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Stephanuspreisträger 2018 – Interview

Warnung vor Erneuerung des Abkommens mit Peking
Interview der Stephanus-Stiftung mit Kardinal Zen Ze-kiun aus Hongkong

Vor einer Verlängerung des vorläufigen Abkommens des Heiligen Stuhls mit China im Oktober 2020 haben Menschenrechtler gewarnt. Mit dem Verweis auf die häufige Vertragsuntreue des kommunistischen Regimes in Peking, wie zuletzt in Hongkong deutlich gezeigt, fordern sie nach wie vor die Veröffentlichung des Vertragstextes. Der Vertrag, dessen Verlängerung schließlich bestätigt wurde, bildet die Grundlage für die Ernennung von Bischöfen und die Regelung von Bistumsgrenzen. Details werden bislang geheim gehalten.

Kritiker dieser Vereinbarung wie der frühere Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, beklagen, dass mit der Unterzeichnung Druck auf die Gläubigen der chinesischen Untergrundkirche ausgeübt werde, sich der staatlich kontrollierten Chinesisch Katholisch-Patriotischen Vereinigung anzuschließen. Vor dem Abkommen genoss die Untergrundkirche jedoch noch mehr interne religiöse Freiheit, weil sie etwa Predigten nicht von den Behörden genehmigen lässt. Sie geht somit aber ein höheres Risiko ein.

Foto: Martin Warnecke

„Furcht ist kein guter Ratgeber“

Das neue Nationale Sicherheitsgesetz höhlt Grundfreiheiten wie Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit aus. Auf dieser Grundlage erfolgten schon am 1. Juli, am Tag, an dem es in Kraft trat, mehr als 30 Festnahmen von Demonstranten. Am 10. August kam, unter anderen Demokratieverfechtern, der Medienunternehmer Jimmy Lai in Haft und erst gegen Hinterlegung einer Kaution frei. Er hatte zuvor mit seinem Vermögen unter anderem die Untergrundkirche in Festlandchina unterstützt. „Subversion“, „Sezession“ und „Kollaboration mit ausländischen politischen Kräften“, so lauten Tatbestände in dem Gesetz, was auch zur Kriminalisierung religiöser Aktivitäten, etwa die Pflege der Beziehungen zum Heiligen Stuhl und zur Weltkirche, führen kann. Das befürchten auch katholische Gläubige aus Hongkong laut einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme.

Michaela Koller, Vorsitzende des Vorstands der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, befragte den ehemaligen Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, zu seiner Sicht auf die Auswirkungen neuen Rechtslage. Das Interview wird an dieser Stelle gekürzt widergegeben.

Die chinesische Regierung hat der Sonderverwaltungszone Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen. Gibt es noch Hoffnung auf Freiheit?

Ich habe mich durch den gesamten Text des Gesetzes durchgearbeitet. Ich denke, dass es ausreicht, Ihnen zu sagen, dass sie auf dieser Grundlage alles mit Ihnen machen können. Sie können Ihre Kommunikation kontrollieren, Ihr Haus ohne richterlichen Beschluss durchsuchen, Sie ohne den Beistand eines Rechtsanwaltes verhaften, Sie in ein Gefängnis nach China bringen und dort vor Gericht stellen. Nicht einmal nächste Familienangehörige können Sie dort besuchen.

Fürchten Sie nicht die Konsequenzen, wenn Sie so stark für die Achtung der Menschenrechte in Hongkong und China eintreten?

Jeder muss Angst haben, denn sie sind verrückt. Furcht ist jedoch kein guter Ratgeber. Wir müssen nach unserem Gewissen reden und handeln. Ich rate den Menschen aber auch, unsere Feinde nicht zu provozieren, denn sie sind verrückt.

Wie sollte Ihrem Vorschlag zufolge die internationale Gemeinschaft auf die Lage reagieren?

Ich stelle fest, dass die ganze Welt allmählich aufwacht und schon erkannt hat, wie bösartig die Kommunistische Partei Chinas ist.

Inzwischen sind beinah zwei Jahre vergangen, seit der Vatikan mit Peking erstmals ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet hat. Dieses betrifft den Entscheidungsprozess für die Bischofsernennungen. Sollte das Übereinkommen nun verlängert werden? Wie beurteilen Sie das?

Dieses geheime Abkommen sollte zuallererst einmal veröffentlicht werden. Die pastoralen Leitlinien des Heiligen Stuhls für die staatliche Registrierung des Klerus in China vom 28. Juni vorigen Jahres sind noch viel schlimmer. Sie fordern die Untergrundkirche dazu auf, der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung [die offiziell von der kommunistischen Regierung anerkannte katholische Gemeinschaft; Anm. d. Red.] beizutreten. Das ist eine schismatische Kirche! Es ist einfach unglaublich!

Stephanuspreisträger 2011 – Interview

Es gibt andernfalls keine Zukunft“

Gespräch über die Situation der Christen im Irak mit dem chaldäisch-katholischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako aus Bagdad

Bis zur Verständigung, erst recht zur Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen im Irak, ist es noch ein weiter Weg. Patriarch Louis Raphael Kardinal Sako spricht im Interview mit Michaela Koller, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, klar vom Versagen des Staates auf nationaler, aber auch auf regionaler und örtlicher Ebene: Korruption, Milizen und andere Unruhestifter, radikale Lehren, die Hass und Gewalt schüren, selbst schon im Schulunterricht, stellen Stolpersteine dar. Um das drohende Ende der Jahrtausende währenden christlichen Geschichte aufzuhalten, ist politischer Wille zur Durchsetzung weitreichender Reformen nötig.

