„Es gibt andernfalls keine Zukunft“

Gespräch über die Situation der Christen im Irak mit dem chaldäisch-katholischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako aus Bagdad

Bis zur Verständigung, erst recht zur Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen im Irak, ist es noch ein weiter Weg. Patriarch Louis Raphael Kardinal Sako spricht im Interview mit Michaela Koller, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, klar vom Versagen des Staates auf nationaler, aber auch auf regionaler und örtlicher Ebene: Korruption, Milizen und andere Unruhestifter, radikale Lehren, die Hass und Gewalt schüren, selbst schon im Schulunterricht, stellen Stolpersteine dar. Um das drohende Ende der Jahrtausende währenden christlichen Geschichte aufzuhalten, ist politischer Wille zur Durchsetzung weitreichender Reformen nötig.

Im Herbst 2017 hat die Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit ihrer Region im Nordirak votiert. Wie könnte sich eine Anerkennung der Unabhängigkeit Kurdistans auf die Christen auswirken?

Ziel des Referendums der Kurden war es, ihren eigenen Staat zu haben, eine vollständige Autonomie. Die irakische Zentralregierung ist dagegen, so auch der Iran, die Türkei, Syrien. Wir sind besorgt darüber. Die Spannungen könnten so zunehmen und wir befürchten, es könnte ein weiterer Krieg ausbrechen. Krieg ist immer schlecht, gerade für die Christen und andere Minderheiten, die in jedem Krieg reichlich gelitten haben. Das wäre wirklich das Ende der Christenheit in dieser Region, aber auch in anderen Stätten, die damit hineingezogen würden. Wir hoffen nun auf einen Dialog im Interesse einer gewaltfreien Lösung.

Ich verstehe, aber sehen Sie denn eine Chance auf ein Zusammenleben unter den verschiedenen Religionsgruppen in der Region des nördlichen Irak?

Im gesamten Irak, aber auch in anderen Ländern, existiert ein neues Phänomen, das der sektiererischen Kultur oder Mentalität, eine Art von Fundamentalismus zwischen Sunniten und Schiiten, Christen und Muslimen, Kurden und Arabern und so weiter. Und das ist wirklich schlecht. Das sind wir nicht gewohnt. Der Irak war 35 Jahre hindurch säkular. Wenn wir zum Zusammenleben in Harmonie zurückkehren möchten, müssen wir unsere Einstellung ändern, unsere Mentalität, unsere Kultur und auch die Unterrichtsprogramme. Zum Nutzen aller sollte die internationale Gemeinschaft dafür sorgen, dass die Christen bleiben. Wenn ich mir die Qualitäten der Christen dort anschaue, so komme ich zu dem Schluss, dass sie die Muslime dabei unterstützen können, ihren Horizont zu erweitern und etwas anderes als ihre eigene Welt kennenzulernen.

Trennung von Religion und Staat – Idee der gleichen Bürgerrechte

Was ist sonst noch außer Bildung notwendig, um Frieden und Stabilität wieder herstellen zu können?

Das Problem besteht darin, dass seit vielen Jahrzehnten die Kultur aus Gewalt, Racheakten, Krieg, Morden und Zerstörung besteht. Uns fehlt die Kultur, die Sie seit 70 Jahren in Europa haben. Jeder ist bei ihnen frei, aber diese Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu tragen und andere nicht zu verletzen. Wir müssen von Ihrer Erfahrung profitieren. Möglicherweise ist das einzige hilfreiche Projekt die Idee der Bürgerschaft (die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz, Anm. d. Red.). Es existierte so eine Idee der Bürgerschaft für jedermann bei uns nicht, ebenso wenig wie die Trennung von Religion und Staat. Die Religion verfolgt Interessen, die unveränderlich sind. Ich denke, die Verknüpfung von beiden Sphären sollte allmählich verschwinden.

Die Terrororganisation IS ist immer noch im Irak. Meinen Sie nicht, dass es hilfreich wäre, die Verbrecher vor Gericht zu bringen?

Ich halte das für einen Wunschtraum. Geografisch verliert ISIS an Macht, aber die Ideologie gewinnt an Einfluss. Um diese Weltanschauung zu bekämpfen, müssen alle Menschen zusammenarbeiten. Die erste Verantwortung liegt bei den Muslimen selbst. Sie müssen ihre Glaubenslehren erneuern, die junge Generation darin unterrichten und über die Fehler oder vielmehr Mentalität von ISIS und anderer fundamentalistischer Gruppen belehren. Es gibt andernfalls keine Zukunft.

Wäre es hilfreich, wenn die westliche Welt das, was den Christen widerfahren ist, als Genozid brandmarken würde?

Für uns bestand der Völkermord darin, dass sie unsere Erinnerung, unser Erbe, unsere Lebensgrundlagen auslöschten und unser Land nahmen. Das gesamte Gedächtnis, das 2.000 Jahre zurückreichte, war betroffen: Sie brannten unsere Kirchen nieder, zerstörten Klöster und historische Bauten. Dies war kein physischer Genozid wir für andere, wie für die Jesiden.

Wie kann der Westen die Christen dort unterstützen?

Sie sollten den Irak dazu bringen, eine neue Verfassung einzuführen. Um einen starken Staat aufzubauen, darf ausschließlich die Armee bewaffnet sein, und keine Milizen. Sicherheit ist das, was wir vor allem benötigen. Das liegt in der Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der USA, weil sie hinter den Regimewechsel in der Region stecken.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Eure Seligkeit.

