich nur die, die keine Gewalt angewendet haben. Und mit ihrem Zeugnis sollen die Christen ermutigt und gestärkt werden, auch bei uns.

Ganz persönlich danke ich Ihnen für diese Ihre Arbeit, die auch für mich stets Vorbild und Ansporn war. Mit einem Wort von Richard Wurmbrand aus Ihrer Broschüre „50 Worte aus der Verfolgung“ möchte ich zum Abschluss kommen:

„Gott wird uns einmal nicht danach beurteilen, wie viel wir erduldet haben, sondern wie viel Liebe wir aufgebracht haben.“

Herzlichen Dank, dass es Sie gibt, herzlichen Dank für Ihren Einsatz für die verfolgten Christen weltweit!

Wetzlar, 3. Juli 2021

Karl Hafen

Laudatio zu Ehren von Pater Tom Uzhunnalil 2019

Laudatio zu Ehren von Pater Tom Uzhunnalil 2019

Träger des Stephanuspreises 2019
Rittersaal des Deutschordenshauses – Frankfurt-Sachsenhausen
Sonntag, 15. September 2019
Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler, Stuttgart

Die Rede im Film/ YouTube-Channel der Stephanusstiftung für verfolgte Christen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Pater Tom,

wegen der fortgeschrittenen Zeit werde ich meine Laudatio ein wenig kürzen. Ich glaube, das kommt Pater Tom und mir entgegen. Pater Tom ist ein guter katholischer Geistlicher und natürlich möchte er deswegen nicht selbst gelobt werden, sondern er möchte, dass Gott gelobt wird. Und ich bin ein schwäbischer Protestant und unser Stamm lobt normalerweise gar nicht. Deswegen nehmen wir hier beide etwas auf uns – und wir tun es gerne. Pater Tom, ich habe in Ihrer Biografie gelesen, dass Sie viel mehr auf die Technik als auf die Sprache setzen und immer wieder wird das deutlich, wenn Sie mit großer Freude schildern, wie Sie eine Pumpe zum Laufen bringen oder sogar in Gefangenschaft es schaffen, ein Wasserrohr instand zu setzen, damit die Dinge weitergehen konnten.

Deshalb werde ich hier an der einen oder anderen Stelle ein bisschen aus der Wissenschaft einfließen lassen und hoffe, dass es Sie freut. Sie wurden 1958 im Bundesstaat Kerala in Südindien geboren, in eine der ältesten christlichen Gemeinden und Traditionen der Welt übrigens. Und Sie hatten sechs Geschwister. Das ist übrigens aus religionswissenschaftlicher Sicht sowohl interessant wie auch zu erwarten, denn die Berufung ins Zölibat kommt meistens aus kinderreichen Familien. Ich bin mir sicher, wenn wir heute Abend Zeit hätten und fragen würde, wie viele Geschwister der Raum hat, dann wären wir deutlich über dem Durchschnitt, den kinderarme Kontinente wie Europa heute haben. Dort wo die Menschen ‚Ja‘ zum Leben sagen, sagen einige auch ‚Ja‘ zu ihrer Berufung in die Kirche.

Sie sind auf dem Land aufgewachsen. Ihre Familie war christlich-katholisch, sehr religiös. Sie berichten, dass täglich gebetet wurde. Und in der zehnten Klasse entschlossen Sie sich, sich den Salesianern von Don Bosco anzuschließen und für Gott zu wirken. Besonders wichtig war Ihnen die Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen sowie vor allem mit Menschen in Armut, völlig unabhängig – wie haben es auch von Schwester Hatune gerade gehört – von Farbe, von Religion, einfach Menschen, um Menschen zu dienen. Sie haben sich dabei auch verdient gemacht, um den Aufbau von technischen Lernzentren, um auch anderen beizubringen, wie man mit Technik umgeht. Und Sie haben damit Menschen geholfen, aus der Armut zu entkommen, Hilfe zur Selbsthilfe. Übrigens ist das in der jüdischen Tradition die edelste Form der Barmherzigkeit, wenn man so helfen kann, dass der Andere die Hilfe dann gar nicht mehr braucht.

2009 sind Sie in den Jemen gegangen. Und das, meine Damen und Herren, ist schon ein Aspekt, über den man nachdenken kann: Dass Menschen aus Indien im Namen Christi nach Jemen gehen, um dort zu helfen. Warum betone ich das? Weil ich selbst im Irak erlebt habe, dass die Kriege in der arabischen Welt mit unserem Geld geführt werden. Papst Franziskus hat einmal das Wort geprägt: ‚Diese Wirtschaft tötet.‘ Ich gebe zu, dass ich das damals übertrieben fand. Ich dachte: ‚Das kann man doch nicht sagen. Soziale Marktwirtschaft ist doch etwas Tolles.‘ Aber, meine Damen und Herren, es ist eben wahr: Mit dem Öl und Gas, das wir verbrennen, finanzieren wir Regime in Ländern wie Saudi-Arabien, in Ländern wie der Iran, in Syrien, im Irak, in Libyen und Terrorgruppen drumherum. Im Jemen findet jetzt noch ein Bürgerkrieg statt und Menschen leiden, ein Stellvertreterkrieg, und das Geld dafür und die Waffen, die Kugeln, von denen Pater Tom berichtet, die in die Häuser einschlagen, sind auch finanziert mit unserem Geld. 2014 kehrten Sie kurz nach Indien zurück. Es war Bürgerkrieg im Jemen und niemand hätte es Ihnen übelgenommen, wenn Sie nicht in das Bürgerkriegsland zurückgekehrt wären. Sie schreiben sogar, dass einige Vorgesetzte und auch Ihre ältere Schwester Bedenken hatten, Sie zurückkehren zu lassen, in das vom Bürgerkrieg zerstörte Land. Aber Sie fühlten sich gerufen zu den Menschen und sind zu ihnen zurückgekehrt in den Jemen.

Zu den Schilderungen, die mich sehr berührt haben, gehört die Schilderung von einem muslimischen Nachbarn, der in der größten Hungersnot kommt und Tag für Tag Brot vorbeibringt, für die Menschen, die Kranken, um die sich die Schwestern dort gekümmert haben. Und als er kein Brot mehr hat, bringt er Weizen, obwohl Armut drumherum ist. Pater Tom, Sie sehen das Gute in anderen Menschen und Religionen, selbst an einem Punkt, an dem kein Anderer Ihnen verübeln könnte, wenn Sie sich hart machen würden. Später hat Sie einmal ein Journalist gefragt, ob Sie vielleicht ein Stockholm-Syndrom haben, dass Sie immer noch mit den Geiselnehmern sympathisierten und immer noch das Gute suchen, trotz aller Bosheit und aller Gewalt. Ich glaube: Das ist gelebtes Christentum, was da bei Ihnen durchscheint. Am 4. März 2016 wurde Ihre Mission von Terroristen überfallen und Sie haben das Zeugnis im Gottesdienst zuvor gegeben. Auch in Ihrem Buch stellen Sie den Tod von vier Schwestern ganz an den Anfang. Ihrer gedenken Sie, der Schwestern, die getötet wurden, Bediensteten, muslimischen Bediensteten, dem Gärtner, des ersten Todesopfers. Und, meine Damen und Herren, die vier Schwestern, die getötet wurden, stammt aus Ruanda und aus Indien.

Sie selbst wurden verschleppt. Sie wurden dazu gezwungen, Videobotschaften aufzuzeichnen. Sie wurden sogar dazu gezwungen, Menschen zu beschimpfen, die ihnen sehr, sehr wichtig sind. Sie haben in dieser Gefangenschaft gebetet. Und Sie haben dreimal, so habe ich Ihrer Biographie entnommen, auch um ein Zeichen von Gott gebetet. Das eine Mal, als Sie wissen wollten, ob die Schwestern, die getötet wurden, im Himmel sind. Sie baten um Regen und am selben Abend kam ein Gewitter. Es blitzte und donnerte, und es regnete. Sie haben noch einmal um ein Zeichen gebetet, ob Sie freikommen werden. Sie haben ein drittes Mal gebetet, ob vielleicht noch im selben Monat die Freilassung erfolgen könnte. Und diesmal kam kein Zeichen. Und Sie schreiben, dass Sie da gelernt haben, dass man Gott nicht versuchen soll. Mitten im Schrecken haben Sie mit Gott gerungen und sind doch in Seiner Gnade geblieben. Sie fragen, warum Menschen so etwas Böses tun und ob noch Gutes in ihnen ist, das Sie vereinzelt auch erlebt haben.

Und ich kann Ihnen aus der Perspektive der Wissenschaft sagen: Das Böse, das die heutigen Islamisten des sogenannten Islamischen Staates sowie zum Beispiel die Nationalsozialisten in Deutschland, deren Stätten Sie in Nürnberg besucht haben, miteinander verbindet, ist der Glaube an die Weltherrschaft des Bösen. Der Antisemitismus betrifft nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern er ist ein Glaube daran, dass böse Mächte die Welt regieren. Und Menschen, die das glauben, glauben schließlich sogar, dass ihre Gewalt gegen Frauen, gegen Kinder, gegen Geistliche, gegen Jesiden, gegen Aleviten, gegen Sunniten, gegen Schiiten, gegen Männer und Frauen Notwehr sei. Sie glauben, sie verteidigten sich ja nur. Sie beschreiben die Situation, dass Sie beobachtet haben, wie die Terroristen beteten. Und Sie beten für diese. Diese Menschen sind im Glauben an die Weltherrschaft des Bösen gefangen. Ich glaube, Sie haben recht. Umso wichtiger ist es, Ihnen die Weltherrschaft des Guten entgegenzusetzen. Sie wurden insgesamt 18 Monate lang festgehalten und kamen auf Initiative des Oman frei. Sie versäumen nicht, allen zu danken, die für Sie gebetet haben und mehrfach zu erwähnen, dass es Christen waren, aber auch Hindus, auch Muslime, dass es aus allen Religionen Gutes gab.

Sie schreiben, dass Sie nicht einen einzigen Tag bereut haben, in den Jemen gegangen zu sein, weil das Ihr Weg und Ihr Auftrag war. Pater Tom, ich möchte mit einem deutschen Verweis auf Ihren Namen schließen. Alle, die in Deutschland aufgewachsen sind, kennen Major Tom. Das ist ein Lied in Deutschland, das ich schon geliebt habe, bevor ich Christ geworden bin. Ich komme ursprünglich aus einer nichtreligiösen Familie. Und dieser Major Tom ist ein Raumfahrer, der oben im Weltall unterwegs ist und dann entdeckt, wie schön das All und die Leere sind und mit seinem Raumschiff davon schwebt, obwohl ihn die Erde versucht zu halten. Jeder, der und jede, die dieses Lied hört, fühlt mit Major Tom. Aber Sie, Pater Tom, sind einen Schritt weitergegangen. Sie sind nicht in die Leere gegangen, sondern Sie sind bei uns geblieben. Und Sie sind heute hierher gekommen, um Zeugnis abzulegen, nicht über sich, sondern über die Gnade, die Ihr Leben getragen hat, und deswegen sind Sie in meinen Augen ein größerer Held als Major Tom. Herzlichen Dank.

Laudatio zu Ehren von Pater Samir Khalil Samir 2018

Laudatio zu Ehren von Pater Samir Khalil Samir 2018

Träger des Sonderpreises der Stephanusstiftung 2018
Erzbischöfliches Palais Eichstätt, 21. Juli 2018
Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer

Werte Festversammlung, hochgeehrter Herr Prof. DDr., lieber P. Samir!

Eine Laudatio hat eine doppelte Aufgabe: Sie soll Information über eine auszuzeichnende Persönlichkeit geben und gleichzeitig eine Begründung ihrer Würdigkeit für diesen Preis sein.

Gerne und dankbar habe ich diese Aufgabe des Laudators für Prof. DDr. P. Samir Khalil Samir S.J. angenommen: Er ist Jesuit, Priester, Theologe, Orientalist, Islamwissenschaftler, Professor, Päpstlicher Konsultor, gefragter Referent und Konferenzteilnehmer, Dialogpartner, Berater etc. und auch mein verehrter Lehrer. Sein Lebensweg und sein Lebenswerk werden uns seine Würdigkeit für diesen Preis aufzeigen und unsere dankbare Hochachtung vor unserem Preisträger bewirken.