Im Herbst 2017 hat die Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit ihrer Region im Nordirak votiert. Wie könnte sich eine Anerkennung der Unabhängigkeit Kurdistans auf die Christen auswirken?

Ziel des Referendums der Kurden war es, ihren eigenen Staat zu haben, eine vollständige Autonomie. Die irakische Zentralregierung ist dagegen, so auch der Iran, die Türkei, Syrien. Wir sind besorgt darüber. Die Spannungen könnten so zunehmen und wir befürchten, es könnte ein weiterer Krieg ausbrechen. Krieg ist immer schlecht, gerade für die Christen und andere Minderheiten, die in jedem Krieg reichlich gelitten haben. Das wäre wirklich das Ende der Christenheit in dieser Region, aber auch in anderen Stätten, die damit hineingezogen würden. Wir hoffen nun auf einen Dialog im Interesse einer gewaltfreien Lösung.

Ich verstehe, aber sehen Sie denn eine Chance auf ein Zusammenleben unter den verschiedenen Religionsgruppen in der Region des nördlichen Irak?

Im gesamten Irak, aber auch in anderen Ländern, existiert ein neues Phänomen, das der sektiererischen Kultur oder Mentalität, eine Art von Fundamentalismus zwischen Sunniten und Schiiten, Christen und Muslimen, Kurden und Arabern und so weiter. Und das ist wirklich schlecht. Das sind wir nicht gewohnt. Der Irak war 35 Jahre hindurch säkular. Wenn wir zum Zusammenleben in Harmonie zurückkehren möchten, müssen wir unsere Einstellung ändern, unsere Mentalität, unsere Kultur und auch die Unterrichtsprogramme. Zum Nutzen aller sollte die internationale Gemeinschaft dafür sorgen, dass die Christen bleiben. Wenn ich mir die Qualitäten der Christen dort anschaue, so komme ich zu dem Schluss, dass sie die Muslime dabei unterstützen können, ihren Horizont zu erweitern und etwas anderes als ihre eigene Welt kennenzulernen.

Trennung von Religion und Staat – Idee der gleichen Bürgerrechte

Was ist sonst noch außer Bildung notwendig, um Frieden und Stabilität wieder herstellen zu können?

Das Problem besteht darin, dass seit vielen Jahrzehnten die Kultur aus Gewalt, Racheakten, Krieg, Morden und Zerstörung besteht. Uns fehlt die Kultur, die Sie seit 70 Jahren in Europa haben. Jeder ist bei ihnen frei, aber diese Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu tragen und andere nicht zu verletzen. Wir müssen von Ihrer Erfahrung profitieren. Möglicherweise ist das einzige hilfreiche Projekt die Idee der Bürgerschaft (die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz, Anm. d. Red.). Es existierte so eine Idee der Bürgerschaft für jedermann bei uns nicht, ebenso wenig wie die Trennung von Religion und Staat. Die Religion verfolgt Interessen, die unveränderlich sind. Ich denke, die Verknüpfung von beiden Sphären sollte allmählich verschwinden.

Die Terrororganisation IS ist immer noch im Irak. Meinen Sie nicht, dass es hilfreich wäre, die Verbrecher vor Gericht zu bringen?

Ich halte das für einen Wunschtraum. Geografisch verliert ISIS an Macht, aber die Ideologie gewinnt an Einfluss. Um diese Weltanschauung zu bekämpfen, müssen alle Menschen zusammenarbeiten. Die erste Verantwortung liegt bei den Muslimen selbst. Sie müssen ihre Glaubenslehren erneuern, die junge Generation darin unterrichten und über die Fehler oder vielmehr Mentalität von ISIS und anderer fundamentalistischer Gruppen belehren. Es gibt andernfalls keine Zukunft.

Wäre es hilfreich, wenn die westliche Welt das, was den Christen widerfahren ist, als Genozid brandmarken würde?

Für uns bestand der Völkermord darin, dass sie unsere Erinnerung, unser Erbe, unsere Lebensgrundlagen auslöschten und unser Land nahmen. Das gesamte Gedächtnis, das 2.000 Jahre zurückreichte, war betroffen: Sie brannten unsere Kirchen nieder, zerstörten Klöster und historische Bauten. Dies war kein physischer Genozid wir für andere, wie für die Jesiden.

Wie kann der Westen die Christen dort unterstützen?

Sie sollten den Irak dazu bringen, eine neue Verfassung einzuführen. Um einen starken Staat aufzubauen, darf ausschließlich die Armee bewaffnet sein, und keine Milizen. Sicherheit ist das, was wir vor allem benötigen. Das liegt in der Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der USA, weil sie hinter den Regimewechsel in der Region stecken.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Eure Seligkeit.

Stephanuspreisträger 2010 – Interview

„Die Regierung möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben“

Interview mit dem Bürgerrechtler Nguyen Van Dai

Einer der prominentesten Menschenrechtler Vietnams ist Nguyen Van Dai. Als Anwalt vertrat er viele politisch Verfolgte, Vertreter von Gewerkschaften und christlichen Gemeinschaften und setzte sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein. Deswegen geriet er ins Fadenkreuz der Behörden, die ihm „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“ vorwarfen. Im Jahr 2010 erhielt Nguyen Van Dai den Stephanuspreis für verfolgte Christen und im Jahr 2017 den Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbundes. Stiftungsvorsitzende Michaela Koller interviewte ihn 2020.