„Die Regierung möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben“

Interview mit dem Bürgerrechtler Nguyen Van Dai

Einer der prominentesten Menschenrechtler Vietnams ist Nguyen Van Dai. Als Anwalt vertrat er viele politisch Verfolgte, Vertreter von Gewerkschaften und christlichen Gemeinschaften und setzte sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein. Deswegen geriet er ins Fadenkreuz der Behörden, die ihm „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“ vorwarfen. Im Jahr 2010 erhielt Nguyen Van Dai den Stephanuspreis für verfolgte Christen und im Jahr 2017 den Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbundes. Stiftungsvorsitzende Michaela Koller interviewte ihn 2020.

Foto: Veto

Im Februar 2016 ernannten die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und die evangelische Nachrichtenagentur Idea ihn zum „Gefangenen des Monats“ und baten darum, sich für ihn in Protestbriefen einzusetzen. Nguyen Van Dai saß insgesamt sechseinhalb Jahre hinter Gittern, von 2007 bis 2011 und ab Dezember 2015, und stand von 2011 bis 2015 unter Hausarrest. Im Juni 2018 kam er – nach massiven internationalen Protesten – endlich frei und durfte nach Deutschland ausreisen. Noch zwei Monate zuvor hatte ihn das Volksgericht in Hanoi wegen der „Vorbereitung eines Umsturzversuches“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Michaela Koller befragte ihn aktuell zu seinem Einsatz für die Menschenrechte, seiner politischen Verfolgung in Vietnam und danach, wie es nun in Deutschland für ihn weitergegangen ist. Bei dem Gespräch zeigte sich deutlich, wie bedeutend das Recht auf freie Religionsausübung ist.

Was haben Sie vor Ihrer ersten Verhaftung getan?

Ich lebte 1989 in Ostberlin und wurde dort Zeuge des Berliner Mauerfalls, den ich mit eigenen Augen sah. Ich verfolgte auch den Zusammenbruch des Regimes in Ostberlin und die friedlichen Revolutionen in den Ländern Osteuropas. Das war die Zeit, in der auch mein Glaube an den Sozialismus und Kommunismus kollabierte. Ich erwachte und sah seine böse Natur.

Ende des Jahres 1990 war ich gerade 20 Jahre alt und entschied, nach Vietnam zurückzukehren, in der Hoffnung, zu einer demokratischen Revolution in meinem Heimatland beitragen zu können.

So fasste ich den Entschluss, die juristische Fakultät zu besuchen. Ich schloss 1995 mein Jurastudium ab. Ich wurde im Jahr 2000 Christ und Menschenrechtsanwalt, um evangelische Christen unter den Angehörigen der ethnischen Minderheit der H’Mong ebenso zu vertreten wie Leiter evangelischer Gemeinden, die von der vietnamesischen Regierung nicht anerkannt wurden.

Im Jahr 2006 gründete ich das Komitee für Menschenrechte und eine unabhängige Vereinigung. Ich lieferte regelmäßig für die vietnamesische Redaktion der BBC Beiträge, in denen ich für politische Pluralität in Vietnam eintrat. Ich gründete Kurse für Studenten, um sie über ihre politischen Rechte und die Pressefreiheit aufzuklären. Es war der 6. März 2007, als einer meiner Kollegen ein paar Studenten in meiner Kanzlei unterrichtete, als Sicherheitskräfte dort hereinplatzten und uns festnahmen.

Bei meinem Prozess argumentierte das Gericht, dass Vietnam ein Einparteiensystem ist und mein Eintreten für politische Pluralität bedeute, Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Pressefreiheit zu diskutieren heiße, sich gegen die Staatsmedien zu wenden und auch Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Das endete damit, dass ich wegen dieses Vorwurfs gemäß Artikel 88 des Strafgesetzbuchs zu vier Jahren im Gefängnis und weiteren vier Jahren Hausarrest verurteilt wurde.

Sie haben evangelische Pastoren sowie Angehörige der Minderheit der H’Mong verteidigt. Worin bestanden deren Probleme?

Ich verteidigte die Pastorin Thuy im Jahr 2000, Pastor Nguyen Hong Quang im Jahr 2005 und Pastor Than Van Truong im selben Jahr. Und vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 half ich vielen Angehörigen der H’Mong, die Protestanten sind und beriet sie. Vor 2007 betrachtete die kommunistische Regierung Vietnams die Protestanten als ihre Feinde und Handlanger des Westens, um sie zu stürzen.

Die Sicherheitsbehörde der Provinz Phu Tho wollte die Gruppe von Pastorin Thuy abweisen, die sich dagegen wehrte. Sie wurde verhaftet und wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. So geschah es auch Pastor Nguyen Hong Quang in Saigon. Im Jahr 2005 verschickte Pastor Than Van Truong zwei Bibeln, eine davon an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Vietnams und die andere an den Staatspräsidenten. Daraufhin wurde er von der Sicherheitsbehörde der Provinz Dong Nai verhaftet. Nachdem die Staatsanwaltschaft noch nach vier Monaten keine Anklage zustande brachten, ließen sie ihn in die psychiatrische Klinik von Dong Nai einweisen. Nach weiteren vier Monaten habe ich seine Verteidigung übernommen und er wurde freigelassen.

Die Protestanten unter den H’Mong gerieten wegen ihres Glaubens an Jesus Christus in Schwierigkeiten. Die örtliche Regierung setzte sie unter Druck, ihrem Glauben abzuschwören. Sie haben das nie akzeptiert und so wurden sie misshandelt. Als sie nach Hanoi kamen, half ich ihnen, ihre Beschwerden bei der Regierung Vietnams einzureichen.