Stationen seines Lebensweges

Samir Khalil Samir wurde am 10. Januar 1938 in Kairo geboren, er wuchs in der Nähe der jüdischen Synagoge auf. Mit sieben Jahren erklärte er seiner erstaunten Mutter, dass er Priester werden wolle. Die Mutter war aus Damaskus und griechisch-katholisch. Der Vater kam aus einer griechisch-orthodoxen Familie, wurde dann später katholisch. Mit 14 Jahren erlebte Samir, wie die britische Fremdherrschaft ihrem Ende entgegen ging: Im Januar 1952 begannen Plünderungen, Brandschatzungen britischer Einrichtungen durch Ägypter, die gegen die weitverbreitete soziale Ungerechtigkeit nach voller Souveränität in ihrem Land strebten. Am sog. „Schwarzen Samstag“, den 26. Jan. 1952, kamen über 60 Menschen ums Leben und viele wurden verletzt. Nach einem halben Jahr führten die Freien Offiziere unter ihrem General Abdel Nasser durch einen Staatsstreich einen Systemwechsel herbei. Nun wurden die Ägypter nach langer Zeit wieder von Ägyptern regiert. P. Samirs Vater hatte einen kleinen mittelständischen Betrieb und zwei Geschäfte für „englische Stoffe“. Im Zuge der Nationalisierung wurden diese Geschäfte 1956 verstaatlicht. Diesen Schicksalsschlag hat er aus Gram und Sorge nicht überlebt.
Der kleine Samir besuchte von 1943 bis 1955 die „Schule der hl. Familie“ in Kairo-Heliopolis. In dieser Zeit wuchs bereits sein Wunsch, Jesuit zu werden, ein Wunsch, den er im Alter von 17 Jahren umsetzte.
Am 6. Okt. 1955 war es soweit. Er fuhr vier Tage lang mit dem Schiff von Alexandria nach Marseille, und wie so oft war P. Samir zu früh da und wurde noch gar nicht erwartet. Mit diesem Tag seines Aufbruchs nach Marseille begann auch zugleich seine Bestimmung als „homo viator“. Bis heute ist er „ein Mensch unterwegs“. Sein Lebensweg führt ihn an immer wieder neue Stationen im Orient und im Okzident: an verschiedene Orte, mit verschiedenen Kulturen, Liturgien, Mentalitäten, in verschiedene Gemeinschaften mit verschiedenen Aufgaben und Sprachen. Mit 17 Jahren also trat er in Frankreich (Aix-en-Provence) in den Jesuitenorden ein und nahm von dort aus in Lyon das Studium der Philosophie, Theologie und Islamwissenschaften auf.  P. Samir ging von dort für eine kurze Zeit auch ins niederländische Maastricht, um eine weitere neue Sprache zu lernen. Bereits ab 1957 wandte er sich schriftlich immer wieder nach Rom mit der Bitte, seinen Ritus ändern zu dürfen. Er sei doch Ägypter, habe die koptische Tradition kennen und schätzen gelernt und möchte der koptisch-katholischen Kirche angehören. Für ihn sei die Rituszugehörigkeit mehr als eine praktisch-liturgische Frage. Es gehe dabei um seine Identität. Antwort aus Rom: „Sie können ihre Entscheidung für den Ritus bei der Weihe hinzufügen!“ Es dauerte weitere zwei Jahre bis dem Rituswechsel in Rom zugestimmt wurde. In dieser Zeit vertiefte er seine Kenntnisse der koptischen Tradition und des Ritus weiter. Neben der Theologie studierte P. Samir intensiv griechische Philosophie und alles, was damals an einer westlichen Universität auf dem Lehrplan stand. Privat las er vor allem die arabischen Philosophen, insbesondere Avicenna und Averroes. Er bereitete dabei schon seine erste Dissertation über den großen arabischen Denker Al Ghazali (1058-1111) vor. Da er wie immer in überdurchschnittlich kurzer Zeit und mit Bestnoten sein Studium abgeschlossen hatte, konnte er jetzt auch promovieren. Dabei stellte P. Samir fest, dass er für sein Studium der antiken und mittelalterlichen Geisteswissenschaften die deutsche Sprache braucht, um die einschlägigen Werke der Philologen und Orientalisten von Weltrang studieren zu können. Im Sommer 1958 lieh es sich deshalb ein Deutschbuch aus. Der Provinzial, der es bemerkte, sagte zu ihm: „Bringen Sie das Buch wieder zurück. Was wollen Sie damit? Wir brauchen Sie für die Mission in Ägypten!“ Samir fügte sich. Und der Provinzial entschied, dass er lieber Englisch lernen sollte und schickte ihn für einige Zeit ins Heythrop College in Oxfordshire. Manchmal ist der Wechsel eines Oberen oder Vorgesetzten ein wahrer Segen für die Untergebenen. Und da P. Samir sich und seinen Zielen immer treu war, so war der Wechsel in der jesuitischen Leitung 1962 für ihn auch ein Segen. Der neue Provinzial, dem er seinen Wunsch bzgl. deutscher Sprache vortrug, sagte typisch jesuitisch: „Lernen Sie Deutsch so viel sie möchten, solange es kein Geld kostet!“ P. Samir, bis heute eine anspruchslose und unkomplizierte Persönlichkeit, zog sodann per Autostopp von Südfrankreich in Richtung München los. Es war August, alle Einrichtungen waren geschlossen. Er kam zunächst im Pullacher Berchmannskolleg (1925 von Augustin Bea SJ gegründet) unter. Alle waren in Ferien und er konnte mit niemandem sprechen. Außerdem war es langweilig im ländlichen Pullach, also besuchte er München. Auch die Umgebung der LMU kam ihm sehr ruhig vor. Doch schließlich betrat er den Ort, an dem sein Leben eine Wende nehmen sollte: Die Bayerische Staatsbibliothek. Zielstrebig suchte er dort die orientalische Abteilung auf, aber da war niemand. Endlich tauchte ein Benediktiner (P. Bernhard, Maria Laach) auf, der auf ihn zuging, da er auch eine Soutane trug. Er fragte Samir, was er mache. Er sagte, dass er über Ghazali arbeite. Er fragte ihn: „Warum Ghazali? Warum studieren die arabischen Christen immer nur den Islam und nicht die christlichen arabischen Denker?“ Samir konnte darauf nicht antworten. Wer sollten diese christlich-arabischen Denker sein? Als der Benediktiner wieder kam, legte er auf das Pult von P. Samir fünf dicke Bände: Georg Graf. Geschichte der christlichen arabischen Literatur (Vatikanstadt 1944-53), 2.400 Seiten. „Es war der 22. August 1962“, so P. Samir, „die Wende in meinem intellektuellen Leben!“

P. Samir verstand den deutschen Text in dieser Ausgabe noch nicht, war aber fasziniert von den vielen arabischen Titeln und Angaben und las alle angeführten arabischen Zitate. Schnell kam er zur Überzeugung, dass er sich diesem unerschöpflichen Reichtum der arabisch-christlichen Literatur aus 13 Jahrhunderten widmen müsse, und studierte Deutsch in unglaublicher Schnelligkeit.
Es wird in der Folge sein entscheidendes Verdienst, diese reiche Kultur des arabisch-christlichen Erbes dem Vergessen zu entreißen und immer wieder neu aufzuzeigen, wie intensiv der Austausch zwischen Christentum und Islam einmal war und auch heute noch sein könnte.

Aber bereits nach zwei Jahren musste er nach Ägypten zurückkehren. Er wurde zum Militärdienst gerufen. Auf dem Weg zur Kaserne war er in dem überfüllten Bus in Soutane als Priester erkennbar. Er kam mit einem Mann über seine Einberufung zum Militär ins Gespräch. Dieser fragte ihn: „Lebt Ihr Vater noch? Haben Sie Brüder?“ Als er erfuhr, dass der Vater gestorben und die Brüder emigriert sind, sagte er zu P. Samir: „Das ist gut, dann sie Sie derjenige, der für die Mutter sorgen muss, und Sie können nicht in die Armee!“ Sein Gesprächspartner war ein Offizier der Armee in Zivil, der mit ihm alles Weitere regelte: „Jemand kennenlernen, der wieder jemand kennt, der einen kennt…,“ das ist der Weg unseres P. Samir! Zufall oder Vorsehung? Oder das Zulächeln und Ein-Auge-Zudrücken Gottes?
Nun war P. Samir wieder für ein paar Jahre in Kairo, im mondänen Stadtteil Maadi, wo er im koptisch-katholischen Priesterseminar unterrichtete. Diese Gelegenheit nutzte er für das Studium der alten koptischen Handschriften im koptischen Museum und im koptisch-orthodoxen Patriarchat. Er exzerpierte, kopierte, schrieb Karteikarten ohne Ende und konnte auch das eine oder andere Original günstig erwerben.

Sieben Jahre lang musste er monatlich immer für einige Tage von Kairo nach Oberägypten fahren, um soziale Arbeiten zu leisten. Statt Schreibmaschine war dann Spitzhacke angesagt: Brunnen und Wasserkanäle anlegen. Da man bemerkte, dass er das Unterrichten doch besser kann, übertrug man ihm ein Alphabetisierungsprogramm für Erwachsene in Abendkursen. Dazu kamen Bildungsprogramme für Kinder in Kooperation mit der ägyptischen Regierung. 20 Lehrinstitute für Alphabetisierung gründete er.
P. Samir hatte aber nebenbei immer an seinem großen Ziel, eine christlich-arabische Bibliothek aufzubauen, weitergearbeitet. Sein Karteikartenarchiv in Kairo mit Dokumenten, Exzerpten, Kopien, einschließlich einer kleinen Handschriftenabteilung, war inzwischen schon auf 18.000 Exemplare angewachsen.

Doch am 8. Mai 1971 kam ein weiterer Schicksalstag für P. Samir: Während er sich bei einem ökumenischen Gespräch des Middle East Councils of Churches in Beirut aufhielt, brach in Kairo ein großes Feuer aus. Auch seine Bibliothek und alles, was er in jahrelanger Arbeit zusammengetragen hatte, wurde vernichtet. Er war ratlos und fragte sich, ob er vielleicht doch einen anderen Weg, einen anderen Dienst an einem anderen Ort angehen sollte: sozial, pastoral, wissenschaftlich? Er blieb aber in Kairo und lehrte weiter. Hinzu kam ab 1971 jährlich für zwei Monate ein Lehrauftrag an der St. Josephs Universität in Beirut über Christlich-Arabische Patrologie und an der maronitischen Hl. Geist-Universität in Kaslik für Orientalische Liturgie.

Im Jahre 1973, inzwischen war P. Samir 35 Jahre alt, erfuhr er über einen Aushang von Stipendien für orientalische Christen in Regensburg. Jetzt sah er wieder eine Chance, seine Deutschkenntnisse weiter zu vervollständigen. Nach einer Zusage von Regensburg reiste er zunächst nach Rom, um mit dem Jesuiten-General P. Arrupe zu sprechen. Samir wollte mit dem P. General abklären, ob eine karitative Tätigkeit nicht vielleicht doch sinnvoller sei als seine wissenschaftlichen Ambitionen, die eventuell erst in 50 Jahren Frucht bringen würden. Der Obere erbat sich fünf Minuten zur Besinnung, kniete sich in einer Ecke des Zimmers nieder und sagte dann zu P. Samir, die karitative Arbeit sei sicherlich wichtig, aber das könnten auch viele andere tun, die Arbeit für das christlich-arabische Erbe, in das er bereits so viel investiert habe, das könne sonst niemand leisten. „Und damit es in 50 Jahren genutzt werden kann, fangen Sie jetzt damit an“, so der Obere. Nun war für P. Samir wieder die Richtung klar: Auf nach Regensburg und Deutsch lernen!

Angekommen im Ostkirchlichen Institut in Regensburg, gab es allerdings ein jähes Erwachen aus der Euphorie. „Was, Jesuit sind Sie? Wenn Sie ein Jesuit sind, dann sind Sie kein Orientale!“ Auch die Erklärung, dass es in Ägypten eine kleine Minderheit unierter koptischer Katholiken gibt, half nichts. Man erklärte ihm, dass das Stipendium nur für Orthodoxe gelte. Es war ein schlimmer Augenblick für P. Samir. Er sagt über sich selbst: „Nur einmal habe ich in meinem Leben so geweint, das war damals in Regensburg“. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Man brachte ihn schließlich nach einigem Hin und Her im Priesterseminar unter. Niemand kümmerte sich aber um ihn. Er hatte Hunger und Durst und erst nach zwei Tagen zeigte ihm jemand den Speisesaal. Die Sprache unter all den Oberpfälzern und Niederbayern war schlimmer als Suaheli. Samir verstand kaum ein Wort. Ähnlich an der Universität. Nach einer zermürbenden und enttäuschenden Suche nach einer für ihn geeigneten Veranstaltung, ging er einfach in ein Kolloquium, wo auch andere Ausländer hingingen. Diese Veranstaltung leitete ein Professor, der sich den Fragen der meist südamerikanischen Studenten bzgl. der Befreiungstheologie stellte. Es war Prof. Joseph Ratzinger: Die erste Begegnung also mit dem, der ihn dann einige Jahrzehnte später als Papst Benedikt XVI. bat, vor den Studenten über den Islam zu referieren, und ihn 2009 zum Mitarbeiter für die Nahost-Sondersynode 2010 berief.

Die deutschen Sprachkenntnisse wuchsen rasant. Alles, was weiter folgte hatte wieder die berühmte Samir-Gangart: Jemanden kennenlernen, der jemand kennt, der jemand kennt … Dieses Mal war es der damalige Rektor des Pontificio Istituto Orientale (= P.I.O) in Rom, den er 1974 im Libanon kennengelernt hatte. Keine Frage, der Rektor war augenblicklich überzeugt, P. Samir ist unser Mann: „Wir benötigen genau jemanden wie Sie. Können Sie für ein paar Wochen zu uns kommen?“ Und aus einigen Wochen wurden einige Jahrzehnte. Am 12. Februar 1975 wurde P. Samir durch den nun neuen Rektor P. Eduard Huber (Urbayer!), an das P.I.O in Rom berufen, um in seinem Schwerpunkt, der arabisch-christlichen Literatur, zu forschen, zu lehren und zum zweiten Mal zu promovieren. Er war der erste, der am Orientale in Arabisch promovieren durfte, denn er wollte beweisen, dass Arabisch auch eine christliche Sprache sei.
Ihm, der ein Jahr zuvor noch vor einem vermeintlichen Scherbenhaufen gestanden hatte, gingen nun im P.I.O. die Türen zur besten Bibliothek, die es für den Christlichen Osten gibt, auf: „Dort fand ich alles, was ich suchte, ich war sooo froh!“, meinte P. Samir.