Nguyen Van Dai spricht weiter über Menschenrechte; Copyright: Youtube

Im Februar 2016 ernannten die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und die evangelische Nachrichtenagentur Idea ihn zum „Gefangenen des Monats“ und baten darum, sich für ihn in Protestbriefen einzusetzen. Nguyen Van Dai saß insgesamt sechseinhalb Jahre hinter Gittern, von 2007 bis 2011 und ab Dezember 2015, und stand von 2011 bis 2015 unter Hausarrest. Im Juni 2018 kam er – nach massiven internationalen Protesten – endlich frei und durfte nach Deutschland ausreisen. Noch zwei Monate zuvor hatte ihn das Volksgericht in Hanoi wegen der „Vorbereitung eines Umsturzversuches“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Michaela Koller befragte ihn aktuell zu seinem Einsatz für die Menschenrechte, seiner politischen Verfolgung in Vietnam und danach, wie es nun in Deutschland für ihn weitergegangen ist. Bei dem Gespräch zeigte sich deutlich, wie bedeutend das Recht auf freie Religionsausübung ist.

Was haben Sie vor Ihrer ersten Verhaftung getan?

Ich lebte 1989 in Ostberlin und wurde dort Zeuge des Berliner Mauerfalls, den ich mit eigenen Augen sah. Ich verfolgte auch den Zusammenbruch des Regimes in Ostberlin und die friedlichen Revolutionen in den Ländern Osteuropas. Das war die Zeit, in der auch mein Glaube an den Sozialismus und Kommunismus kollabierte. Ich erwachte und sah seine böse Natur.

Ende des Jahres 1990 war ich gerade 20 Jahre alt und entschied, nach Vietnam zurückzukehren, in der Hoffnung, zu einer demokratischen Revolution in meinem Heimatland beitragen zu können.

So fasste ich den Entschluss, die juristische Fakultät zu besuchen. Ich schloss 1995 mein Jurastudium ab. Ich wurde im Jahr 2000 Christ und Menschenrechtsanwalt, um evangelische Christen unter den Angehörigen der ethnischen Minderheit der H’Mong ebenso zu vertreten wie Leiter evangelischer Gemeinden, die von der vietnamesischen Regierung nicht anerkannt wurden.

Im Jahr 2006 gründete ich das Komitee für Menschenrechte und eine unabhängige Vereinigung. Ich lieferte regelmäßig für die vietnamesische Redaktion der BBC Beiträge, in denen ich für politische Pluralität in Vietnam eintrat. Ich gründete Kurse für Studenten, um sie über ihre politischen Rechte und die Pressefreiheit aufzuklären. Es war der 6. März 2007, als einer meiner Kollegen ein paar Studenten in meiner Kanzlei unterrichtete, als Sicherheitskräfte dort hereinplatzten und uns festnahmen.

Bei meinem Prozess argumentierte das Gericht, dass Vietnam ein Einparteiensystem ist und mein Eintreten für politische Pluralität bedeute, Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Pressefreiheit zu diskutieren heiße, sich gegen die Staatsmedien zu wenden und auch Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Das endete damit, dass ich wegen dieses Vorwurfs gemäß Artikel 88 des Strafgesetzbuchs zu vier Jahren im Gefängnis und weiteren vier Jahren Hausarrest verurteilt wurde.

Sie haben evangelische Pastoren sowie Angehörige der Minderheit der H’Mong verteidigt. Worin bestanden deren Probleme?

Ich verteidigte die Pastorin Thuy im Jahr 2000, Pastor Nguyen Hong Quang im Jahr 2005 und Pastor Than Van Truong im selben Jahr. Und vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 half ich vielen Angehörigen der H’Mong, die Protestanten sind und beriet sie. Vor 2007 betrachtete die kommunistische Regierung Vietnams die Protestanten als ihre Feinde und Handlanger des Westens, um sie zu stürzen.

Die Sicherheitsbehörde der Provinz Phu Tho wollte die Gruppe von Pastorin Thuy abweisen, die sich dagegen wehrte. Sie wurde verhaftet und wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. So geschah es auch Pastor Nguyen Hong Quang in Saigon. Im Jahr 2005 verschickte Pastor Than Van Truong zwei Bibeln, eine davon an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Vietnams und die andere an den Staatspräsidenten. Daraufhin wurde er von der Sicherheitsbehörde der Provinz Dong Nai verhaftet. Nachdem die Staatsanwaltschaft noch nach vier Monaten keine Anklage zustande brachten, ließen sie ihn in die psychiatrische Klinik von Dong Nai einweisen. Nach weiteren vier Monaten habe ich seine Verteidigung übernommen und er wurde freigelassen.

Die Protestanten unter den H’Mong gerieten wegen ihres Glaubens an Jesus Christus in Schwierigkeiten. Die örtliche Regierung setzte sie unter Druck, ihrem Glauben abzuschwören. Sie haben das nie akzeptiert und so wurden sie misshandelt. Als sie nach Hanoi kamen, half ich ihnen, ihre Beschwerden bei der Regierung Vietnams einzureichen.