Sie wurden am 16. Dezember 2015 erneut inhaftiert, nachdem Sie bereits zwischen 2007 und 2011 im Gefängnis und anschließend nochmals vier Jahre in Hausarrest gesessen hatten. Der Vorwurf lautete stets „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“, weil Sie sich für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eingesetzt hatten. Haben Sie nie daran gedacht, aufzugeben?

Seitdem ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden habe, verstand ich diesen so, dass der Herr von mir erwartete, für die Freiheit meines Volkes und Demokratie in meinem Land einzutreten. Ich fühlte, wie ich jeden Tag, seit ich begonnen hatte zu glauben, weiter reifte. Jedesmal, wenn Gott mir hilft, jede Herausforderung zu meistern, werde ich reicher an Erfahrungen. Ich möchte, dass die Menschen in Vietnam sehen, dass ich viele Dinge mit dem Segen Gottes bewirken kann. Ich werde durch Vietnam reisen, um für Gott Zeugnis abzulegen, wenn mein Land frei und demokratisch sein wird.

Beschreiben Sie bitte die Haftbedingungen, denen Sie im Gefängnis ausgesetzt waren.

Im Jahr 2007 war ich für mehr als zehn Monate im Haftzentrum 1 in Hanoi eingesperrt. Jeden Tag gaben sie uns ungewaschenes, schmutziges Gemüse, oftmals von Schädlingen befallen. Wir mussten dies mit dem dreckigen Wasser waschen, das man uns zuteilte, bevor wir es essen konnten. Fleisch erhielten wir nur rund 100 Gramm in der Woche. Sauberes Wasser, um das wir baten, erhielten wir nicht. Wir mussten das schmutzige Wasser dann fünfmal durch Socken oder Gesichtshandtücher filtern, bevor wir in der Lage waren, es zu trinken. Zeitungslektüre und Fernsehschauen waren verboten.

Während meiner zweiten Haftzeit vom 16. Dezember 2015 bis zum 7. Juni 2018 war ich in der Haftanstalt B 14. Erst nach elf Monaten Untersuchungshaft sah ich erstmals wieder meine Frau. Dann musste ich wieder drei Monate warten, dann fünf, dann vier und schließlich nochmals neun Monate. Ich habe meinen Verteidiger erst nach 26 Monaten Haft getroffen, was nur eine Stunde dauerte und unter ununterbrochener Aufsicht der Polizei stattfand. Während dieser zweieinhalb Jahre sah ich nie die Sonne. Ich wurde in einer kleinen Zelle von sechseinhalb Quadratmetern mit einer weiteren Person festgehalten.

In dieser Zeit musste ich für mehr als 20 Tage rohe Reiskörner essen. Die Nahrungsmittel waren oft abgestanden, sie taten Seife in unsere Suppe oder gaben uns Wasser mit einem unausstehlichen Gestank. Unsere Medikamente erhielten wir mitten in der Nacht. Wir wurden daran gehindert, Zeitung zu lesen oder Radio zu hören. Manchmal wurde uns die Wasserversorgung gekappt. Die Haftanstalt hielt Hähne, die bis zwei Uhr in der Früh krähten und um sechs Uhr von Neuem zu krähen begannen. Bei vielen Insassen verursachte dies Schlaflosigkeit. Die Gefängnisleitung erdachte sich alle möglichen Wege, uns Unannehmlichkeiten zu bereiten, um uns sowohl körperlich als auch psychisch zu schwächen.

Nguyen Van Dai mit seiner Frau Vu Minh Khanh, die während seiner Gefangenschaft beständig für seine Freilassung betete, in Berlin; Copyright: privat

Was war Ihre Kraftquelle, um das alles durchzustehen?

Allein Gottes Liebe und mein Glaube an Gott halfen mir, all meine Herausforderungen zu überwinden, aber auch die Gebete meiner Frau und aus der ganzen Welt.

Was machen Sie seit Ihrer Freilassung?

Ich danke Gott dafür, dass ich mit meiner Familie in Deutschland sein darf. Ich bin auch der deutschen Regierung dankbar, dass uns ein sicherer und guter Platz zum Leben gegeben wurde. Seit wir in Deutschland angekommen sind, haben wir jeden Tag für Deutschland und für Vietnam gebetet. Ich fahre damit fort, soziale Netzwerke wie Youtube, Facebook und Webblogs dazu zu nutzen, unter den Menschen in Vietnam Wissen über Menschenrechte und Demokratie zu verbreiten. Mein Youtube-Kanal hat 87.000 Abonnenten, meiner Internetseite folgen 66.000 Menschen. Regelmäßig appelliere ich an die Regierungen Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, der Schweiz, der EU sowie der Vereinigten Staaten und an Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsverstöße in Vietnam zu verurteilen. Ich habe sie auch dazu bewogen, auf die kommunistische Regierung in Vietnam Druck auszuüben, Gewissensgefangene freizulassen.

Wie sehen Sie die derzeitige Situation des Rechts auf Religionsfreiheit in Vietnam?

Vietnam hat keine richtige Religionsfreiheit. Aber die Kirche möchte unabhängig sein und akzeptiert die Einmischung der Regierung nicht. Und so wird sie immer noch verfolgt.

Pastoren und andere Gläubige aus der Region des zentralen Hochlandes erfahren es oft als schwierig, ein Theologiestudium, eine Gebetsgruppe oder einen Gottesdienst anzumelden. Freikirchen dürfen nie Gotteshäuser errichten. Die Regierung versucht, Spaltung und Uneinigkeit in die Kirchen zu bringen. Sie versuchte sogar, leitende Pastoren zu korrumpieren. Die kommunistische Regierung Vietnams möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben und dafür ihren Glauben an den Kommunismus aufgeben.