In Rom erreichte P. Samir nun mehr Priester und Theologen aus den arabischen Ländern als in Beirut, Damaskus oder Kairo. Er gab ihnen die Kenntnisse und das stolze Bewusstsein mit, dass die Christen im Laufe der Jahrhunderte Maßgebliches zur arabischen Kultur und Geistesgeschichte beigetragen haben. Und seine Studenten gaben diese Erkenntnisse wieder an ihre Schüler in ihren Heimatländern weiter.
P. Samir ist ein „potenter“ Doktorvater: mehrere arabische Bischöfe, darunter auch der derzeitige chaldäische Patriarch Louis Kardinal Sako, und viele Professoren, Priester und Ordensleute sind seine geistigen und geistlichen Kinder.

Im Jahre 1976 war P. Samir in Paris beim Zweiten Internationalen Kongress für syrische Studien. Auf seinen Vorschlag hin wurde ab jetzt ein regelmäßiges Treffen der Wissenschaftler für die arabisch-christliche Literatur organisiert und gleich ein erster Minikongress abgehalten, der von nun an immer parallel zur Syrologentagung abgehalten werden sollte. Das geht bis heute so. Alle vier Jahre trifft man sich an einer anderen Universität. Gleichzeitig wurde P. Samirs Idee, eine Fachzeitschrift zu gründen, umgesetzt.

P. Samir zu treffen ist nie ganz „ungefährlich“, denn ihm fällt immer etwas ein. So geschah es auch 1980 mit dem melkitischen Bischof aus Aleppo Neophytos Edelby in Rom. Er traf ihn im P.I.O. und fragte P. Samir, worüber er forsche. Dieser überflutete ihn mit seinem gewinnenden Wissen über die christlich-arabischen Autoren und mit ein paar seiner Artikel. Der Bischof wurde immer interessierter. Anderntags wurde nebenbei bei einer Pizza eine Buchreihe auf Arabisch, Englisch und Italienisch mit dem Titel „Arabisch-christliches Erbe“ begründet, für die der Bischof – solange er lebte – fortan die Gelder beschaffte. Inzwischen ist das ein Weltprojekt geworden. Über 30 Bände sind bereits erschienen.
Für P. Samir kam dann 1987 ein weiterer Aufbruch ins Ungewisse. Der Orden rief ihn in den Libanon, wo immer noch der Bürgerkrieg im Gange war. Dazu sagte er rückblickend: „Es war schlimm für mich, alles, was ich in Rom aufgebaut hatte, zurück zu lassen … Der Provinzial suchte Unterstützung für den Aufbau eines Zentrums für christlich-arabische Studien (CEDRAC). Er wollte gerade in dieser Situation zeigen, dass die Christen genauso Araber sind wie die Muslime“. Erleichtert durfte P. Samir erfahren, dass er Rom und das P.I.O. nicht aufgeben musste, sondern jetzt vielmehr zu einem authentischen Brückenbauer zwischen den westlichen und arabischen Christen werden konnte.

Im Jahre 1990 ging er mit einem Stipendium für ein Jahr nach Birmingham. Dort begründete er ein Forschungsprojekt über den christlichen Orient und die „Mingana-Konferenzen“ zu Ehren des chaldäischen Theologen und Orientalisten Alphonse Mingana.

Gott sei Dank war 1991 im Libanon der Krieg vorüber, jetzt konnte er endlich von den Bergen bei Beirut, wo die Jesuiten wegen des Krieges wohnten, wieder nach Beirut ziehen und verstärkt an seinem „CEDRAC“, dem Forschungs- und Dokumentationszentrum für arabisches Christentum, arbeiten. Dieses Zentrum steht ganz in der Tradition von Georg Graf und dessen Lehrer P. Louis Cheiko, einem Jesuiten aus dem Irak. Hier werden Seminare und Konferenzen abgehalten und Publikationen veröffentlicht. Jungen Wissenschaftlern stehen eine umfangreiche Bibliothek, Multimedia und Dokumente von ca. 30.000 Einheiten über Philosophie und Religion des christlichen und islamischen Orients zur Verfügung. Zunächst erhielt P. Samir im Jesuitenhaus ein paar Räumlichkeiten und eine Angestellten. 1996 wurde die Einrichtung der St. Josephs-Universität angegliedert, wo P. Samir auch lehrte. Die Bibliothek wurde schließlich erweitert und neue Mitarbeiter wurden eingestellt. P. Samir sammelt und sammelt und sammelt bis heute alles, was mit dem Christentum im Orient zu tun hat, und das CEDRAC wächst weiter.
Ein weiterer großer Schwerpunkt seiner Arbeit, der viel Zeit beansprucht, ist der Dialog mit dem Islam: lokale und weltweite Rundfunk- und Fernsehsendungen mit telefonischen Zuschaltungen von Zuhörern und Zuschauern, Interviews, Dialogrunden, Vorträge, Veröffentlichungen, denn P. Samir ist ein weltweit angefragter Berater und Dialogpartner.  Dabei betont er immer wieder: Im Dialog ist alles zu benennen, was wichtig ist, auch die unangenehmen Wahrheiten. Aber auch den positiven Aspekten am Gesprächspartner und dessen Wertschätzung muss man Ausdruck verleihen, denn „ein Kampf ist kein Dialog mehr.“

Die jeweiligen Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog in Rom haben seinen Rat gesucht. Mit dem jüngst verstorbenen Kardinal Tauran war P. Samir regelmäßig in Kontakt, genauso mit verschiedenen Muslimvertretern. Er sagt: „Man lernt so im Dialog zu denken, ohne faule Kompromisse. Wir suchen das Gemeinsame. Und das, was uns trennt, benennen wir auch.“ Dabei seien aber die theologischen Themen nicht das Wichtigste, sondern es gehe vor allem darum, was beide Seiten leisten könnten, um die Gesellschaft und die derzeitige Situation im Miteinander zu verbessern. Weiterhin ist P. Samir als Professor am P.I.O. in Rom, in Paris, sowie am Maqasid Institute, Beirut, tätig, wo er – einmalig in der Welt – auszubildende Imame über das Christentum unterrichtet, und an der St. Josefs-Universität, Beirut, wo er christliche Theologen muslimische Themen lehrt.  Seine Gastprofessuren waren an den Universitäten Graz, Tokio, an der Al-Azhar-Universität in Kairo, sowie an der Georgetown University und am Zentrum für muslimisch-christliche Verständigung in Washington, D. C. Während einer schwierigen Übergangsphase am P.I.O., Rom, hat der Jesuitenorden P. Samir als Mann des Ausgleichs, der Verständigung und Versöhnung sogar von April bis August 2015 zum Pro-Rektor des P.I.O. berufen.

Würdigung einiger Schwerpunkte des Lebenswerkes von Prof.Khalil Samir S.J.

Lieber P. Samir, dieser kleine Überblick über Dein Leben und Schaffen zeigt, dass Du durch Deinen Fleiß und Deine Beharrlichkeit wesentlich zur Erforschung der christlich-arabischen Literatur und zur Weitergabe dieser Erkenntnisse beigetragen hast. Die Wissenschaft und Öffentlichkeit verdankt Deinem Schaffen mehr als 60 Werke und mehr als 1.500 Artikel.

Durch Dein Wissen, Deine Klarheit und wissenschaftliche Redlichkeit, Deine herzliche und charmante Art, Deine Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit, konntest Du wie kein anderer über alle Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg vor allem den Christen des Orients ihr Identitäts-, Geschichts- und Selbstbewusstsein zurückgeben, was gerade in dieser Zeit der Bedrängnis für sie so nötig ist. Du hast uns allen die kulturelle Rolle der Christen in der arabischen Welt in Geschichte und Gegenwart sowohl durch Deine Vorträge als auch durch Deine Veröffentlichungen aufgezeigt.

Lieber P. Samir, es ist Dein Verdienst, dass Du glaubwürdig nachgewiesen hast und nicht müde wirst, immer wieder zu betonen, dass vor allem die syrischen Christen längst vor dem Islam das hellenistische Erbe übernommen und es dann in die erst entstehende islamische Welt hineintransformiert haben.
Bereits lange vor der islamischen Eroberung durch die islamischen Beduinenstämme hat das historische Syrien (Syria maior), Mesopotamien und Ägypten große christlich-kulturelle Zentren mit Schulen unterhalten. Dort wurden Naturwissenschaften (z.B. Medizin), Recht, Philosophie und Theologie gelehrt. Man kam von weit her, um in Alexandrien, Beirut, Antiochien, Bagdad, Edessa oder Nisibis zu studieren.
Das Griechische war die damalige koinè, die Umgangssprache der Gebildeten, dazu kam dann das Syrische, das Koptische bzw. das Persische. Vom 5. bis 7. Jh. beginnt eine große Übersetzertätigkeit der griechischen Werke ins Syrische. Es wurden z.B. alle medizinischen und naturwissenschaftlichen Texte von Hippokrates, Galen, Aristoteles aber auch andere philosophische Werke übersetzt. Unter den Übersetzern waren bedeutende Patriarchen und Bischöfe, die die Weitergabe des hellenistischen Erbes ins Syrische vorantrieben.

Da es hier und jetzt nicht möglich ist, das Verdienst der arabischen Christen der gesamten Kultur- und Geistesgeschichte des christlichen Mittleren und Nahen Ostens ausreichend auszuführen, so darf doch aufgrund all Deiner Forschungen und Veröffentlichungen zusammenfassend festgehalten werden:
Die hellenistische Kultur, die im Mittelalter via arabischer und persischer Literatur zu uns nach Europa kam, wurde von den Christen vermittelt. Unter ihrer Federführung ist im 9./10. Jh. bereits eine Weltkultur arabischer Zunge entstanden, während das Abendland dazu erst langsam erwachte. In allen Hauptstädten der muslimischen Welt verbreitete sich damals eine gemeinsame Kultur, die wir als interkonfessionell/interreligiös verstehen dürfen, denn sie ist vor allem das Werk der verschiedenen christlichen und religiösen Gemeinschaften von Untertanen des muslimischen Reiches.
Lieber P. Samir, Du bist einer der ganz großen Multiplikatoren des Christlichen Ostens, der als ausgezeichneter „Networker“ Wesentliches zur Bündelung des Detailwissens der Fachwelt beigetragen hat. Dankbar und bescheiden möchte ich als einer Deiner vielen Studenten sagen: Es ist mir eine große Ehre, dass ich Dich kennenlernen durfte, dass Du mich bis heute immer freundschaftlich und mitbrüderlich angenommen und behandelt hast: Vergelt’s Gott!

Lebens- und Wissenserfahrung für uns heute

Unser Preisträger ist jemand, der auch weltkirchlich geachtet und gehört wird. Er ist Konsultor im Vatikan und Papst Benedikt XVI. hat ihn, wie erwähnt, bei der Sondersynode zum Nahen Osten vom 10. bis 24. Oktober 2010 in Rom engagiert. P. Samir hat dabei maßgeblich an der Erstellung der „Lineamenta“ und am „Instrumentum Laboris“ für diese Bischofssynode mitgearbeitet. Diese Dokumente stellen einen weltweit vernommenen Beitrag von historischer Tragweite zur Klärung der Rolle der Christen am Vorabend der „Arabellion“ dar. In den Kapiteln D. bis F. der „Lineamenta“ zeigt sich ganz klar, auf Wunsch von Papst Benedikt XVI., die geistige Handschrift von P. Samir: D. Beziehungen zu den Muslimen. E. der Beitrag der Christen für die Gesellschaft. F. Fazit: Die spezifischen und unersetzlichen Beiträge der Christen in diesen Ländern. Und der jetzige Papst Franziskus, so scheint es, ist gerade dabei, von P. Samir nach und nach zu lernen. Rückblickend darf angemerkt werden: Wie klug war doch die Anweisung des Ordensgenerals P. Arrupe 1973 an P. Samir: „Gehen Sie zum Studium der arabisch-christlichen Literatur. Fangen Sie jetzt damit an, damit ihr Wissen in 50 Jahren genutzt werden kann!“ Es hat keine 50 Jahre gedauert, und wir dürfen bereits seit geraumer Zeit dieses Wissen, den Segen Deines Lebens, nutzen.

Lieber P. Samir, was Dich bei Deinen vielen genialen Fähigkeiten noch auszeichnet, ist Deine Furchtlosigkeit und Deine Klarheit. Bei all Deinem Charme bleibst Du wahr und verbiegst Dich nicht, sondern Du zeigst argumentativ Deinen christlichen Standpunkt auf. Ganz freimütig und in aller Form sagst Du Deine Meinung, sei es in der Beurteilung von Äußerungen aus dem Vatikan oder aus der Politik.

Dein Blick in die Geschichte und Gegenwart ist, was den Islam betrifft, nüchtern und deutlich: Der Islam ist mit Krieg und Eroberungen verbreitet worden. Die muslimische Welt befindet sich in einer bereits jahrzehntelangen Krise. Die Revolutionsbewegungen des sogenannten „Arabischen Frühlings“ haben Regierungsumstürze, chaotische Bürgerkriege und neue katastrophale Machtverhältnisse gebracht. Diese Auseinandersetzungen haben mittlerweile eine neue Dimension der Gewalt erreicht, da die Konflikte sich in einen überaus brutalen Terrorismus verwandelt haben, wie wir ihn gerade erleben. Dies übertrifft alle früheren Krisen des Islam, da jetzt vor allem unschuldige Menschen absichtlich angegriffen werden. Es spielt sich ein inner-islamischer Machtkampf und Krieg ab, der noch lange nicht ausgestanden ist, denn die Islamisten wollen alle anderen Moslems und die „Ungläubigen“ islamisieren. Diese gefährliche Mischung von Politik und unaufgeklärter Religion war und ist ein Irrtum und ein großes Unrecht. Wörtlich: „Wir haben jetzt die grausamste Bestialität in der Geschichte des Islam erreicht. Wir waren noch nie an einem solchen Punkt der Barbarei“. In einem Gespräch mit „Radio Vatikan“ sagtest Du dazu: Notwendig seien jetzt endlich entschlossene Stellungnahmen der Imame und des islamischen Volkes.