Sie wurden am 16. Dezember 2015 erneut inhaftiert, nachdem Sie bereits zwischen 2007 und 2011 im Gefängnis und anschließend nochmals vier Jahre in Hausarrest gesessen hatten. Der Vorwurf lautete stets „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“, weil Sie sich für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eingesetzt hatten. Haben Sie nie daran gedacht, aufzugeben?

Seitdem ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden habe, verstand ich diesen so, dass der Herr von mir erwartete, für die Freiheit meines Volkes und Demokratie in meinem Land einzutreten. Ich fühlte, wie ich jeden Tag, seit ich begonnen hatte zu glauben, weiter reifte. Jedesmal, wenn Gott mir hilft, jede Herausforderung zu meistern, werde ich reicher an Erfahrungen. Ich möchte, dass die Menschen in Vietnam sehen, dass ich viele Dinge mit dem Segen Gottes bewirken kann. Ich werde durch Vietnam reisen, um für Gott Zeugnis abzulegen, wenn mein Land frei und demokratisch sein wird.

Beschreiben Sie bitte die Haftbedingungen, denen Sie im Gefängnis ausgesetzt waren.

Im Jahr 2007 war ich für mehr als zehn Monate im Haftzentrum 1 in Hanoi eingesperrt. Jeden Tag gaben sie uns ungewaschenes, schmutziges Gemüse, oftmals von Schädlingen befallen. Wir mussten dies mit dem dreckigen Wasser waschen, das man uns zuteilte, bevor wir es essen konnten. Fleisch erhielten wir nur rund 100 Gramm in der Woche. Sauberes Wasser, um das wir baten, erhielten wir nicht. Wir mussten das schmutzige Wasser dann fünfmal durch Socken oder Gesichtshandtücher filtern, bevor wir in der Lage waren, es zu trinken. Zeitungslektüre und Fernsehschauen waren verboten.

Während meiner zweiten Haftzeit vom 16. Dezember 2015 bis zum 7. Juni 2018 war ich in der Haftanstalt B 14. Erst nach elf Monaten Untersuchungshaft sah ich erstmals wieder meine Frau. Dann musste ich wieder drei Monate warten, dann fünf, dann vier und schließlich nochmals neun Monate. Ich habe meinen Verteidiger erst nach 26 Monaten Haft getroffen, was nur eine Stunde dauerte und unter ununterbrochener Aufsicht der Polizei stattfand. Während dieser zweieinhalb Jahre sah ich nie die Sonne. Ich wurde in einer kleinen Zelle von sechseinhalb Quadratmetern mit einer weiteren Person festgehalten.

In dieser Zeit musste ich für mehr als 20 Tage rohe Reiskörner essen. Die Nahrungsmittel waren oft abgestanden, sie taten Seife in unsere Suppe oder gaben uns Wasser mit einem unausstehlichen Gestank. Unsere Medikamente erhielten wir mitten in der Nacht. Wir wurden daran gehindert, Zeitung zu lesen oder Radio zu hören. Manchmal wurde uns die Wasserversorgung gekappt. Die Haftanstalt hielt Hähne, die bis zwei Uhr in der Früh krähten und um sechs Uhr von Neuem zu krähen begannen. Bei vielen Insassen verursachte dies Schlaflosigkeit. Die Gefängnisleitung erdachte sich alle möglichen Wege, uns Unannehmlichkeiten zu bereiten, um uns sowohl körperlich als auch psychisch zu schwächen.

Nguyen Van Dai mit seiner Frau Vu Minh Khanh, die während seiner Gefangenschaft beständig für seine Freilassung betete, in Berlin; Copyright: privat

Was war Ihre Kraftquelle, um das alles durchzustehen?

Allein Gottes Liebe und mein Glaube an Gott halfen mir, all meine Herausforderungen zu überwinden, aber auch die Gebete meiner Frau und aus der ganzen Welt.

Was machen Sie seit Ihrer Freilassung?

Ich danke Gott dafür, dass ich mit meiner Familie in Deutschland sein darf. Ich bin auch der deutschen Regierung dankbar, dass uns ein sicherer und guter Platz zum Leben gegeben wurde. Seit wir in Deutschland angekommen sind, haben wir jeden Tag für Deutschland und für Vietnam gebetet. Ich fahre damit fort, soziale Netzwerke wie Youtube, Facebook und Webblogs dazu zu nutzen, unter den Menschen in Vietnam Wissen über Menschenrechte und Demokratie zu verbreiten. Mein Youtube-Kanal hat 87.000 Abonnenten, meiner Internetseite folgen 66.000 Menschen. Regelmäßig appelliere ich an die Regierungen Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, der Schweiz, der EU sowie der Vereinigten Staaten und an Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsverstöße in Vietnam zu verurteilen. Ich habe sie auch dazu bewogen, auf die kommunistische Regierung in Vietnam Druck auszuüben, Gewissensgefangene freizulassen.

Wie sehen Sie die derzeitige Situation des Rechts auf Religionsfreiheit in Vietnam?

Vietnam hat keine richtige Religionsfreiheit. Aber die Kirche möchte unabhängig sein und akzeptiert die Einmischung der Regierung nicht. Und so wird sie immer noch verfolgt.

Pastoren und andere Gläubige aus der Region des zentralen Hochlandes erfahren es oft als schwierig, ein Theologiestudium, eine Gebetsgruppe oder einen Gottesdienst anzumelden. Freikirchen dürfen nie Gotteshäuser errichten. Die Regierung versucht, Spaltung und Uneinigkeit in die Kirchen zu bringen. Sie versuchte sogar, leitende Pastoren zu korrumpieren. Die kommunistische Regierung Vietnams möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben und dafür ihren Glauben an den Kommunismus aufgeben.