Was können wir hierzulande in dieser Lage tun?

Zuallererst möchte ich Sie bitten, für Religionsfreiheit in Vietnam zu beten. Beten Sie für die protestantischen Kirchen und Gläubigen, im Einsatz für Freiheit in Vietnam stark und verantwortlich zu bleiben. Beten Sie für die Pastoren und anderen Seelsorger, die im Gefängnis in Vietnam festgehalten werden. Leisten Sie humanitäre Hilfe für die Familien der Pastoren und Missionare in Haft und unterstützen Sie Pastoren in besonders schwierigen Gegenden, damit sie sich um die Freikirchen kümmern können.

Interview der Stephanus-Stiftung mit Kardinal Zen Ze-kiun aus Hongkong

Vor einer Verlängerung des vorläufigen Abkommens des Heiligen Stuhls mit China im Oktober 2020 haben Menschenrechtler gewarnt. Mit dem Verweis auf die häufige Vertragsuntreue des kommunistischen Regimes in Peking, wie zuletzt in Hongkong deutlich gezeigt, fordern sie nach wie vor die Veröffentlichung des Vertragstextes. Der Vertrag, dessen Verlängerung schließlich bestätigt wurde, bildet die Grundlage für die Ernennung von Bischöfen und die Regelung von Bistumsgrenzen. Details werden bislang geheim gehalten.

Kritiker dieser Vereinbarung wie der frühere Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, beklagen, dass mit der Unterzeichnung Druck auf die Gläubigen der chinesischen Untergrundkirche ausgeübt werde, sich der staatlich kontrollierten Chinesisch Katholisch-Patriotischen Vereinigung anzuschließen. Vor dem Abkommen genoss die Untergrundkirche jedoch noch mehr interne religiöse Freiheit, weil sie etwa Predigten nicht von den Behörden genehmigen lässt. Sie geht somit aber ein höheres Risiko ein.

Furcht ist kein guter Ratgeber“

Das neue Nationale Sicherheitsgesetz höhlt Grundfreiheiten wie Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit aus. Auf dieser Grundlage erfolgten schon am 1. Juli, am Tag, an dem es in Kraft trat, mehr als 30 Festnahmen von Demonstranten. Am 10. August kam, unter anderen Demokratieverfechtern, der Medienunternehmer Jimmy Lai in Haft und erst gegen Hinterlegung einer Kaution frei. Er hatte zuvor mit seinem Vermögen unter anderem die Untergrundkirche in Festlandchina unterstützt. „Subversion“, „Sezession“ und „Kollaboration mit ausländischen politischen Kräften“, so lauten Tatbestände in dem Gesetz, was auch zur Kriminalisierung religiöser Aktivitäten, etwa die Pflege der Beziehungen zum Heiligen Stuhl und zur Weltkirche, führen kann. Das befürchten auch katholische Gläubige aus Hongkong laut einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme.

Michaela Koller, Vorsitzende des Vorstands der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, befragte den ehemaligen Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, zu seiner Sicht auf die Auswirkungen neuen Rechtslage. Das Interview wird an dieser Stelle gekürzt widergegeben.

Die chinesische Regierung hat der Sonderverwaltungszone Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen. Gibt es noch Hoffnung auf Freiheit?

Ich habe mich durch den gesamten Text des Gesetzes durchgearbeitet. Ich denke, dass es ausreicht, Ihnen zu sagen, dass sie auf dieser Grundlage alles mit Ihnen machen können. Sie können Ihre Kommunikation kontrollieren, Ihr Haus ohne richterlichen Beschluss durchsuchen, Sie ohne den Beistand eines Rechtsanwaltes verhaften, Sie in ein Gefängnis nach China bringen und dort vor Gericht stellen. Nicht einmal nächste Familienangehörige können Sie dort besuchen.

Fürchten Sie nicht die Konsequenzen, wenn Sie so stark für die Achtung der Menschenrechte in Hongkong und China eintreten?

Jeder muss Angst haben, denn sie sind verrückt. Furcht ist jedoch kein guter Ratgeber. Wir müssen nach unserem Gewissen reden und handeln. Ich rate den Menschen aber auch, unsere Feinde nicht zu provozieren, denn sie sind verrückt.

Wie sollte Ihrem Vorschlag zufolge die internationale Gemeinschaft auf die Lage reagieren?

Ich stelle fest, dass die ganze Welt allmählich aufwacht und schon erkannt hat, wie bösartig die Kommunistische Partei Chinas ist.

Inzwischen sind beinah zwei Jahre vergangen, seit der Vatikan mit Peking erstmals ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet hat. Dieses betrifft den Entscheidungsprozess für die Bischofsernennungen. Sollte das Übereinkommen nun verlängert werden? Wie beurteilen Sie das?

Dieses geheime Abkommen sollte zuallererst einmal veröffentlicht werden. Die pastoralen Leitlinien des Heiligen Stuhls für die staatliche Registrierung des Klerus in China vom 28. Juni vorigen Jahres sind noch viel schlimmer. Sie fordern die Untergrundkirche dazu auf, der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung [die offiziell von der kommunistischen Regierung anerkannte katholische Gemeinschaft; Anm. d. Red.] beizutreten. Das ist eine schismatische Kirche! Es ist einfach unglaublich!