Auf die Frage: „Ist das Verhalten des IS der Islam? Oder ist das eine Abweichung?“, antwortest Du: „Sicher liegt der Ausgangspunkt der heutigen Entwicklung auch in der islamischen Tradition.“ Die Rede von den „Ungläubigen“ sei im Islam ja nichts Neues. Sie werde von den Jihadisten aber heute machtpolitisch bestialisch missbraucht. Die Extremisierung geschehe dort, wo der Glaubensgrundsatz „Wer nicht dem authentischen Islam angehört, muss entfernt werden“ brutal in Realpolitik umgesetzt wird. Dies sei „eine der größten Plagen des modernen Islam“. Der Traum von einem islamischen „Gottesstaat“, den die Jihadisten jetzt länderübergreifend verwirklichen wollen, sei ein Irrweg, der auch in der islamischen Welt auf Kritik stoße, so Deine Ausfürhungen. Und wörtlich: „Die großen islamischen Denker sind gegen diese Auslegung des Islam. Das Drama ist, dass auch diese gebildeten Muslime es kaum wagen, Selbstkritik zu üben, sondern schweigen“.

Lieber P. Samir, Du beurteilst in diesem Zusammenhang auch ganz klar die Politik der Großmächte, die auf fremden Territorien ihre Stellvertreterkriege führen, die große Waffenverkäufe tätigen und die aus ökonomischen Gründen ein Land wie Saudi-Arabien als engen Verbündeten hofieren.
Du mahnst mit Recht an, dass wir im Westen unsere Politik der Hilfsorganisationen hinsichtlich Bildung und Entwicklungshilfe neu überdenken und gezielt verstärken müssen. Es zeigt sich doch in allen diesen Konflikten immer wieder, dass Armut und Unkenntnis einer Instrumentalisierung religiöser Dogmen und einer Fanatisierung Vorschub leisten.

Aus den Ergebnissen der Auseinandersetzungen im Irak, in Afghanistan, in Syrien und in all diesen Krisenregionen sollten wir endlich verstehen, dass unsere Demokratiekonzepte hier noch lange nicht greifen.  Hierzu braucht es, wie Du sagst, einen Prozess der religiös-politischen Reifung innerhalb des Islam, eine „universalistische Sichtweise“, in der die Menschenrechte von der islamischen Mehrheit als schützenswert erkannt und verteidigt würden. Die breite Masse müsse jetzt erst einmal klar gegen Fanatismus und Gewalt Position beziehen.

Es ist höchste Zeit, dass zumindest die gebildete moslemische Welt einmal auch deutlich zu den Verdiensten der christlichen Urbevölkerung ihrer Länder, in denen sie mittlerweile zur Minderheit reduziert wurde, und zum angestammten Lebensrecht der Christen in ihren Ländern äußern. Einen kleinen bemerkenswerten Versuch gab es neulich:
Scheich Abdel Latif Darian, Mufti der Republik Libanon (Vertreter der Sunniten), sagte während der Abschlussfeier am Ende dieses Schuljahres (Juli 2018) vor mehr als 350 Schülern der privaten islamischen Makased-Schulen, es werde nicht mehr derselbe Nahe Osten sein, wenn der Exodus der Christen in den Ländern des Mittleren Ostens weiterhin zu einem Schwinden derjenigen beiträgt, die den Namen Christi tragen. „Mit den Christen leben wir im selben Land, wir teilen die Luft und das tägliche Brot. Wir haben dasselbe Schicksal: unsere Zukunft wird dieselbe sein oder wir werden keine Zukunft haben“.

Lieber P. Samir, Dein ganzer Lebensweg als Priester, Lehrer, Forscher, Dein ganzes Lebenswerk mit all den schriftlichen und mündlichen Aussagen ruft uns als Christen im freien Westen, aber auch allen gläubigen Menschen guten Willens überzeugend zu: Achtet auf die Menschenrechte, auf die Religionsfreiheit, sie ist ein unaufgebbares Grundrecht. Sie ist der „Lackmustest“ für alle anderen Freiheiten. Ein globaler Friede ohne Frieden zwischen den Religionen ist nicht möglich. Vergesst die Christen und ihre Verdienste im Nahen und Mittleren Osten nicht! Tretet vernehmlich für Sie ein! Wie lange wollt ihr noch schweigen? Steht auf und tretet für die ein, die euere Hand, eure Stimme und euere Herzen brauchen! Es darf im Namen Gottes keine Gewalt mehr geben!

Lieber P. Samir, der Herrgott vergelte Dir alles 30-, 60- und 100fach, was Du an Gutem getan hast. Er möge Dich noch viele Jahre glücklich und zufrieden erhalten und behüten!

Archimandrit Dr. Andreas-A. Thiermeyer

Laudatio zu Ehren von Kardinal Joseph Zen Ze-kiun 2018

Laudatio zu Ehren von Kardinal Joseph Zen Ze-kiun 2018

Träger des Stephanuspreises 2018
 Gustav-Stresemann-Institut Bonn, 7. April 2018
Bischof Thomas Schirrmacher

Sehr verehrte Eminenz,
Verehrte Frau Aneequa Anthony, Trägerin des Stephanus-Preises 2017,
Verehrter Herr Link und geehrte Frau Koller von der Stephanus-Stiftung,
Verehrte Gäste,

Letztes Jahr besuchte ich die Direktoren des Staatlichen Amtes für Religiöse Angelegenheiten der Kommunistischen Partei in Kuba, die gerade in dem Prozess steht, ihre Kontrolle religiöser Institutionen zu lockern. Der neue Erzbischof von Havanna, der zugleich den Vorsitz der kubanischen Katholischen Bischofskonferenz innehat, hat sich offen für die Menschenrechte eingesetzt. Unter anderem verteidigte er öffentlich unsere Partner in der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (ISHR), die mutigen „Damen in Weiß“, die Mütter und Verwandten politischer Gefangener in Kuba. Vor wenigen Wochen sprach ich in der Nationalen Politischen Akademie der Kommunistischen Partei Vietnams vor Parteiführern und Doktoranden am Institut für Menschenrechte über Themen der Religionsfreiheit. Der Direktor, mein dortiger Gastgeber, hatte 2017 die ISHR in Frankfurt besucht. Vietnam ist eindeutig auf dem Weg zu einem größeren Respekt für religiös Gläubige und  ihren Glauben. Der Weg ist freilich noch weit, aber die Richtung ist deutlich.

Foto: Martin Warnecke

Wir wünschten, wir könnten über ähnliche Entwicklungen in China berichten. China ist nicht mehr das, was es unter Mao war, als Millionen von Christen getötet wurden, weil die Regierung alle Formen offiziellen, sichtbaren Christentums auslöschen wollte. Doch in jüngster Zeit haben sich einige beunruhigende Dinge ereignet. Im Februar 2018 trat ein neues und strengeres Gesetz für religiöse Angelegenheiten in Kraft. Im März löste die chinesische Regierung ihre Staatsadministration für religiöse Angelegenheiten auf und übertrug die Verantwortung für religiöse Angelegenheit stattdessen der Einheitsfrontarbeitsabteilung der Kommunistischen Partei (United Front Work Department, UFWD), die als eine der strengsten Organisationen innerhalb der Partei bekannt ist. Xia Baolong, der als Parteisekretär der Provinz Zhejiang für die Entfernung von 1.700 Kreuzen von katholischen und protestantischen Kirchen zwischen 2014 und 2016 verantwortlich war, wurde im März 2018 Stellvertretender Vorsitzender und Generalsekretär der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes. Die UFWD wird nun auch die direkte Kontrolle und tägliche Aufsicht über die staatlichen Organisationen aller fünf offiziellen Religionen haben, einschließlich der staatlich beaufsichtigten offiziellen Katholischen und Protestantischen Kirchen in China. Diese offiziellen Kirchen machen, wenn es hoch kommt, die Hälfte aller Katholiken und ein Drittel aller Protestanten in China aus; der Rest der unglaublich großen Zahl von Christen gehört dem Netzwerk von Untergrundkirchen an, die zuweilen recht gut sichtbar sind, die es aber ablehnen, unter staatlicher Aufsicht zu stehen. Von den 101 katholischen Bischöfen in Festlandchina sind rund zwei Drittel von der chinesischen Regierung eingesetzt, die meisten davon sind trotzdem vom Papst anerkannt, bis auf 7 Ausnahmen. Rund ein Drittel der Bischöfe sind vom Papst eingesetzt und werden von der Regierung nicht anerkannt. Papst Franziskus hat verständlicherweise das Ziel, diese Spaltung zu heilen, und würde gern die diplomatischen Beziehungen zu China, die 1951 abgebrochen wurden, wieder aufnehmen. Ich habe die Situation mit ihm besprochen, zumal unsere Situation als Protestanten recht ähnlich ist und auch die Leitung der Weltweiten Evangelischen Allianz viele Unterredungen mit der Regierung darüber geführt hat. Als ein Beitrag zu den laufenden Verhandlungen bat der Vatikan – Medienberichten zufolge – einen ihrer, ohne Zustimmung der chinesischen Regierung ernannten, Bischöfe, Bischof Vincent Guo Xijin von Mindong, zurückzutreten und Weihbischof unter Zhan Silu zu werden, einem vom Papst nicht anerkannten Bischof der staatlich beaufsichtigten Katholischen Kirche, der ihn ablösen sollte. Nach allem, was uns bekannt ist, scheint es, dass Bischof Guo es ablehnte, zurückzutreten oder die Ostermesse gemeinsam mit  Bischof Zhan Silu zu zelebrieren, solange er kein authentisches päpstliches Schreiben erhalten habe. Bevor der Vatikan auch nur reagieren konnte, verhaftete die chinesische Regierung Bischof Guo! Vielleicht infolgedessen liegen die Verhandlungen zwischen dem Vatikan und China jetzt auf Eis, auch wenn anscheinend Bischof Guo mittlerweile wieder zuhause ist. All dies hat jedoch für uns hier und heute in gewisser Weise auch sein Gutes, weil unser Ehrengast, Hochwürden Kardinal Zen, unter uns sein kann. Er ist die lauteste Stimme gegen – wie er es wiederholt genannt hat – einen „faulen Kompromiss“ zwischen Christen und der chinesischen Regierung. Doch er versprach, bis zum Ende seines Lebens zu schweigen, wenn der Heilige Vater irgendein Abkommen unterzeichnen würde.

Foto: Martin Warnecke

Dank der unerwarteten Verhaftung von Bischof Guo, die bewies, dass jedes Wort von Kardinal Zen eine realistische und exakte Beschreibung der Lage ist, wurde bis jetzt nichts unterzeichnet, und so haben wir die Ehre, den Kardinal hier bei uns zu haben. Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, S.D.B., Bischof emeritus von Hong Kong (China), geboren 1932 in Yang King-pang, Shanghai, erhält den Stephanus Preis für seinen Mut und seine Ausdauer in der Verteidigung der Religionsfreiheit und in seinem Einsatz zugunsten von Verteidigern der Menschenrechte. 2011 beispielsweise verfügte ein neues Gesetz Hong Kong, 300 katholische Schulen stärker zu reglementieren. Der Kardinal, 79 Jahre alt und nicht gerade ein agiler junger Mann, ging dennoch in Hungerstreik und machte so die ganze Welt auf die Lage aufmerksam. Ich könnte viele weitere Beispiele dafür anführen, wie dieser salesianische Priester und Bischof sich wieder und wieder für seine Mitchristen in China einsetzte. Seine Wikipedia Biografie enthält zahlreiche konkrete Fälle. Das Rot im Kardinalsgewand, ebenso wie das Purpur der Kleidung eines Bischofs, steht für das Blut der Märtyrer. Das Rot in Kardinal Zens Kleidung steht wahrhaftig für Märtyrerblut. Die höchste Ehre eines Bischofs ist nicht seine rechtliche Autorität, sondern dass er eine Kirche repräsentiert, die auf dem Samen des Blutes der Märtyrer erbaut ist, eine Tatsache, die in China vielleicht eindrücklicher wahr ist, als irgendwo sonst auf der Welt. Die Farbe Rot zu tragen, zeigt die Bereitschaft an, sein Leben zu riskieren und in die Hände des Herrn, unseres Gottes zu legen. Es ist eine besondere Ehre, diese Farbe zu tragen, nicht, weil sie Macht verkörpert, sondern weil sie eine dienende Haltung sichtbar macht. Sie bringt Solidarität mit den Schwachen, sowie die Bereitschaft, dafür zu sterben, zum Ausdruck. Ist das alles, wofür Kardinal Zen steht – ein hochrangiger Christ, der sich für Christen einsetzt? Nein, da ist noch viel mehr. Kardinal Zen war erstens eine deutliche Stimme gegen die Diskriminierung von Christen, zweitens ein Verteidiger der Religionsfreiheit für alle Religionen und Weltanschauungen, und drittens ein Symbol für Menschenrechte im Allgemeinen, weit über rein religiöse Probleme hinaus. Lassen Sie mich ein Beispiel für den zweiten Punkt anführen. Als die ISHR sind wir in besonderer Weise in die Verteidigung von Falun Gong Anhängern involviert, sowie gegen das Übel des Organhandels, einschließlich der Tötung von Gefangenen, um ihre Organe zu entnehmen. Diese Praktik ist von Forschern und Experten belegt worden, die unabhängig von der Falun Gong Gemeinschaft arbeiten, wie dem ehemaligen UN Berichterstatter zum Thema Folter, Manfred Nowak, Professor für öffentliches internationales Recht in Wien. Wir begrüßen die Vertreter von Falun Gong, die heute unter uns sind, um den Kardinal zu ehren. Sie werden nicht überrascht sein zu hören, dass Kardinal Zen seine Stimme gegen die chinesische Politik der Ausgrenzung und Verfolgung von Falun Gong erhoben hat. Wir danken ihm für diesen mutigen Schritt. Gehen wir weiter zu den Menschenrechten im Allgemeinen. Jedes Jahr am 1. Juli können Sie den Kardinal in der ersten Reihe des Hong Kong Marsches der Front für Zivile Menschenrechte marschieren sehen, einem Zusammenschluss nahezu aller Menschenrechtsorganisationen in Hong Kong. 2014 sagte er zu den versammelten Protestteilnehmern: „Es ist höchste Zeit, dass wir wirklich zeigen, dass wir frei und keine Sklaven sein wollen. … Wir müssen uns vereinen.“ Während seiner Rede wurden die Protestierer mit Tränengas beschossen. Kardinal Zen half nicht nur, die Menschenrechtsaktivisten zu einen, sondern setzte sich auch in China für sie ein – nicht nur für Christen, sondern für alle gutwilligen Menschen, jung und alt, unbekannt und prominent. Er war und ist davon überzeugt, dass die kommunistische Ideologie nicht die wirklich treibende Kraft hinter der regierenden Partei in China ist. Vielmehr glaubt er, dass die treibende Kraft Imperialismus und Gier ist, wie die unkontrollierbare Bankenkorruption beweist. Und wo immer Korruption weit verbreitet ist, ist es nahezu unmöglich, die Verletzer der Menschenrechte zu bekämpfen, selbst wenn man es wollte.