Was können wir hierzulande in dieser Lage tun?

Zuallererst möchte ich Sie bitten, für Religionsfreiheit in Vietnam zu beten. Beten Sie für die protestantischen Kirchen und Gläubigen, im Einsatz für Freiheit in Vietnam stark und verantwortlich zu bleiben. Beten Sie für die Pastoren und anderen Seelsorger, die im Gefängnis in Vietnam festgehalten werden. Leisten Sie humanitäre Hilfe für die Familien der Pastoren und Missionare in Haft und unterstützen Sie Pastoren in besonders schwierigen Gegenden, damit sie sich um die Freikirchen kümmern können.

Stephanuspreisträger 2008 – Interview

Vor dem historischen Papstbesuch: Welche Zukunft hat der Irak?

Emanuel Youkhana, Erzdiakon der Assyrischen Kirche des Ostens

Direktor von CAPNI (Christian Aid Program Northern Iraq),

im Gespräch mit Michaela Koller, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen

Übersetzung des englischen Originalinterviews auf unserem Youtube-Kanal. Wörtliche Formulierungen wurden teilweise leserfreundlich angepasst.

Guten Tag, Pfarrer Emanuel Youkhana. Willkommen in Wiesbaden, in Hessen. Willkommen nochmals in Deutschland. Sie haben Ihren festen Sitz in Dohuk. Ich bin im vorigen Jahr das letzte Mal in die Region gereist. Ich war erfreut einiges an Hoffnung vorzufinden, in Telskuf. Dies ist das Ergebnis von Unterstützung etwa seitens der Regierung Ungarns sowie einiger Nichtregierungsorganisationen, die den Wiederaufbau und damit die Rückkehr der Christen in diesen hauptsächlich oder zu 100 Prozent christlichen Ort gefördert haben.

Ja, zu 100 Prozent christlich ist Teskuf.

Ich war froh dies zu sehen, alles, darunter eine große neue Kirche, die mit sehr viel Eleganz gestaltet ist. Lassen Sie uns aber über die gesamte Region sprechen, die Ninive-Ebene und auch überhaupt die christlichen Siedlungen. Wie schreitet der Wiederaufbau dort voran?

Guten Abend, Michaela. Ich danke Ihnen für dieses Interview, durch das ich die gesamte Stiftung grüßen möchte, den Vorstand und auch Ihre Freunde und Unterstützer. Sie waren im Irak, in Dohuk und auch in der Ninive-Ebene. Daher freuen wir uns schon darauf, Sie dort wiederzusehen. Wir hoffen darauf im nächsten Jahr, wenn die Corona-Pandemie hoffentlich weltweit bewältigt sein wird. Es ist stets gut, Menschen zu empfangen, die ihre Solidarität und ihre Betroffenheit gegenüber ihren christlichen Geschwistern, die in solchen Konfliktzonen leben, zum Ausdruck bringen. Die materielle Hilfe kann in diesem globalen Dorf leicht geliefert, gehandhabt und umgesetzt werden, aber gleichfalls wichtig ist es, dass die Menschen persönlich dorthin kommen. Wenn ich als Pfarrer oder der Bischof oder andere Repräsentanten des Klerus eine Gemeinde regelmäßig besuchen, ist dies nichts Neues. „Okay, der Abuna (arabisch für Pfarrer; Anm. d. Red.) ist wieder da“, so sagen sie.

Aber, wenn Menschen wie Sie aus Deutschland kommen, oder aus Skandinavien, aus Übersee, um christliche Familien oder die Kirche dort zu besuchen, sagen sie: „Aha, wir sind nicht vergessen. Da gibt es Menschen, die an uns denken, Menschen für uns beten und hierherkommen, um etwas mit uns zu teilen.“ Dieses Zeichen und diese Praxis der Solidarität bedeutet Hoffnung für die Bevölkerung, dass sie nicht allein gelassen sind. Daher sage ich es nochmals: Sie sind sehr herzlich willkommen und eingeladen, im nächsten Jahr zu uns zu kommen, Ihre Schwesterkirche zu besuchen, ob in Telskuf, in Alquosh oder in Dohuk.

Um auf die derzeitige Situation zurückzukommen: Wenn wir über die Ninive-Ebene zu sprechen kommen, dann reden wir über Landkarte, die durch reiche Vielfalt, durch Diversität, gekennzeichnet ist. Da sind zum einen die Christen, dann auch die Jesiden, Schabaken, Kurden, Araber und Kakai. So ist es ein sehr nettes Mosaik. Unglücklicherweise wurde durch den IS dieses Gefüge zerbrochen. Und die Zerstörung, die der IS verursachte, geht über den materiellen Schaden hinaus. Der materielle Verlust ist leichter wiedergutzumachen. Wir müssen uns jedoch auf den sozialen Zusammenhalt, die allseitige Teilhabe am alltäglichen Zusammenleben, konzentrieren. Der Wiederaufbau der Häuser und der Kirchen ist sehr viel weiter fortgeschritten, aber was uns immer noch fehlt ist ein Lebensunterhalt. Vielen Dank, dass Sie mir beim Wiederaufbau meines Hauses. Sie haben die Kirche und die Schule wiederaufgebaut, aber was geschieht mit der Wirtschaft und mit unserer Lebensgrundlage? Wir konzentrieren uns darauf, unsere Landsleute mit Jobs zu versorgen, besonders die junge Generation. Das ist sehr wichtig.  Ich wende mich dazu an die örtliche Kirche, internationale und lokale Bürgerinitiativen. Und zusammen leisten wir unser Bestes, um für die Menschen die Hoffnung greifbar zu machen. Für uns Christen ist dies etwas sehr Nettes: Wir sind Kinder der Hoffnung, leben in ihr und teilen diese. Aber die Hoffnung geht über eine gute Predigt und nette Worte hinaus. Sie muss verwirklicht werden. Und dazu sind wir da.