Stephanuspreisträger 2018 – Interview

Warnung vor Erneuerung des Abkommens mit Peking
Interview der Stephanus-Stiftung mit Kardinal Zen Ze-kiun aus Hongkong

Vor einer Verlängerung des vorläufigen Abkommens des Heiligen Stuhls mit China im Oktober 2020 haben Menschenrechtler gewarnt. Mit dem Verweis auf die häufige Vertragsuntreue des kommunistischen Regimes in Peking, wie zuletzt in Hongkong deutlich gezeigt, fordern sie nach wie vor die Veröffentlichung des Vertragstextes. Der Vertrag, dessen Verlängerung schließlich bestätigt wurde, bildet die Grundlage für die Ernennung von Bischöfen und die Regelung von Bistumsgrenzen. Details werden bislang geheim gehalten.

Kritiker dieser Vereinbarung wie der frühere Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, beklagen, dass mit der Unterzeichnung Druck auf die Gläubigen der chinesischen Untergrundkirche ausgeübt werde, sich der staatlich kontrollierten Chinesisch Katholisch-Patriotischen Vereinigung anzuschließen. Vor dem Abkommen genoss die Untergrundkirche jedoch noch mehr interne religiöse Freiheit, weil sie etwa Predigten nicht von den Behörden genehmigen lässt. Sie geht somit aber ein höheres Risiko ein.

Foto: Martin Warnecke

„Furcht ist kein guter Ratgeber“

Das neue Nationale Sicherheitsgesetz höhlt Grundfreiheiten wie Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit aus. Auf dieser Grundlage erfolgten schon am 1. Juli, am Tag, an dem es in Kraft trat, mehr als 30 Festnahmen von Demonstranten. Am 10. August kam, unter anderen Demokratieverfechtern, der Medienunternehmer Jimmy Lai in Haft und erst gegen Hinterlegung einer Kaution frei. Er hatte zuvor mit seinem Vermögen unter anderem die Untergrundkirche in Festlandchina unterstützt. „Subversion“, „Sezession“ und „Kollaboration mit ausländischen politischen Kräften“, so lauten Tatbestände in dem Gesetz, was auch zur Kriminalisierung religiöser Aktivitäten, etwa die Pflege der Beziehungen zum Heiligen Stuhl und zur Weltkirche, führen kann. Das befürchten auch katholische Gläubige aus Hongkong laut einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme.

Michaela Koller, Vorsitzende des Vorstands der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, befragte den ehemaligen Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, zu seiner Sicht auf die Auswirkungen neuen Rechtslage. Das Interview wird an dieser Stelle gekürzt widergegeben.

Die chinesische Regierung hat der Sonderverwaltungszone Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen. Gibt es noch Hoffnung auf Freiheit?

Ich habe mich durch den gesamten Text des Gesetzes durchgearbeitet. Ich denke, dass es ausreicht, Ihnen zu sagen, dass sie auf dieser Grundlage alles mit Ihnen machen können. Sie können Ihre Kommunikation kontrollieren, Ihr Haus ohne richterlichen Beschluss durchsuchen, Sie ohne den Beistand eines Rechtsanwaltes verhaften, Sie in ein Gefängnis nach China bringen und dort vor Gericht stellen. Nicht einmal nächste Familienangehörige können Sie dort besuchen.

Fürchten Sie nicht die Konsequenzen, wenn Sie so stark für die Achtung der Menschenrechte in Hongkong und China eintreten?

Jeder muss Angst haben, denn sie sind verrückt. Furcht ist jedoch kein guter Ratgeber. Wir müssen nach unserem Gewissen reden und handeln. Ich rate den Menschen aber auch, unsere Feinde nicht zu provozieren, denn sie sind verrückt.

Wie sollte Ihrem Vorschlag zufolge die internationale Gemeinschaft auf die Lage reagieren?

Ich stelle fest, dass die ganze Welt allmählich aufwacht und schon erkannt hat, wie bösartig die Kommunistische Partei Chinas ist.

Inzwischen sind beinah zwei Jahre vergangen, seit der Vatikan mit Peking erstmals ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet hat. Dieses betrifft den Entscheidungsprozess für die Bischofsernennungen. Sollte das Übereinkommen nun verlängert werden? Wie beurteilen Sie das?

Dieses geheime Abkommen sollte zuallererst einmal veröffentlicht werden. Die pastoralen Leitlinien des Heiligen Stuhls für die staatliche Registrierung des Klerus in China vom 28. Juni vorigen Jahres sind noch viel schlimmer. Sie fordern die Untergrundkirche dazu auf, der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung [die offiziell von der kommunistischen Regierung anerkannte katholische Gemeinschaft; Anm. d. Red.] beizutreten. Das ist eine schismatische Kirche! Es ist einfach unglaublich!

Stephanuspreisträger 2011 – Interview

Es gibt andernfalls keine Zukunft“

Gespräch über die Situation der Christen im Irak mit dem chaldäisch-katholischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako aus Bagdad

Bis zur Verständigung, erst recht zur Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen im Irak, ist es noch ein weiter Weg. Patriarch Louis Raphael Kardinal Sako spricht im Interview mit Michaela Koller, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, klar vom Versagen des Staates auf nationaler, aber auch auf regionaler und örtlicher Ebene: Korruption, Milizen und andere Unruhestifter, radikale Lehren, die Hass und Gewalt schüren, selbst schon im Schulunterricht, stellen Stolpersteine dar. Um das drohende Ende der Jahrtausende währenden christlichen Geschichte aufzuhalten, ist politischer Wille zur Durchsetzung weitreichender Reformen nötig.

Im Herbst 2017 hat die Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit ihrer Region im Nordirak votiert. Wie könnte sich eine Anerkennung der Unabhängigkeit Kurdistans auf die Christen auswirken?