Lassen Sie mich noch einmal auf den christlichen Aspekt zurückkommen. Die christlichen Schriften (im Römerbrief 13,1-7), fordern Christen auf, sich den bestehenden Machthabern unterzuordnen, die wir heutzutage den Staat nennen. Warum? Weil Gott den Staat dazu verordnet hat, die zu schützen, die Gutes tun und die zu bestrafen, die Böses tun. Das ist der Grund, weshalb Christen, einschließlich Kardinal Zen, gute Staatsbürger sind. Er rief niemals zur Revolution auf; er hinterfragte nie die Existenz des Staates oder die Notwendigkeit von Gesetz und Ordnung. Römer 13 ist im Laufe der Geschichte oft missbraucht worden, um die Lehre zu bekräftigen, dass die Gemeinde passiv jedes Übel akzeptieren muss, das vom Staat begangen wird, und dass sie dem Staat immer gehorchen muss. Doch in Wirklichkeit handelte der Autor von Römer 13, Paulus, selbst nie so. An anderer Stelle, in Offenbarung 13, spricht das Neue Testament sogar davon, dass der Staat den Geist des Antichristen habe. Die Machthaber der Geschichte waren oft beunruhigt durch Christen, auch wenn sie gute Bürger waren, die pünktlich ihre Steuern zahlten, ihren Mitbürgern in Not halfen und die moralische Rechtfertigung für Regierungen anerkannten. Warum? Weil Christen den Staat nicht als die Quelle aller Macht und Weisheit ansehen. Sie gehorchen dem Staat nicht deshalb, weil sie glauben, dass er vollkommen sei, sondern weil Gott ihnen aufträgt, dem Staat zu gehorchen. In diesem Gehorsam leben sie das aus, was Petrus einmal sagte: „Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Wir müssen Menschen gehorchen. Wenn niemand irgendjemand anderem gehorchen würde, könnten wir als Gesellschaft nicht funktionieren. Aber wir gehorchen Gott mehr. Deshalb, o Staat, setz dich ein für das Gute, verteidige Menschenrechte, hilf den Bedürftigen, und wir sind die nettesten und kooperativsten Bürger auf Erden. Gebrauchst du jedoch deine Macht, um von den Armen zu stehlen, die Getreuen zu unterdrücken und jene zu verhaften, die Gutes tun – so werden wir zwar weiterhin unsere Steuern zahlen, werden wir weiterhin nicht zu den Waffen greifen, um eine Revolution anzuzetteln, doch wir werden unsere Stimme für die Freiheit und die Rechte jedes Einzelnen erheben, weil wir glauben, dass jeder im Bilde Gottes erschaffen wurde und durch all seine Mitmenschen, und besonders durch den Staat, beschützt werden sollte. Eure Eminenz, als Kardinal aus China sind Sie ein lebendes Symbol für diese Komplementarität von Römer 13. Sie lieben ein Land, das eine unglaublich große Zahl von Christen getötet hat. Sie zeigen keinen Hass, sondern nur die tiefste Sehnsucht nach einer gerechten, friedlichen Zukunft für Ihr Volk und dessen Führung. Ihr ganz und gar friedliches und respektvolles, aber mutiges und riskantes Handeln im Einsatz für diejenigen, die bedrängt und verfolgt werden, macht sie mehr als würdig, den Stephanus Preis zu empfangen, der nach dem ersten christlichen Märtyrer benannt ist. Sie lehren uns alle, dass der christliche Glaube kein Streben nach Geld und Macht ist, sondern ein friedliches Weitergeben und Verteidigen von nichts anderem als der Wahrheit.

Ich danke Bruce Barron für die Bearbeitung dieser Laudatio

Bischof Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher

Präsident, Internationaler Rat der International Society of Human Rights (Frankfurt)
Associate Secretary General of the World Evangelical Alliance (New York), Moderator Office of Intrafaith and Interfaith Relations (OIIR), Member of the Faith and Order Commission of the World Council of Churches, Chair of the Advisory Board of the Central Council of Oriental Christians, Leitender Bischof der Communio Messianca (Jerusalem)

Laudatio zu Ehren der Menschenrechtsanwältin Aneeqa Anthony 2017

Laudatio zu Ehren der Menschenrechtsanwältin Aneeqa Anthony 2017

Trägerin des Stephanuspreises 2017
Aula der PT Hochschule Sankt Georgen Frankfurt, 25. März 2017
Michaela Koller, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen

Die Schönheit der Gerechtigkeit

„Brich dem Hungrigen dein Brot, die im Elend sind, führe ins Haus; wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh’ dich nicht deinem Verwandten. Alsdann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Besserung wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit wird vor dir her gehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird hinter dir her ziehen.“
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Stephanus-Stiftung! Gerade haben wir noch die musikalische Definition von Schönheit, die Arie der Venus aus der Oper Creazione von der Komponistin Gloria Bruni selbst vorgetragen bekommen. Was ist aber hier mit Herrlichkeit gemeint? Nicht an Ruhm, durch laut tosenden Beifall begleitet, ist gedacht, noch an eine Berühmtheit, durch viele tausende Follower oder Abonnenten bestätigt, an keinen Ruf, der Arenen oder Hallen füllt. Die eingangs zitierten Worte aus Jesaja (Kapitel 58,7-8) verweisen den Leser auf guten, wahren und schönen Glanz. Nein, dieses Licht ist nicht von der Zustimmung in dieser Welt abhängig. Im Gegenteil: Die Welt kann sogar einen ganz anderen Blick auf den Gerechten haben.

So erging es Ranjha Masih, dem ersten Träger des Stephanuspreises für verfolgte Christen, der im Jahr vor der urkundlichen Gründung der Stiftung im Jahr 2007 verliehen wurde. Unter falschem Verdacht, Gotteslästerung, also Blasphemie, begangen zu haben, saß Ranjha vom 8. Mai 1998 bis zum 14. November 2006 in Einzelhaft, zeitweise in der Erwartung seiner Hinrichtung. Die Stephanus-Stiftung feiert in diesem Jahr am 8. November ihren zehnten Geburtstag und so habe ich mich bei meiner jüngsten Reise nach Pakistan darum bemüht, unsere früheren Preisträger dort zu suchen und nach ihnen zu sehen. Ranjha Masih ist inzwischen verstorben, er lebte nur weniger als drei Jahre nach seiner glücklichen Freilassung. Und die Familie war sehr schwer zu finden. Es war unsere heutige Preisträgerin, die pakistanische Menschenrechtsanwältin, selbst katholische Christin, Aneeqa Maria Anthony, der es gelang, die Witwe Rasheeda Bibi und ihren Sohn Mubarik Masih ausfindig zu machen. Was war geschehen? Ich zitiere, was der Sohn mir berichtete: „Nach seiner Freilassung erhielten wir Morddrohungen und wurden wiederholt angegriffen, geschlagen, beschimpft.“ Die Ausgrenzung, der Rückzug, all das habe dazu beigetragen, dass die Familieneinkünfte knapp blieben. Auf dem Rückweg vom Büro einer Hilfsorganisation, die er um Unterstützung ersucht habe, sei Ranjha Mitte Juni 2009 auf einem Markt zusammengeschlagen und gefährlich verletzt worden. „Ich bin drei Stunden zu Fuß gelaufen, um Geld für die Behandlung zu besorgen“, erinnerte sich Mubarik. Vergeblich. Sie mussten den Familienvater aus der Klinik abholen, nach Hause bringen, wo er am 14. Juni 2009 seinen Verletzungen erlag. Nur zur Erinnerung: Ranjha Masihs Martyrium hatte am Tag der Beisetzung von Bischof John Joseph begonnen, am 8. Mai 1998, als eine Menge trauernder Christen durch die Straßen zog und er unter ihnen willkürlich beschuldigt wurde, ein Schild mit einem Koranzitat durch einen Steinwurf beschädigt zu haben. Wegen dieses zeitlichen Zusammenhangs ist dieser Fall immer noch sehr prominent.

Erst am 26. April 2003 kam es zu einem ersten Gerichtsurteil, zunächst zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe. Am 10. November 2006 wurde er schließlich freigesprochen. „Masihs starker Glaube hat ihm eine Anerkennung durch die Stephanus-Stiftung eingebracht, die ihm im Mai wegen der Unerschütterlichkeit, mit der er zu seinem Glauben stand, einen Preis verlieh“, heißt es in einer Meldung von Asia News über die Freilassung. Der am 2. März 2011 ermordete pakistanische Minderheitenminister Shahbaz Bhatti hatte Masih im Dezember 2002 im Zentralgefängnis von Faisalabad besucht und bezeugt, dass der fälschlich der Blasphemie Angeklagte folgende Worte sprach: „Ich wäre glücklich, wenn das Opfer meines Lebens dazu beitragen könnte, dieses schwarze Blasphemiegesetz abzuschaffen, obwohl ich fälschlicherweise da hineingezogen und für ein Verbrechen bestraft wurde, das ich nicht begangen habe. Die Gebete meiner Brüder und Schwestern in Christus stärken mich.“ Entschlossen hat mir Aneeqa Anthony zugesichert, sich künftig um die Familie unseres ersten Preisträgers zu kümmern.

Sehr geehrte Damen und Herren, Ranjha Masih war ein kleiner Angestellter und Höker, ein fliegender Händler. Alle Preisträgerinnen und Preisträger, die danach folgten, mussten zunächst einmal die Bescheidenheit beweisen, in die Fußstapfen eines einfachen, armen, wenig gebildeten Mannes zu treten, der bis zu seinem zu frühen Tod knapp bei Kasse blieb. Niemand hat uns gefragt, welche Staatsoberhäupter, Bestseller-Autoren oder Ticketkassenmagnete auf unserer Preisträgerliste stehen, denn es war allen klar: Ranjha Masihs Gerechtigkeit ging ihm voraus und die Herrlichkeit des Herrn zog hinter ihm her.

Unsere heutige Preisträgerin ist erst 35 Jahre alt, sie füllt keine Titelgeschichten in den Gazetten dieses Landes, aber sie hat uns viel mehr zu sagen, als viele andere, die dies tun: Da wäre zum einen die Warnung vor einer Rechtsauffassung, von einem Begriff von Gerechtigkeit, der so verdreht ist, dass er Vergeltungshunger, Willkür und der Herrschaft des Stärkeren über die Verletzlichsten Tür und Tor öffnet, die Sünde mit Straftat verwechselt und sie mit samt dem Täter auszurotten versucht, weil ihr Dogma keine Beschämung erlaubt, keine Umkehr, und so auch kein Verzeihen und kein Versöhnen ermöglicht. Die den Irrtum verbreitet, dass sich die Wahrheit nur durch Unterwerfung durchsetze. Diese Auffassung machte sich seit Herbst 2015, während der deutsche Michel fest schlief, sogar in deutschen Erstaufnahmeeinrichtungen breit. Menschenrechtsorganisationen, von denen Vertreter im Vorstand der Stephanusstiftung sitzen, ist es zu verdanken, dass Politik, Kirchen und Betreiber sowie Leitungen der Heime überhaupt sensibilisiert wurden und auf orientalische Christen, Jesiden, Frauen oder besonders Konvertiten mehr geachtet wird, mehr für ihren Schutz getan wird.