Das greift schon in meine nächste Frage über. Diese bezieht sich darauf, was die Christen dort benötigen, um langfristig eine Zukunft im Irak zu haben. Die Frage der Rückkehr ist das Eine. Eine andere Frage ist es, zu bleiben…

Unglücklicherweise leiden die Christen im gesamten Nahen Osten. Sie fühlen sich vielfach diskriminiert, im Iran, im Irak und in Syrien sowieso, wo sie sogar verfolgt werden. Leider emigrieren, ja flüchten viele, die die Hoffnung verloren haben. Leider können wir ein besonders wichtiges Moment nicht wiederherstellen, das ist die christliche Demographie. Wir müssen die Rolle der Christen erneuern. Das ist sehr wichtig, um sie mit ihren Partnern zusammenzubringen: Christliche Bildung, christliche Schulen, die allen Gemeinschaften dienen, christliche Gesundheitszentren und Krankenhäuser sowie Nichtregierungsorganisationen. Das wird die christliche Gemeinschaft im Ansehen durch andere Gemeinschaften voranbringen. Dadurch wächst ihre Rolle, ihr wird mehr Respekt entgegengebracht und sie kann darauf stolz sein und somit optimistischer in die Zukunft blicken.

Es gibt inzwischen drei Kategorien von Christen: Es gibt einen Prozentsatz von Familien, die sich dazu entschlossen haben zu fliehen und andere, die entschieden haben, für immer dort zu bleiben, weil sie da ihre Geschichte, ihre Wurzeln und ihre Zukunft sehen. Und dazwischen sitzen diejenigen, was ganz wichtig ist, die noch keinen Entschluss gefasst haben. Wir zielen auf diese Menschen ab, um ihnen zu vermitteln, dass sie bei uns eine Zukunft haben können. Die jungen Leute bilden die Mehrheit dieser Kategorie. Es sind die, die im Begriff sind ihr Universitätsstudium abzuschießen und keine Arbeit in Aussicht haben. Diese Menschen müssen wir unterstützen.

Wenn Sie das nächste Mal in den Irak kommen, werden Sie im Hotel übernachten, weil sie dort kein Haus haben. Und dies ist das, was ich immer sage: Wenn sich unsere Leute erst einmal im Irak zu Hause fühlen, werden sie nicht mehr versuchen, das Land zu verlassen, um Hotels in Skandinavien oder sonst in der Diaspora zu suchen. Und dies ist unsere Aufgabe, die keine leichte ist, vielmehr ist dies kompliziert. Unsere Aufgabe ist es, die Christen fühlen zu lassen, wieder daheim angekommen zu sein. Wir geben unser Bestes in der humanitären Hilfe, um für das Auskommen zu sorgen oder beim Wiederaufbau von Kirchen und Schulen und so weiter. Jedoch ist die größte Herausforderung die Sicherheit. Es ist der Kirche nicht möglich, dafür zu sorgen, auch nicht den Bürgerinitiativen. Das ist die größte Herausforderung für die Christen in Mosul und in der Ninive-Ebene. Das nächste Weihnachtsfest wird schon das Siebte sein, zu dem keine Glocken in Mosul erklingen.

Sogar jetzt, da Mosul wieder zurückerobert wurde, ich rede nicht von Befreiung, weil das viel mehr bedeuten würde, kehren christliche Familien nicht wieder dorthin zurück. In der gesamten Gesellschaft, im täglichen Leben, fühlen sie sich nicht willkommen. Die Christen verlieren an Boden in der Stadt Mosul und Tel Keppe. In Telskuf und in Alqosh, überall in der Region Kurdistan, hingegen, läuft es fein. Da gibt es andere Probleme dort, finanzieller Natur oder auch jetzt durch Corona, aber vom Sicherheitsaspekt her. Aber eine Herausforderung liegt auch in Bartella und Karakosh wegen der schiitischen Milizen der Schabaken. Sie nutzen ihre Macht, kontrollieren die Gegend militärisch und und sie werden durch den Iran und schiitische Parteien politisch und finanziell unterstützt, um Jobs und den Markt zu übernehmen. Also gibt es einen großen Druck auf die Christen. Es ist wie die Frontlinie in einer Schlacht dort, eine Schlacht um den Wandel der Demografie in Bartella und Karakosh.

Das ist sehr traurig, dies zu hören. Können Sie uns auch einen Überblick über die Situation der Christen im übrigen Irak geben? Wie sieht es dort aus?