Ziel des Referendums der Kurden war es, ihren eigenen Staat zu haben, eine vollständige Autonomie. Die irakische Zentralregierung ist dagegen, so auch der Iran, die Türkei, Syrien. Wir sind besorgt darüber. Die Spannungen könnten so zunehmen und wir befürchten, es könnte ein weiterer Krieg ausbrechen. Krieg ist immer schlecht, gerade für die Christen und andere Minderheiten, die in jedem Krieg reichlich gelitten haben. Das wäre wirklich das Ende der Christenheit in dieser Region, aber auch in anderen Stätten, die damit hineingezogen würden. Wir hoffen nun auf einen Dialog im Interesse einer gewaltfreien Lösung.

Ich verstehe, aber sehen Sie denn eine Chance auf ein Zusammenleben unter den verschiedenen Religionsgruppen in der Region des nördlichen Irak?

Im gesamten Irak, aber auch in anderen Ländern, existiert ein neues Phänomen, das der sektiererischen Kultur oder Mentalität, eine Art von Fundamentalismus zwischen Sunniten und Schiiten, Christen und Muslimen, Kurden und Arabern und so weiter. Und das ist wirklich schlecht. Das sind wir nicht gewohnt. Der Irak war 35 Jahre hindurch säkular. Wenn wir zum Zusammenleben in Harmonie zurückkehren möchten, müssen wir unsere Einstellung ändern, unsere Mentalität, unsere Kultur und auch die Unterrichtsprogramme. Zum Nutzen aller sollte die internationale Gemeinschaft dafür sorgen, dass die Christen bleiben. Wenn ich mir die Qualitäten der Christen dort anschaue, so komme ich zu dem Schluss, dass sie die Muslime dabei unterstützen können, ihren Horizont zu erweitern und etwas anderes als ihre eigene Welt kennenzulernen.

Trennung von Religion und Staat – Idee der gleichen Bürgerrechte

Was ist sonst noch außer Bildung notwendig, um Frieden und Stabilität wieder herstellen zu können?

Das Problem besteht darin, dass seit vielen Jahrzehnten die Kultur aus Gewalt, Racheakten, Krieg, Morden und Zerstörung besteht. Uns fehlt die Kultur, die Sie seit 70 Jahren in Europa haben. Jeder ist bei ihnen frei, aber diese Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu tragen und andere nicht zu verletzen. Wir müssen von Ihrer Erfahrung profitieren. Möglicherweise ist das einzige hilfreiche Projekt die Idee der Bürgerschaft (die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz, Anm. d. Red.). Es existierte so eine Idee der Bürgerschaft für jedermann bei uns nicht, ebenso wenig wie die Trennung von Religion und Staat. Die Religion verfolgt Interessen, die unveränderlich sind. Ich denke, die Verknüpfung von beiden Sphären sollte allmählich verschwinden.

Die Terrororganisation IS ist immer noch im Irak. Meinen Sie nicht, dass es hilfreich wäre, die Verbrecher vor Gericht zu bringen?

Ich halte das für einen Wunschtraum. Geografisch verliert ISIS an Macht, aber die Ideologie gewinnt an Einfluss. Um diese Weltanschauung zu bekämpfen, müssen alle Menschen zusammenarbeiten. Die erste Verantwortung liegt bei den Muslimen selbst. Sie müssen ihre Glaubenslehren erneuern, die junge Generation darin unterrichten und über die Fehler oder vielmehr Mentalität von ISIS und anderer fundamentalistischer Gruppen belehren. Es gibt andernfalls keine Zukunft.

Wäre es hilfreich, wenn die westliche Welt das, was den Christen widerfahren ist, als Genozid brandmarken würde?

Für uns bestand der Völkermord darin, dass sie unsere Erinnerung, unser Erbe, unsere Lebensgrundlagen auslöschten und unser Land nahmen. Das gesamte Gedächtnis, das 2.000 Jahre zurückreichte, war betroffen: Sie brannten unsere Kirchen nieder, zerstörten Klöster und historische Bauten. Dies war kein physischer Genozid wir für andere, wie für die Jesiden.

Wie kann der Westen die Christen dort unterstützen?

Sie sollten den Irak dazu bringen, eine neue Verfassung einzuführen. Um einen starken Staat aufzubauen, darf ausschließlich die Armee bewaffnet sein, und keine Milizen. Sicherheit ist das, was wir vor allem benötigen. Das liegt in der Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der USA, weil sie hinter den Regimewechsel in der Region stecken.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Eure Seligkeit.

Stephanuspreisträger 2010 – Interview

„Die Regierung möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben“

Interview mit dem Bürgerrechtler Nguyen Van Dai

Einer der prominentesten Menschenrechtler Vietnams ist Nguyen Van Dai. Als Anwalt vertrat er viele politisch Verfolgte, Vertreter von Gewerkschaften und christlichen Gemeinschaften und setzte sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein. Deswegen geriet er ins Fadenkreuz der Behörden, die ihm „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“ vorwarfen. Im Jahr 2010 erhielt Nguyen Van Dai den Stephanuspreis für verfolgte Christen und im Jahr 2017 den Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbundes. Stiftungsvorsitzende Michaela Koller interviewte ihn 2020.