Foto: Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen

Die Weltanschauung, von der ich spreche, entspringt einer wörtlichen Auslegung des Koran. „Die radikale Vision des Wahhabismus breitet sich in Asien, Afrika und überall aus“, wie der international bekannte Islamwissenschaftler, der ägyptische Jesuitenpater Samir Khalil Samir mir neulich noch sagte. Er begrüßt Tendenzen zur Erneuerung der Gesetze der Scharia und die überfällige, vernunftgeleitete Auseinandersetzung mit Koranpassagen, die von Gewalt berichten. Die religiöse Kultur Pakistans ist zunehmend arabisch beeinflusst, wahhabitisch-ideologisch sowie kulturell. Darauf macht mich unsere Preisträgerin Aneeqa Anthony regelmäßig aufmerksam: So werden persische Lehnwörter religiöser Begriffe wie Namen von Festtagsgrüßen oder Abschiedsworten seit der Islamisierungskampagne des früheren Militärdiktators Zia ul-Haq im Urdu durch arabische Ausdrücke ersetzt. Folgen wir der Spur des Geldes: Im Finanzjahr 2015 bis 2016 flossen, Angaben der pakistanischen Staatsbank zufolge, 5,9 Milliarden US-Dollar an Überweisungen aus Saudi-Arabien nach Pakistan, mehr als aus jedem anderen Land der Welt. Das wahhabitische Regime ist dafür bekannt, mit der Drohung, Unterstützung zu entziehen, Politik zu betreiben, wie mir Pater Samir weiter bestätigte. Den Westen hält die Steuerung der Radikalisierung aus Riad nicht davon ab, gute militärische und wirtschaftliche Beziehungen zu unterhalten, wo öffentliche Hinrichtungen mehrere hundert Mal im Jahr nach dem Freitagsgebet stattfinden. Der Euro-Mediterran-Arabische Länderverein, kurz EMA, angeführt von seinem Präsidenten, dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, reiste vom 28. bis 31. Januar 2017 mit einer Wirtschaftsdelegation, die 28 Teilnehmer umfasste, nach Saudi-Arabien. „Die Reise … diente dem Zweck, Kontakte zwischen deutschen und saudischen Unternehmen zu knüpfen“, wie es in einem Bericht darüber heißt. Genügend deutsche Firmen, unter anderem Liebherr und DHL, betreiben dort schon ihr Geschäft.

Sehr geehrte Damen und Herren, der Einfluss des Wahhabismus auf die Atommacht Pakistan ist fatal: Bald könnte, wenn das Bevölkerungswachstum sich so weiterentwickelt, dieser Staat das bevölkerungsreichste islamische Land der Welt sein, Indonesien mit seinen rund 200 Millionen Muslimen in diesem Superlativ überrundet haben. Schon jetzt leben mehr als 185 Millionen Muslime in Pakistan. Ein Indikator, der uns aufschrecken lassen sollte, ist die zunehmende Gewalt: Zwangsverheiratung und Zwangskonversion, häusliche Gewalt und Vergewaltigung, Kinderarbeit, moderne Sklaverei, Folter und religiös begründete Angriffe auf Leib und Leben und immer wieder fadenscheinige Blasphemievorwürfe. Das sind all die Arbeitsfelder, gegen die sich Aneeqa Anthony unermüdlich, selbstlos und in ständiger Gefahr für ihr eigenes Leben einsetzt. Sie engagiert sich besonders für bedürftige und benachteiligte Schülerinnen und Schüler sowie Waisenkinder, ebenso wie für Frauen, die sie aufgrund ihrer Benachteiligung gerne als „größte Minderheit im Land“ bezeichnet.

Lassen Sie mich von einem Beispiel berichten: Am 23. November vorigen Jahres geschah das Unerwartete durch ein pakistanisches Anti-Terror-Gericht: Erstmals ist mit der Verhängung von Höchststrafen gegen fünf Männer nach einem religiös motivierten Lynchmord Gerechtigkeit erfolgt. Sie hatten am 4. November 2014 zur Gewalt gegen Shahzad Masih (28) und seine schwangere Frau Shama Bibi (26) eine Menge angestachelt. Das Christen-Paar wurde öffentlich beschuldigt, Seiten aus einer Koranausgabe verbrannt zu haben. Wie Sklaven arbeiteten sie in einer Ziegelei. Der fanatisierte Mob packte sie, zerrte sie um die Felder, schlug sie und brach ihnen die Beine, und stieß sie anschließend in einen Ziegelofen, wo sie verbrannten. Der Fall sorgte international für Aufsehen. Als „barbarischen Akt“ bezeichnete seinerzeit Kardinal Jean-Louis Tauran die Tat und forderte islamische Autoritäten auf, die Tat zu brandmarken.

Aneeqa Maria Anthony vertritt vor Gericht die Interessen der drei überlebenden Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, die vor den Fanatikern in Sicherheit gebracht werden konnten. Die jüngste, Poonam, begeht demnächst ihren vierten Geburtstag, die Mittlere, Sonia, ist fünf Jahre alt und der nunmehr achtjährige Sohn Salman war zur Tatzeit sechs Jahre alt und hat alles mit ansehen müssen und verstanden. Als ich im Februar in Pakistan war, lag er gerade wegen einer Wundinfektion im Krankenhaus, wo ich ihn mit Frau Anthony besuchen durfte. Er starrte verängstigt auf die roten Flecken seines Beines. Frau Anthony kümmert sich rührend um die Kinder, was weit über das Maß einer rechtlichen Interessenvertretung hinausgeht. Das hat mir auch der Großvater der Kinder, Mukhtar Masih, bei dem sie jetzt leben, auf Nachfrage bestätigt. Als ich vorige Woche wieder einmal im Zuge der Vorbereitungen Frau Anthony anrief, besuchte die Familie sie gerade. Über einen Videoanruf konnte ich mit Salman sprechen, den ich dabei erstmals lächeln sah.

Mein sehr geehrten Damen und Herren, dies ist auch das erste Mal in der Geschichte der Blasphemiegesetze, dass Lynchmorde an Christen vor Gericht bestraft worden sind. Das ist nicht nur Ergebnis der Hartnäckigkeit Frau Anthonys, sondern auch ihres Mutes, denn mitten im Verfahren, im Dezember 2015 tauchte schließlich ein Mordaufruf an öffentlichen Plätzen in Lahore auf. Sie gehe gegen Pakistans Blasphemiegesetze vor, hieß es. Am 4. Januar 2011 war schon der Provinzgouverneur vom Punjab, Salman Taseer, infolge eines solchen Vorwurfs ermordet worden. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte bemühte sich damals um Aufnahme unserer heutigen Preisträgerin in Deutschland. Das Auswärtige Amt lehnte den Schutz der Menschenrechtsverteidigerin mit der Begründung ab, dass sich ihre Gefährdung nicht von der anderer Angehöriger der christlichen Minderheit unterscheide, die 2,7 Prozent unter insgesamt vier Prozent Nicht-Muslimen des Landes ausmacht.

Das wirkt zynisch: Allein aufgrund des Verdachts der Gotteslästerung ereigneten sich bereits mehrfach seit Einführung der Blasphemie-Gesetze in den achtziger Jahren unter Präsident Zia ul-Haq, auf deren Grundlage überproportional viele Angehörige von religiösen Minderheiten verfolgt werden, Lynchmorde und Vergeltungsakte gegen Kritiker. Der prominenteste Fall ist die Ermordung des pakistanischen Minderheitenministers Shahbaz Bhattis am 2. März 2011. Wegen seines Einsatzes für die wegen Blasphemie zu Tode verurteilte fünffache Familienmutter, Asia Bibi, die wie er selbst christlichen Glaubens ist, geriet er ins Fadenkreuz. Das Attentat ereignete sich zwei Monate nach der Ermordung des Provinzgouverneurs Salman Taseers durch dessen Leibwächter Mumtaz Qadri. Der Mörder wird noch immer von Fanatikern frenetisch gefeiert. In Islamabad wurde 2014 eine Moschee nach ihm benannt, die regelmäßig überfüllt sein soll. Der Richter, der ihn zum Tode verurteilte, musste wegen Drohungen außer Landes fliehen.

Die Lage war gefährlich für Aneeqa Anthony. Sie ist Familienmutter und musste mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern von Versteck zu Versteck ziehen, immer in der Angst, entdeckt zu werden. „Ein Mitarbeiter wurde zur Warnung zusammengeschlagen“, berichtet Anthony. Via Kurznachrichten hielten wir Kontakt zu ihr, während sie sich im Verborgenen aufhielt. Von dort schrieb sie: „Dabei habe ich nicht Angst um mich, denn ich nehme dies freudig als Lohn für meine Arbeit und für jene Brüdern und Schwestern in Christo an, die noch mehr Leid durchmachen. Aber alles, worum ich mir Sorgen mache, ist meine Familie, meine alten Eltern und meine kleinen Kinder. Ich habe keine Ahnung, wie ich sie vor dem Leid bewahren soll, es ist ja nicht ihre Schuld.“ Wir versuchten weiterhin, ein Visum für Frau Anthony zu bekommen, um sie wenigstens für einige Zeit aus der Situation herauszubringen. Ein Schreiben an den Präfekten des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, mit der Bitte um die Möglichkeit für Frau Anthony, dem Papst persönlich zu begegnen, half weiter. Ich war überglücklich, sie schließlich mitten auf dem Petersplatz knapp eine halbe Stunde vor Beginn der Audienz in die Arme schließen zu können. Anthony erhielt die Gelegenheit, mit Papst Franziskus im Rahmen der Audienz über den Lynchmord-Fall zu sprechen. Sie überbrachte ihm einen bemalten Ziegelstein als Symbol der Unterdrückung vieler Christen in ihrer Heimat, die in Ziegeleien in der Sklaverei ähnlichen Verhältnissen schuften. Die drei Waisenkinder hatten ihn gestaltet.

Anthony, am 25. April 1981 in der Hauptstadt des Punjab Lahore geboren, begann als Hochbegabte frühzeitig mit einem Studium der Englischen Literatur, Soziologie und Journalismus an der University of Punjab, das sie 2002, im Alter von 21 Jahren, mit einem Master als akademischen Grad beendete. Bereits ein Jahr darauf gelang ihr der Abschluss in Rechtswissenschaft, wobei sie Strafrecht als Schwerpunkt wählte. Sie war im Anschluss Dekanin an der ersten christlichen Hochschule für Jura, dem Trinity Law College, und zugleich Beraterin bei der ersten Rechtshilfeorganisation, die sich der Blasphemie-Opfer annahm, also fälschlich der Gotteslästerung Beschuldigte verteidigte. Sie war bereits als Berufsanfängerin auf dem Weg zu ihrem ersten Mandanten von einem Mob umzingelt worden und nur mit Glück entkommen. Die Menge wollte sie als Anwältin eines angeblichen Gotteslästerers mit Gewalt aufhalten. Als Studentin gründete sie bereits ihre eigene Organisation für rechtliche und humanitäre Hilfe, The Voice Society. The Voice Society bietet Benachteiligten kostenlose Rechtshilfe an, ein großes Netzwerk von spezialisierten Anwälten wie Aneeqa Anthony steht ihnen zur Verfügung. Sie verbindet dies mit der humanitären Hilfe für Bedürftige und Bedrängte unter einem Dach.
Drei Anschlägen auf ihr Leben ist die 35-Jährige bereits knapp entkommen und bereits zweimal wurde sie derart bedroht, dass sie für eine Weile untertauchen musste: Erstmals geschah dies im August 2008, nachdem Anwaltskollegen versucht hatten, sie durch Blasphemie-Verdächtigung auszuschalten. Sie floh außer Landes, fand Aufnahme in Deutschland im Rahmen eines Schutzprogrammes für Menschenrechtsverteidiger. Die Zeit nutzte sie, um bei der IGFM ihre Expertise in bilateraler Projektarbeit zu vertiefen und kehrte nach neun Monaten wieder zurück in ihre Heimat, um sich dort voller Energie mit ihrer eigenen Organisation für die Besserung der Lage der Benachteiligten einzusetzen. Auf die Frage, woher sie die Kraft nimmt, trotz aller Gefahr sich oftmals bis spät in die Nacht für die Armen einzusetzen, antwortet sie mir bei meinem Besuch in Lahore: „Unsere Stärke gibt uns Gott. Er ist die einzige Waffe, die wir haben. Wir hören oft den Vorschlag, uns bei schwierigen Ermittlungen zu bewaffnen. Gott ist der, auf den wir uns stützen. Wir sagen uns immer, wenn er uns wirklich einsetzen möchte, um große Dinge zu tun, dann wird er uns wirklich beschützen.“

Sehr geehrte Damen und Herren, Aneeqa Anthony steht wirklich an der Front zwischen einem universalen, durch Jahrtausende hindurch gewachsenem Menschenrechtsverständnis auf der einen Seite und einer gefährlichen Scharia-Fallrechtsprechung auf der Basis irriger Analogieschlüsse auf der anderen Seite, wo nicht das Leben und die Würde des Menschen, sondern der Schutz der Ummah als höchster absoluter Wert gilt. „Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen“, sagte Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011. In einem diplomatisch einmaligen Vorgang forderte er bei seinem traditionellen Neujahrsempfang für die Diplomaten am Heiligen Stuhl am 10. Januar 2011 die pakistanische Regierung dazu auf, das Blasphemiegesetz abzuschaffen – „umso mehr, als es offensichtlich als Vorwand dient, um Ungerechtigkeit und Gewalt gegen die religiösen Minderheiten zu provozieren“. In seiner Ansprache hatte der Papst gesagt, der „tragische Mord“ am Gouverneur der Provinz Punjab zeige, wie dringlich eine Aufhebung des Gesetzes sei. „Die Verehrung Gottes fördert Brüderlichkeit und Liebe, nicht Hass und Entzweiung“, sagte er. Der Vorgang war außergewöhnlich, vor allem außergewöhnlich mutig: Der Generalsekretär der pakistanischen Partei „Jamaat-e-Islami“, Liaquat Baloch, sprach daraufhin von einer „Einmischung in interne und religiöse Angelegenheiten“. Laut der pakistanischen Nachrichtenagentur APP stufte er die Äußerung des katholischen Kirchenoberhaupts als Vorlage ein, „um die ganze Welt in einen blutigen Krieg zu stürzen“. Nicht allein der Mord am pakistanischen Provinzgouverneur eine Woche zuvor mag Benedikt zu diesem Schritt wohl bewogen haben, sondern auch sein intensives Nachdenken über die Grundlagen der Freiheit in einer gerechten Ordnung: „Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, dass sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben“, sagte er in der eingangs zitierten Naturrechtsrede vor der deutschen Volksvertretung. Darin verweist er auf die durch Jahrtausende gewachsene Tradition der Menschenrechte, aus der nicht nur philosophisch, sondern historisch der Universalitätsanspruch abzuleiten ist. „Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts“, führte er weiter aus. Auch Pakistan steht in dieser gewachsenen Rechtstradition, da es mit seiner Unabhängigkeit am 14. August 1947 das auf dem commom law of England and Wales beruhende Rechtssystem Britisch-Indiens behielt. Die unglückliche Shariazation setzte mit General Zia ul-Haq ein, ein Prozess, der sich unter dem Druck einflussreicher islamistischer Gruppen beschleunigt.