Nun, die christliche Präsenz im Irak konzentriert vor allem auf die Region Kurdistan und die Ninive-Ebene. Natürlich haben wir in Bagdad 30.000 bis 40.000 Christen. Dabei sprechen wir aber von einer Acht-Millionen-Stadt. So sind wir doch eine ziemlich kleine Minderheit dort. In dieser komplizierten Situation dieser MENA-Region (Mittlerer Osten – Nordafrika) mit internen Konflikten und dem Einfluss von äußeren Akteuren gibt es keinen Platz für Christen als Akteure. Wir sind nicht auf der Tagesordnung der Regierung aufgelistet. Sie haben genug zu tun, für die Sicherheitslage mit Blick auf die Milizen, mit dem Einfluss des Iran im Irak sowie den US-amerikanisch-iranischen Spannungen ebenso wie mit der Wirtschaftskrise. Der Irak ist ja sehr vom Ölexport abhängig. Und es kommt nun noch COVID-19 hinzu. Und ganz unten sind die nichtmuslimischen Minderheiten wie die Christen und Jesiden, unglücklicherweise. Sie sind in keiner guten Lage. Lassen Sie mich es so sagen: Nun sind mehr als sechs Jahre seit der Katastrophe mit dem IS vergangen. Aber glauben Sie mir: Bis jetzt hat es noch keine nationale Debatte darüber gegeben, was geschehen ist, warum es passiert ist, wie das vorkommen konnte und wie hätte verhindert werden können. Daher fühlen die Menschen, dass die Regierung sich nicht darum sorgt.

Da liegen doch viele Ursachen dem zugrunde….

Ja. Wenn man es noch deutlicher sagen will: Die irakische Regierung ist mehr darüber besorgt, die arabischen Sunniten zu überzeugen, die den Hintergrund für den IS darstellen, als die Opfer des IS zu überzeugen. Zum Beispiel: Vor zwei Tagen haben sie einen der Kader, kein Anführer, aber auch kein kleiner Fisch, der 32 christliche Inschriften aus einer Kirche stahl und sie in seinem Haus versteckt hielt. Jetzt sind schon vier Jahre seit (der Rückeroberung aus dem Griff) des IS vergangen und noch immer war so ein hochrangiger Anhänger dort in Mosul. Daher fühlen sich die Menschen verunsichert. Der einzig sichere Ort ist (die Autonome Region) Kurdistan und ein Teil der Ninive-Ebene. Sie müssen wissen, dass die Ninive-Ebene aus zwei Teilen besteht, ein Teil unter der Kontrolle der irakischen Regierung und schiitischer Milizen und ein Teil unter der Kontrolle der Kurden und der Peschmerga.

Lassen Sie uns über CAPNI sprechen, das Christliche Hilfsprogramm für den Nordirak. Sie haben es bereits 1993 gegründet, was sehr lange Zeit zurückliegt. Meine Frage wäre, wie Sie auf die Herausforderungen reagieren, die Sie zuvor beschrieben haben.

CAPNI ist die Abkürzung für Christian Aid Program Nohadra Iraq. Nohadra ist der christlich-assyrische Name der Stadt Dohuk. Für Jahrhunderte war dies eine christliche Region. Die Organisation wurde dort gegründet. Sie haben recht, wir wurden 1992 als Initiative gegründet und 1993 dann offiziell, in der Folge des Golfkriegs. Es herrschte damals eine ähnliche Situation. Eine Million Menschen waren in der Folge zur türkischen Grenze geflüchtet. Dann erklärten die Vereinten Nationen die Region Kurdistan für eine sichere Zone. Die Flüchtlinge kehrten zurück und es folgte das internationale Embargo gegen den Irak, gegen die Zentralregierung, aber es traf auch Kurdistan. So hatten sie zwar die Chance zur Rückkehr, aber keine Ressourcen. Das war dann der Anstoß zur Gründung von CAPNI, den Menschen zu helfen, ihr Leben wieder aufzubauen und in ihre Dörfer zurückzukehren. Wir haben als sehr kleine karitative Organisation begonnen. Wir sind eine von wenigen, vielleicht die Einzige in Dohuk, die die Arbeit damals begonnen hat und dann bis heute weiterarbeiten und wachsen.

Es ist eine lange Geschichte, aber ich werde sie angesichts der vielen Phasen, die wir hatten, kurzfassen. Die erste Phase endete zehn Jahre später, im Jahr 2003, als (Diktator, Anm. d. Red.) Saddam Hussein gestürzt wurde. In dieser Phase durften wir nur in der Region Kurdistan tätig sein, in anderen Gebieten des Irak war dies nicht erlaubt. Dank gilt den Kirchen in Deutschland und deutscher Organisationen, die die großen Unterstützer von CAPNI waren und sind. Hier beziehe ich mich auf beide Familien, die katholische Kirche und auch die lutherische, ob als Kirchen oder Einrichtungen wie Misereor, Caritas, Kindermissionswerk, Kirche in Not, die Diakonie, Brot für die Welt. Sie waren und sind dankenswerterweise unsere Partner. Von 2003 bis 2014, als der IS aufkam, erstreckte sich im Irak ein Machtvakuum. Christen und andere Minderheiten wurden zur Zielscheibe in anderen Teilen des Irak. Sie flohen aus Bagdad, aus Basra und anderen großen Städten in die Ninive-Ebene, weil sie dort sicher waren, da sie von den Peschmerga kontrolliert wurde.