Nguyen Van Dai spricht weiter über Menschenrechte; Copyright: Youtube

Im Februar 2016 ernannten die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und die evangelische Nachrichtenagentur Idea ihn zum „Gefangenen des Monats“ und baten darum, sich für ihn in Protestbriefen einzusetzen. Nguyen Van Dai saß insgesamt sechseinhalb Jahre hinter Gittern, von 2007 bis 2011 und ab Dezember 2015, und stand von 2011 bis 2015 unter Hausarrest. Im Juni 2018 kam er – nach massiven internationalen Protesten – endlich frei und durfte nach Deutschland ausreisen. Noch zwei Monate zuvor hatte ihn das Volksgericht in Hanoi wegen der „Vorbereitung eines Umsturzversuches“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Michaela Koller befragte ihn aktuell zu seinem Einsatz für die Menschenrechte, seiner politischen Verfolgung in Vietnam und danach, wie es nun in Deutschland für ihn weitergegangen ist. Bei dem Gespräch zeigte sich deutlich, wie bedeutend das Recht auf freie Religionsausübung ist.

Was haben Sie vor Ihrer ersten Verhaftung getan?

Ich lebte 1989 in Ostberlin und wurde dort Zeuge des Berliner Mauerfalls, den ich mit eigenen Augen sah. Ich verfolgte auch den Zusammenbruch des Regimes in Ostberlin und die friedlichen Revolutionen in den Ländern Osteuropas. Das war die Zeit, in der auch mein Glaube an den Sozialismus und Kommunismus kollabierte. Ich erwachte und sah seine böse Natur.

Ende des Jahres 1990 war ich gerade 20 Jahre alt und entschied, nach Vietnam zurückzukehren, in der Hoffnung, zu einer demokratischen Revolution in meinem Heimatland beitragen zu können.

So fasste ich den Entschluss, die juristische Fakultät zu besuchen. Ich schloss 1995 mein Jurastudium ab. Ich wurde im Jahr 2000 Christ und Menschenrechtsanwalt, um evangelische Christen unter den Angehörigen der ethnischen Minderheit der H’Mong ebenso zu vertreten wie Leiter evangelischer Gemeinden, die von der vietnamesischen Regierung nicht anerkannt wurden.

Im Jahr 2006 gründete ich das Komitee für Menschenrechte und eine unabhängige Vereinigung. Ich lieferte regelmäßig für die vietnamesische Redaktion der BBC Beiträge, in denen ich für politische Pluralität in Vietnam eintrat. Ich gründete Kurse für Studenten, um sie über ihre politischen Rechte und die Pressefreiheit aufzuklären. Es war der 6. März 2007, als einer meiner Kollegen ein paar Studenten in meiner Kanzlei unterrichtete, als Sicherheitskräfte dort hereinplatzten und uns festnahmen.

Bei meinem Prozess argumentierte das Gericht, dass Vietnam ein Einparteiensystem ist und mein Eintreten für politische Pluralität bedeute, Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Pressefreiheit zu diskutieren heiße, sich gegen die Staatsmedien zu wenden und auch Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Das endete damit, dass ich wegen dieses Vorwurfs gemäß Artikel 88 des Strafgesetzbuchs zu vier Jahren im Gefängnis und weiteren vier Jahren Hausarrest verurteilt wurde.

Sie haben evangelische Pastoren sowie Angehörige der Minderheit der H’Mong verteidigt. Worin bestanden deren Probleme?

Ich verteidigte die Pastorin Thuy im Jahr 2000, Pastor Nguyen Hong Quang im Jahr 2005 und Pastor Than Van Truong im selben Jahr. Und vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 half ich vielen Angehörigen der H’Mong, die Protestanten sind und beriet sie. Vor 2007 betrachtete die kommunistische Regierung Vietnams die Protestanten als ihre Feinde und Handlanger des Westens, um sie zu stürzen.

Die Sicherheitsbehörde der Provinz Phu Tho wollte die Gruppe von Pastorin Thuy abweisen, die sich dagegen wehrte. Sie wurde verhaftet und wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. So geschah es auch Pastor Nguyen Hong Quang in Saigon. Im Jahr 2005 verschickte Pastor Than Van Truong zwei Bibeln, eine davon an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Vietnams und die andere an den Staatspräsidenten. Daraufhin wurde er von der Sicherheitsbehörde der Provinz Dong Nai verhaftet. Nachdem die Staatsanwaltschaft noch nach vier Monaten keine Anklage zustande brachten, ließen sie ihn in die psychiatrische Klinik von Dong Nai einweisen. Nach weiteren vier Monaten habe ich seine Verteidigung übernommen und er wurde freigelassen.

Die Protestanten unter den H’Mong gerieten wegen ihres Glaubens an Jesus Christus in Schwierigkeiten. Die örtliche Regierung setzte sie unter Druck, ihrem Glauben abzuschwören. Sie haben das nie akzeptiert und so wurden sie misshandelt. Als sie nach Hanoi kamen, half ich ihnen, ihre Beschwerden bei der Regierung Vietnams einzureichen.

Sie wurden am 16. Dezember 2015 erneut inhaftiert, nachdem Sie bereits zwischen 2007 und 2011 im Gefängnis und anschließend nochmals vier Jahre in Hausarrest gesessen hatten. Der Vorwurf lautete stets „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“, weil Sie sich für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eingesetzt hatten. Haben Sie nie daran gedacht, aufzugeben?

Seitdem ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden habe, verstand ich diesen so, dass der Herr von mir erwartete, für die Freiheit meines Volkes und Demokratie in meinem Land einzutreten. Ich fühlte, wie ich jeden Tag, seit ich begonnen hatte zu glauben, weiter reifte. Jedesmal, wenn Gott mir hilft, jede Herausforderung zu meistern, werde ich reicher an Erfahrungen. Ich möchte, dass die Menschen in Vietnam sehen, dass ich viele Dinge mit dem Segen Gottes bewirken kann. Ich werde durch Vietnam reisen, um für Gott Zeugnis abzulegen, wenn mein Land frei und demokratisch sein wird.