Menschenrechtsverteidiger wie Aneeqa Anthony versuchen, die Situation, die Menschen aus ihrer unheilvollen Lage, zu retten. Der eingangs zitierte Jesaja lebte 700 Jahre vor Christus im Südreich Juda. Die Vorstellung von der Schönheit der Gerechtigkeit fand auch in der römischen Antike ihren Widerhall, so auch im zweiten und dritten Jahrhundert, die Zeit der großen römischen Juristen Papinian, Paulus und Ulpian, die auch in Britannien waren, wie wir durch Theodor Mommsen aus seiner „Römischen Geschichte“ erfahren, und dort, etwa im Beweisrecht, Rechtsgeschichte schrieben. „Die Erkenntnis dieses Rechtes lässt sich mit der Erkenntnis des Schönen, des Harmonischen überhaupt vergleichen. Man denke an das Erfahren von Schönheit in der Musik“, sagte mir die Professorin für Römisches Recht, Nadja El Beheiri, die Aneeqa Anthony für nächsten Dienstag zu einer Vorlesung an ihrem Lehrstuhl eingeladen hat. Sie sagte weiter: „Die römischen Juristen des 2. und 3. Jahrhunderts entwickelten eine Vorliebe für Schönheit und Eleganz im Recht.“ Wie kann die Schönheit des Engagements von Aneeqa Anthony musikalisch ausgedrückt werden, so fragte sich die Stephanus-Stiftung. Aus diesem Grund ist es für mich eine besondere Freude, dass die Künstlerin Gloria Bruni sich heute hier selbstlos an der Ehrung mit dem unglaublich wertvollen musikalischen Rahmen beteiligt. Dies passt so ausgezeichnet, weil sie sich in ihrem Schaffen dem Respekt vor der Religion, den Angehörigen anderer Kulturen und besonders der Liebe zur Harmonie verschrieben hat.

Das Recht kann wie die Musik die Menschen in ihrem Empfinden zusammenführen und versöhnen. Zur Durchsetzung desselben bedarf es jedoch furchtloser Menschenrechtsverteidiger wie Aneeqa Maria Anthony: Auf ihrem Weg, den die Stephanusstiftung voll Hoffnung begleitet, wünschen wir ihr Gottes reichen Segen! Herzlichen Glückwunsch!

Dankesrede Pfarrer Dr. Gottfried Martens 2016

Berlin, 28. Mai 2016

Dankesrede

Herzlich danke ich der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen für die Zuerkennung und Überreichung des Stephanus-Preises. Als ich im September letzten Jahres von der Stephanus-Stiftung über diese Entscheidung informiert wurde, dass mir ein Preis für standhafte Christen in Verfolgerstaaten zuerkannt worden ist, und als ich dann die Liste derer mir anschaute, die diesen Preis vor mir erhalten hatten, hatte ich den Eindruck, dass die Fußtapfen derer, denen dieser Preis zuvor verliehen worden waren, doch allzu groß waren und ich mich in meiner gesicherten Stelle als Pfarrer in einem friedlichen, demokratischen Land nicht unbedingt in eine Reihe mit Blutzeugen des Evangeliums stellen kann. Diesen Eindruck habe ich, ehrlich gesagt, nach wie vor. Dennoch muss ich der Stephanus-Stiftung meinen großen Respekt dafür aussprechen, dass sie bereits im September 2015 gespürt hat, was für ein brennendes Thema die Frage der Bedrängung von Christen in Asylbewerberheimen unseres Landes in Wirklichkeit darstellt. Dass dieses Thema einmal eine solche Brisanz auch in der öffentlichen Diskussion entwickeln könnte, wie dies nun tatsächlich mittlerweile der Fall ist, habe ich im Unterschied zur Stephanus-Stiftung damals nicht geahnt. Ich habe der Zuerkennung des Stephanus-Preises an mich damals zugestimmt mit dem Verweis darauf, dass damit in Wirklichkeit und vor allem der Mut unserer christlichen Brüder und Schwestern in den Asylbewerberheimen unseres Landes gewürdigt wird, die um ihres Glaubens willen in so vielen Heimen bedrängt, bedroht und schikaniert und oft genug auch verleumdet werden und die trotzdem an ihrem Bekenntnis zu Christus festhalten, auch wenn sie immer wieder voller Erschrecken feststellen, dass sich die Situation in den Heimen kaum von der Situation unterscheidet, vor der sie aus ihrer Heimat geflohen waren. Diese Würdigung möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich noch einmal hervorheben. Ich habe vor diesen Christen und ihrem Glaubensmut einen sehr hohen Respekt und bin dankbar für die Ermutigung, die wir hier in Deutschland durch sie in unserem christlichen Glauben erhalten.

Herzlich danke ich natürlich auch Herrn Hafen für seine freundlichen Worte. Letztlich erhalte ich heute einen Preis dafür, dass ich Geschenke auspacken darf. Denn die Arbeit hier in der Gemeinde ist ein großes Geschenke-Auspacken. Ich mag nicht den heute so weit verbreiteten Sprachgebrauch, immer wieder von einer Flüchtlingskrise oder von einem Flüchtlingsproblem zu reden. Wir erleben hier in unserer Gemeinde einen gewaltigen Flüchtlingssegen, mit dem wir geradezu überschüttet werden und für den wir gar nicht dankbar genug sein können. Wer mit diesen Flüchtlingen hier in unserer Gemeinde näher zu tun hat, merkt bald, was für Geschenke wir da in unserem Land erhalten haben – und ich bin hier in der Gemeinde tatsächlich die ganze Zeit mit dem Auspacken dieser Geschenke beschäftigt, mit dem näheren Kennenlernen dieser Menschen mit all ihren bewegenden Schicksalen.

Ja, es lässt sich nicht leugnen: Die Arbeit mit mittlerweile etwa 1200 Menschen aus dem Iran und Afghanistan ist auch mit Arbeit verbunden. Doch diese Arbeit wird nun wahrlich nicht von mir allein geleistet, sondern von so vielen Mitarbeitern in unserer Gemeinde – von Einheimischen ebenso wie von unseren neuen Gemeindegliedern. Ich erlaube mir an dieser Stelle, nun doch einmal in besonderer Weise einen Dank an meine Eltern auszusprechen, ohne die ich meine Arbeit hier in Steglitz in diesen vergangenen Jahren kaum hätte bewältigen können. Doch sie haben genau dieselbe Erfahrung gemacht wie so viele andere Mitarbeiter hier in der Gemeinde und wie ich selber auch: Perser-Arbeit macht süchtig, wie wir es so schön augenzwinkernd formulieren. Wer einmal diese wunderbaren Menschen aus dem Iran und Afghanistan kennengelernt und von ihren Schicksalen erfahren hat, der kommt von dieser Arbeit nicht mehr los. Und wir wollen davon ja auch gar nicht loskommen.

In dieser Woche wurde ich von einem amerikanischen Journalisten gefragt, wieso ich mir gerade die Arbeit mit Flüchtlingen ausgesucht hätte. O nein, ausgesucht habe ich mir diese Arbeit überhaupt nicht. Dass ich diese Arbeit mit Flüchtlingen tun darf, ist einfach ein besonderer Liebesbeweis meines Herrn Jesus Christus, der sie und mich hier in Steglitz zusammengeführt hat.

Die Verleihung des Stephanus-Preises in diesem Jahr ist schon ein sehr kräftiges Signal – nicht wegen meiner Person, sondern wegen der Behauptung, die mit dieser Verleihung allen Ernstes zum Ausdruck gebracht wird. Sie geht an standhafte Christen in Verfolgerstaaten. Ich lebe nicht im Iran oder in Afghanistan, nicht in Syrien oder dem Irak, nicht in Pakistan, Eritrea oder Nordkorea. Ich lebe in Deutschland, und natürlich macht schon allein der Weltverfolgungsindex von Open Doors deutlich, dass Deutschland im Unterschied zu den anderen Ländern eben nicht unter den Top Ten der Verfolgerstaaten zu finden ist. Und doch sind wir auch hier in unserem Land beim Umgang mit christlichen Flüchtlingen – und natürlich nicht nur mit christlichen Flüchtlingen, sondern auch mit anderen nichtmuslimischen religiösen Minderheiten! – mit Problemen konfrontiert, die gerade an diesem heutigen Tag der Preisverleihung noch einmal deutlich benannt werden sollen:

Dies beginnt schon mit den massiven Ressentiments gegenüber Asylbewerbern in unserer Gesellschaft, die so weit verbreitet sind, dass es mich nicht selten an die Grenzen meiner Geduld bringt, ihnen immer wieder neu widersprechen zu müssen. Und diese Ressentiments werden eben nicht allein aus einer bestimmten rechten Ecke geschürt, auch wenn dieses Schüren dort oft genug besonders unappetitliche Züge annimmt. Ich habe in den vergangenen Monaten viele Dutzend Interviews mit Journalisten geführt. In fast jedem dieser Interviews musste ich mich mit der Unterstellung auseinandersetzen, die Taufbewerber und Täuflinge in unserer Gemeinde würden ja nur deshalb konvertieren, um damit einen Vorteil in ihrem Asylverfahren zu erreichen. Asylbewerber werden auch von angeblich fortschrittlichen und linken Journalisten erst einmal unter einen Generalverdacht gestellt: Sie sind natürlich nur hier, um den Staat zu betrügen, und haben eigentlich gar keinen echten Grund, weshalb sie hierher nach Deutschland gekommen sind. Gebetsmühlenartig habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten meine Argumente gegen diese Unterstellungen wiederholt – mit mehr oder weniger großem Erfolg. Aber dass es offenkundig salonfähig ist, Asylbewerber in dieser Weise pauschal zu verdächtigen, erschreckt mich immer wieder neu. Wie dieses Schüren von Ressentiments betrieben wird, dafür sind die Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom vergangenen Sonntag zu diesem Thema ein beredtes und erschreckendes Zeugnis: Da werden Aussagen von christlichen Asylbewerbern aus dem Iran neben Aussagen eines echten deutschen Heimbetreibers in einer Weise gegenübergestellt, dass die Botschaft eindeutig ist: Asylbewerber lügen, ein anständiger Deutscher dagegen sagt die Wahrheit und überführt die betrügerischen Asylbewerber. Hier wird Rassismus unter dem Mäntelchen eines angeblichen Enthüllungsjournalismus salonfähig gemacht. Und es ist erschütternd zu sehen, wie dieses Vorgehen auch in kirchlichen Kreisen nicht etwa in Frage gestellt, sondern zur Rechtfertigung der eigenen Untätigkeit gebraucht wird. Ich habe große Sympathie für die Idee von Erzbischof Kardinal Woelki, die Fronleichnamsmesse an einem Flüchtlingsboot zu feiern und damit auf das Schicksal der ertrunkenen Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Doch wenn er in einem Interview am Tag zuvor, angesprochen auf das Schicksal von bedrängten Christen in Asylbewerberheimen, dieses Thema mit dem Verweis beiseite wischt, hier würden Einzelfälle aufgebauscht, dann ist das ein Schlag in das Gesicht so vieler Flüchtlinge, die ihre Bootsfahrt überlebt haben und in denen Gott auch in den Asylbewerberheimen unseres Landes nicht weniger leidet als in den Booten auf dem Mittelmeer. Ja, es gibt ihn in ganz massiver Weise, den Rassismus aus der rechten Ecke, der dazu führt, dass so manche unserer Geschwister hier in der Gemeinde sich in einigen Orten in Brandenburg und auch in bestimmten Gegenden in Berlin nicht mehr ohne Angst auf die Straße trauen. Auch das muss ganz deutlich ausgesprochen werden. Aber es gibt eben auch einen viel subtileren, arroganten Rassismus, der sich aufgeklärt gibt und unsere christlichen Geschwister ebenso wie ihre jesidischen Leidensgenossen oft nicht weniger verletzt und sie in Gefahr bringt, als dies von der anderen Seite der Fall ist.