Beschreiben Sie bitte die Haftbedingungen, denen Sie im Gefängnis ausgesetzt waren.

Im Jahr 2007 war ich für mehr als zehn Monate im Haftzentrum 1 in Hanoi eingesperrt. Jeden Tag gaben sie uns ungewaschenes, schmutziges Gemüse, oftmals von Schädlingen befallen. Wir mussten dies mit dem dreckigen Wasser waschen, das man uns zuteilte, bevor wir es essen konnten. Fleisch erhielten wir nur rund 100 Gramm in der Woche. Sauberes Wasser, um das wir baten, erhielten wir nicht. Wir mussten das schmutzige Wasser dann fünfmal durch Socken oder Gesichtshandtücher filtern, bevor wir in der Lage waren, es zu trinken. Zeitungslektüre und Fernsehschauen waren verboten.

Während meiner zweiten Haftzeit vom 16. Dezember 2015 bis zum 7. Juni 2018 war ich in der Haftanstalt B 14. Erst nach elf Monaten Untersuchungshaft sah ich erstmals wieder meine Frau. Dann musste ich wieder drei Monate warten, dann fünf, dann vier und schließlich nochmals neun Monate. Ich habe meinen Verteidiger erst nach 26 Monaten Haft getroffen, was nur eine Stunde dauerte und unter ununterbrochener Aufsicht der Polizei stattfand. Während dieser zweieinhalb Jahre sah ich nie die Sonne. Ich wurde in einer kleinen Zelle von sechseinhalb Quadratmetern mit einer weiteren Person festgehalten.

In dieser Zeit musste ich für mehr als 20 Tage rohe Reiskörner essen. Die Nahrungsmittel waren oft abgestanden, sie taten Seife in unsere Suppe oder gaben uns Wasser mit einem unausstehlichen Gestank. Unsere Medikamente erhielten wir mitten in der Nacht. Wir wurden daran gehindert, Zeitung zu lesen oder Radio zu hören. Manchmal wurde uns die Wasserversorgung gekappt. Die Haftanstalt hielt Hähne, die bis zwei Uhr in der Früh krähten und um sechs Uhr von Neuem zu krähen begannen. Bei vielen Insassen verursachte dies Schlaflosigkeit. Die Gefängnisleitung erdachte sich alle möglichen Wege, uns Unannehmlichkeiten zu bereiten, um uns sowohl körperlich als auch psychisch zu schwächen.

Nguyen Van Dai mit seiner Frau Vu Minh Khanh, die während seiner Gefangenschaft beständig für seine Freilassung betete, in Berlin; Copyright: privat

Was war Ihre Kraftquelle, um das alles durchzustehen?

Allein Gottes Liebe und mein Glaube an Gott halfen mir, all meine Herausforderungen zu überwinden, aber auch die Gebete meiner Frau und aus der ganzen Welt.

Was machen Sie seit Ihrer Freilassung?

Ich danke Gott dafür, dass ich mit meiner Familie in Deutschland sein darf. Ich bin auch der deutschen Regierung dankbar, dass uns ein sicherer und guter Platz zum Leben gegeben wurde. Seit wir in Deutschland angekommen sind, haben wir jeden Tag für Deutschland und für Vietnam gebetet. Ich fahre damit fort, soziale Netzwerke wie Youtube, Facebook und Webblogs dazu zu nutzen, unter den Menschen in Vietnam Wissen über Menschenrechte und Demokratie zu verbreiten. Mein Youtube-Kanal hat 87.000 Abonnenten, meiner Internetseite folgen 66.000 Menschen. Regelmäßig appelliere ich an die Regierungen Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, der Schweiz, der EU sowie der Vereinigten Staaten und an Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsverstöße in Vietnam zu verurteilen. Ich habe sie auch dazu bewogen, auf die kommunistische Regierung in Vietnam Druck auszuüben, Gewissensgefangene freizulassen.

Wie sehen Sie die derzeitige Situation des Rechts auf Religionsfreiheit in Vietnam?

Vietnam hat keine richtige Religionsfreiheit. Aber die Kirche möchte unabhängig sein und akzeptiert die Einmischung der Regierung nicht. Und so wird sie immer noch verfolgt.

Pastoren und andere Gläubige aus der Region des zentralen Hochlandes erfahren es oft als schwierig, ein Theologiestudium, eine Gebetsgruppe oder einen Gottesdienst anzumelden. Freikirchen dürfen nie Gotteshäuser errichten. Die Regierung versucht, Spaltung und Uneinigkeit in die Kirchen zu bringen. Sie versuchte sogar, leitende Pastoren zu korrumpieren. Die kommunistische Regierung Vietnams möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben und dafür ihren Glauben an den Kommunismus aufgeben.

Was können wir hierzulande in dieser Lage tun?

Zuallererst möchte ich Sie bitten, für Religionsfreiheit in Vietnam zu beten. Beten Sie für die protestantischen Kirchen und Gläubigen, im Einsatz für Freiheit in Vietnam stark und verantwortlich zu bleiben. Beten Sie für die Pastoren und anderen Seelsorger, die im Gefängnis in Vietnam festgehalten werden. Leisten Sie humanitäre Hilfe für die Familien der Pastoren und Missionare in Haft und unterstützen Sie Pastoren in besonders schwierigen Gegenden, damit sie sich um die Freikirchen kümmern können.

GDPR Cookie Consent mit Real Cookie Banner