Wenn von der Bedrohung von Christen hier in Deutschland zu sprechen ist, dann muss auch davon die Rede sein, was für Folgen das Dublin-System für nicht wenige unserer bedrängten Glaubensgeschwister hier in Deutschland hat. Immer wieder kommen hier bei uns in der Gemeinde beispielsweise engagierte iranische und afghanische Christen an, die aus Norwegen fliehen mussten, weil dort die Konversion vom Islam zum christlichen Glauben in den allermeisten Fällen nicht als Asylgrund anerkannt wird. Die Anwendung des Dublin-Vertrags bedeutet in diesen Fällen, dass Deutschland engagierte Christen auf dem Umweg über den Flughafen in Oslo in ihre Heimat in den Iran oder nach Afghanistan zurückschickt, wo ihnen unmittelbar Gefahr an Leib und Leben droht. Immer wieder waren und sind wir dazu gezwungen, solchen Christen in unserer Gemeinde Kirchenasyl zu gewähren, weil sie nur dadurch vor akuter Verfolgung in ihrem Heimatland geschützt werden können. Ich könnte von anderen Gemeindegliedern berichten, die etwa in Bulgarien im Erstaufnahmelager gefoltert worden sind und mir erklärt haben, was sie dort erlebt hätten, sei schlimmer gewesen, als was sie im Gefängnis im Iran erlebt hatten. Dennoch sollten auch sie nach dem Dublin-Vertrag nach Bulgarien abgeschoben werden. Wenn ich heute den Stephanus-Preis erhalte, erkläre ich ausdrücklich, dass sich der Einsatz für die bedrängten Glaubensgeschwister in den Asylbewerberheimen und der Einsatz für von der Abschiebung bedrohte Christen durch die Gewährung von Kirchenasyl in unserer Arbeit nicht trennen lassen. Und erst recht können wir bei unserem Einsatz für bedrängte Christen und andere nichtmuslimische Minderheiten sehr gut auf die Unterstützung derer verzichten, die sich jetzt zu ihrem Anwalt aufspielen, sie aber zuvor, wenn es nach ihnen gegangen wäre, erst gar nicht hier in unser Land gelassen, wenn nicht gar am liebsten erschossen hätten. Gerade weil ich sehr offen und deutlich auch die Probleme unserer Glaubensgeschwister in den Asylbewerberheimen unseres Landes benenne, betone ich zugleich immer wieder, was für ein Segen und Geschenk die Öffnung der Grenzen für viele hundert unserer Glaubensgeschwister allein hier in unserer Gemeinde im letzten Jahr gewesen ist. Glaubwürdig verteidigen kann sie nur, wer auch selber dazu bereit gewesen wäre, sie überhaupt in unser Land zu lassen.

Und wenn wir unsere Stimme für die bedrängten Glaubensgeschwister in den Heimen erheben, dann dürfen wir eben auch nicht stumm bleiben gegenüber der Tatsache, dass Deutschland und Europa sich zurzeit gerade auch gegenüber allen christlichen Flüchtlingen, die um ihres Glaubens willen ihre Heimat verlassen, rigoros abschottet. Mit dem Vertrag zwischen der EU und der Türkei ist den Christen, die aus den Hausgemeinden im Iran fliehen müssen, die letzte Fluchtroute genommen worden. Wie jetzt der Öffentlichkeit bewusst geworden ist, ist in dem Vertrag vorgesehen, dass die Türkei die Vorauswahl trifft, welche Flüchtlinge möglicherweise eine Chance auf eine legale Ausreise in die EU bekommen. Zu behaupten, dass Christen bei dieser Vorauswahl von der Türkei auch nur in irgendeiner Weise berücksichtigt werden, dürfte wohl selbst den größten Optimisten äußerst schwerfallen. Was das praktisch in Zukunft heißen dürfte, hat ein Vertreter der syrisch-orthodoxen Kirche bei einem Fachgespräch der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag sehr deutlich auf den Punkt gebracht: Das Problem der Übergriffe auf christliche Asylbewerber in den Heimen wird sich in der kommenden Zeit dadurch von allein lösen, dass es keine christlichen Asylbewerber mehr in den Heimen geben wird.  Und die Abschottung geht ja weiter: Wir haben gerade neulich erfahren, dass unter deutscher Führung die EU dem Sudan dabei helfen will, christlichen Flüchtlingen die Flucht vor dem Terrorregime in Eritrea durch den Aufbau eines Grenzüberwachungssystems zu erschweren. Wir haben hier in unserer Gemeinde auch mit Flüchtlingen aus Eritrea zu tun, haben auch schon Brüder aus diesem Land im Kirchenasyl bei uns gehabt. Auch für diese Glaubensgeschwister, die auf ihrer Flucht oft Entsetzliches durchmachen mussten und nun in vielen Asylbewerberheimen ebenfalls wegen ihres Glaubens massiven Bedrohungen ausgesetzt sind, erheben wir unsere Stimme.

Der Stephanus-Preis ist eine Ermutigung für unsere Arbeit, die auch ich persönlich zweifelsohne zurzeit sehr gut gebrauchen kann. Gewiss ist es uns in den vergangenen neun Monaten gelungen, die Thematik der Übergriffe auf nichtmuslimische Minderheiten in den Asylbewerberheimen in einer Weise in die öffentliche Diskussion einzubringen, wie ich mir dies vor einigen Monaten noch nicht einmal ansatzweise hätte vorstellen können. Doch zugleich mussten wir die Erfahrung machen, wie unsere Bemühungen, den bedrängten Minderheiten in den Asylbewerberheimen bei den Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft, leider gerade auch in den großen Kirchen, Gehör zu verschaffen, weitestgehend abgeprallt sind. Immer deutlicher ist mir geworden, dass ich offenbar mit den Einladungen zu politischen Diskussionen letztlich doch nur als Feigenblatt gebraucht werden sollte, um einer bestimmten Wählerklientel gegenüber den Eindruck zu erwecken, man würde sich ernsthaft dieses Themas annehmen. Doch einen ernsthaften Willen, wirksame Maßnahmen zum Schutz bedrängter nichtmuslimischer Minderheiten in den Heimen zu ergreifen, habe ich je länger desto weniger erkennen können. Gewiss gab es den einen oder anderen guten und sinnvollen Vorschlag für eine mittelfristige Verbesserung der Lage dieser Minderheiten in den Heimen. Doch wenn ein Haus brennt, muss man die Bewohner herausholen, reicht es nicht, über Brandschutzmaßnahmen zu diskutieren. Doch genau das geschieht zurzeit – einmal abgesehen davon, dass man sich nun zunehmend darüber unterhält, ob das Haus denn nun tatsächlich brennt und nicht vielleicht doch nur die Bewohner ein übersteigertes Wärmeempfinden an den Tag legen. Und wenn nun mitunter behauptet wird, man habe wirksame Maßnahmen zum Schutz christlicher Asylbewerber in den Heimen getroffen, ist das etwa so überzeugend, als wenn man behaupten würde, man könne das Problem rechtsradikaler Übergriffe gegen Asylbewerberheime dadurch in den Griff bekommen, dass man in den nächsten zwei Jahren in allen Asylbewerberheimen Sprinkleranlagen einbaut. Doch oft genug gibt man sich eben noch nicht einmal die Mühe, sich um die Sprinkleranlagen zu bemühen, sondern belässt es bei zynischem Sprücheklopfen: Eine getrennte Unterbringung von nichtmuslimischen Minderheiten sei eine Kapitulation vor denen, die die Religionsfreiheit in Frage stellen, heißt es. Das bedeutet in die Praxis übersetzt: Wir lassen lieber die Christen in den Heimen weiter leiden, als dass wir unser Gesicht verlieren und zugeben müssen, dass in vielen Heimen längst rechtsfreie Räume herrschen – eine Entwicklung, die im Übrigen ganz wesentlich durch die völlig unsinnige gesetzliche Bestimmung gefördert worden ist, Asylbewerber sechs Monate lang in einer Erstaufnahmeeinrichtung festzuhalten. Was für üble Folgen diese Bestimmung gerade für christliche Asylbewerber hat, die sechs Monate lang kaum eine Chance haben, den Übergriffen in den Erstaufnahmeeinrichtungen zu entkommen, erleben wir beinahe Woche für Woche hier bei uns in der Gemeinde. Die Politik kann es sich oft leicht machen: Sie verweist darauf, dass die großen Kirchen ja bei dieser Thematik keinen gesteigerten Handlungsbedarf sehen. Und die großen Kirchen wiederum zeigen nach unseren Erfahrungen kaum ein Interesse daran, wirklich einmal mit den von Übergriffen betroffenen Christen ins Gespräch zu kommen, sondern beschränken sich darauf, diejenigen, die ihnen eine Stimme geben, mit zum Teil absurden politischen Labels zu versehen und damit das Problem für erledigt zu erklären. Und gerade in den vergangenen Monaten habe ich wiederholt sehr deutlich erfahren, wie die Stellungnahmen der Kirchen ganz wesentlich auch von der Tatsache geprägt sind, dass sie selber eben auch in großem Stil selber Flüchtlingsheimbetreiber sind und auch von daher kein Interesse an negativen Schlagzeilen in Bezug auf Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in den Heimen haben. Ich habe es gemerkt, dass ich es in den Reaktionen auf meine Berichte eben nicht nur mit Lobbygruppen, sondern tatsächlich mit Konzernen zu tun habe.

Doch in aller Frustration, die ich in diesen vergangenen Monaten erfahren musste, wenn ich merkte, mit was für einem Zynismus und mit was für einer Gleichgültigkeit Berichte vom Schicksal von Gliedern unserer Gemeinde von Verantwortungsträgern behandelt und beiseite getan wurden, habe ich in diesen vergangenen Monaten, ja, überhaupt in der Flüchtlingsarbeit auch etwas sehr Beglückendes erfahren: nämlich die Ökumene des Leidens, von der in den letzten Jahren in kirchlichen Verlautbarungen immer wieder die Rede ist und die wir auch in unserer Arbeit immer wieder neu erleben dürfen: Die gemeinsame Erfahrung von Verfolgung und Bedrängung schließt Christen aus ganz verschiedenen Kirchen miteinander zusammen, lässt sie etwas von dem erfahren, was sie in aller Unterschiedlichkeit doch im Tiefsten miteinander verbindet. Ich bin dankbar für die herzliche Verbindung mit Christen aus den orientalischen orthodoxen Kirchen, von denen wir so viel lernen können. Und ich bin dankbar auch für die herzliche Verbindung mit Christen aus landeskirchlichen Gemeinschaften und Freikirchen, die in ihrer Flüchtlingsarbeit oftmals genau dasselbe erfahren, was wir hier bei uns in der Gemeinde zahlenmäßig in größerem Maße erleben. Dass diese Ökumene des Leidens dann jedoch auch zugleich andere Brüche erkennbar werden lässt gegenüber denen, denen dieses Leiden letztlich doch fremd oder ein Anstoß bleibt, ist ebenfalls eine Erfahrung, die wir in unserer Arbeit wiederholt machen mussten.

Ich hatte noch vor einigen Monaten in meiner Naivität gehofft, dass es wenigstens bis zum Beginn des Ramadan am 6. Juni möglich sein wird, für bedrängte nichtmuslimische Minderheiten unter den Asylbewerbern Schutzräume zu schaffen, die sie in diesen kommenden Wochen besonders benötigen werden. Wir wissen aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre, wie schwer es diese Minderheiten gerade in der Zeit des Ramadan haben, wenn sie sich durch ihre Nichtteilnahme als Nichtmuslime outen. Nachdem sich die Lage seit dem vergangenen Jahr in den Heimen noch einmal deutlich zugespitzt hat, blicken wir nun mit großer Sorge auf diese kommenden Wochen. Wir wissen, welche Angst viele unserer Glaubensgeschwister in den kommenden Wochen in ihren Heimen durchleben werden, und sind schon jetzt dabei, uns darauf einzustellen, jetzt im Juni mehr bedrängte Christen aus den Heimen bei uns oder auch in Familien aufzunehmen, als dies sonst das Jahr über der Fall ist. Ich bitte Sie darum, für die christlichen Glaubensgeschwister, aber auch für die anderen nichtmuslimischen Minderheiten in diesen kommenden Wochen in besonderer Weise zu beten, dass sie vor Gefahren an Leib und Leben verschont bleiben. Beten Sie aber bitte auch für die Muslime selber, dass sich Christus auch ihnen zu erkennen gebe – gerade auch durch das Leidenszeugnis der bedrängten Christen! Und vergessen Sie dabei nicht: Denjenigen, für den ich bete, kann ich nicht hassen! Und beten Sie schließlich auch für die Verantwortlichen in unserem Land, dass Christus ihre Herzen öffne und sie die Not der bedrängten Christen so erkennen lasse, dass sie endlich zum Handeln bereit werden. Ich weiß: Wir beten damit um nicht weniger als um ein Wunder! Doch Wunder haben wir hier in unserer Mitte schon so oft erlebt. Sie erinnern uns immer wieder daran, dass unsere Arbeit, ja die Arbeit der Kirche insgesamt nicht von uns und von unserem Einsatz abhängt. Nicht wir sind es, die die Kirche bauen; nicht wir sind es, die Flüchtlinge zum Glauben an Jesus Christus führen. Dies tut er, der Herr der Kirche allein, Gott sei Dank. Und so gilt gerade auch in Bezug auf die Verleihung des Stephanus-Preises, was Nikolaus Selnecker schon vor mehr als 400 Jahren formuliert hat: „Die Sach und Ehr, Herr Jesu Christ, nicht unser, sondern dein ja ist; darum so steh du denen bei, die sich auf dich verlassen frei.“

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