Dann hatten wir zum ersten Mal Zugang zur Ninive-Ebene, weil Saddam Hussein gestürzt war. Aus diesem Grund haben wir uns auf dieses Gebiet konzentriert, hinsichtlich der Zusammenarbeit, um Leben zu retten, humanitäre Güter, Nahrungsmittel, Hygieneartikel et cetera zu liefern, zum Unterhalt und zur Bildung beizutragen. Dann, als IS aufgekommen war, begannen wir damit, uns auf die Bedürfnisse Flüchtlinge zu fokussieren. Es ist sehr wichtig, hier zu wissen: In der ersten Augustwoche 2014, in nur einer Woche, als der IS am 4. August zum Sindschargebirge und am 6. August in die Ninive-Ebene vordrang, wuchs Dohuk von einer Bevölkerungszahl von 1,3 Millionen auf zwei Millionen an. Rund 700.000 Vertriebene suchten Schutz in der Provinz von Dohuk. Somit war jeder Dritte ein Flüchtling. Das bedeutete, dass wir viel zu tun bekamen.

Gott sei Dank und dank unserer Partner in Deutschland, die uns durch ihre tatkräftige Reaktion unterstützten, um auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge einzugehen, Leben durch Operationen zu retten, Nahrungsmittel und Hygienebedarf zu liefern und sogar Kleidung, denn viele, die geflohen waren, hatten nichts mehr. Dann haben wir uns dauerhafterer Programme angenommen wie der Bildung, Räume für Kinder. Später dann, im Jahr 2017, als die Gebiete vom IS zurückerobert wurden, kehrten die Ersten zurück, wie Sie das in Telskuf gesehen haben. Sie kamen und fragten, wohin: Mein Haus ist abgebrannt worden, mein Haus wurde beschädigt, teilweise oder ganz. So war der Fokus 2017 für CAPNI, den Menschen die Rückkehr zu ermöglichen.

So haben wir zum Beispiel 1.432 Häuser in der Ninive-Ebene wieder aufgebaut und 1.500 renoviert, ebenso 34 oder 35 Schulen und mehr als zehn Kirchen, um den Menschen die Rückkehr zu ermöglichen. Aber die Bedürfnisse gehen darüber hinaus, denn es geht auch um den Lebensunterhalt, darum zu leben, zu überleben. So konzentrieren wir uns nun darauf, der Bevölkerung zu helfen, Arbeit zu finden, ihre Geschäfte wieder aufzubauen, die vom IS abgebrannt oder sonst zerstört wurden. Wir versuchen die Menschen dabei zu unterstützen, ihre Firma wieder zu errichten, ob kleiner oder größer. Der jungen Generation bieten wir Berufsausbildung an, vermitteln Fertigkeiten und Kredite. Wir schätzen auch die große Hilfe der deutschen und der ungarischen Regierung, den Kirchen und Organisationen, um den materiellen Schaden und die Folgen der Katastrophe zu beheben. Aber wir müssen uns auch die Wurzeln der Krise anschauen, sie ein für alle Mal lösen.

Was schlagen Sie vor?

Diskriminierung ist im Irak ein strukturelles Problem, in der Verfassung, in der Gesetzgebung und – was am entscheidend ist – in der Bildung. Ich nenne Ihnen ein sehr deutliches Beispiel: Im Irak haben wir vier nichtmuslimische Minderheiten, die im Irak lebten und existierten, bevor der Islam kam. Daher stellen sie die irakische Urbevölkerung dar und gehören einheimischer Religionen an. Ich beziehe mich auf Juden, Mandäer, (Anhänger Johannes des Täufers), Jesiden und natürlich Christen. Aber glauben Sie mir, ein irakisches Kind kann mit der Grundschule beginnen, die weiterführende Schule abschießen und einen Universitätsabschluss machen und sich zum Entscheidungsträger entwickeln, wie etwa ein Parlamentsabgeordneter oder in eine politische Führungsrolle kommen und in all den 16 Jahren seiner Ausbildung kommt kein einziger Satz – geschweige denn ein Kapitel – vor, der ihm diese vier Minderheiten vorstellt. Wir wurden aus dem Gedächtnis der Bevölkerung ausradiert. Daher war es für den IS einfach zu versuchen, uns physisch auszulöschen. Dies sind die Regeln: Wie kann man eine Gemeinschaft respektieren oder lieben, wenn man nicht weiß, wer sie überhaupt sind.

Verfassung, Gesetzgebung und die Curricula müssen erneuert werden, um eine neue Generation heranwachsen zu lassen, die sich ihres Landes, ihrer Nachbarn und Partner bewusst ist. Nun konzentrieren wir uns bei CAPNI darauf. Dank des Bildungsministerium für Kurdistan in Erbil, das aufgeschlossen ist, haben wir ein einjähriges Programm laufen, um die Curricula zu überarbeiten und alle Religionen und Gemeinschaften darin zu berücksichtigen. Diese Chance bekamen wir in Kurdistan, aber unglücklicherweise nicht in Bagdad, wo wir es auch versucht haben. Sie sind aber von fundamentalistisch-islamischen Gruppen beeinflusst. Das ist die Wurzel des Problems. Sie werden nicht als Bürger anerkannt, weil der irakische Staat kein solches Staatsbürgerprinzip kennt. Sie werden nur als Anhänger einer Religions- oder Bekenntnisgemeinschaft identifiziert. Aufgrund dieser Einstufung sind Christen, Jesiden oder Kakai ganz unten. Daher gibt es Diskriminierung im alltäglichen Leben. Wenn Sie die Schulpläne betrachten, so ist alles islamisiert. Auch die Behörden sind dies und die Gesetzgebung fußt auf der Scharia (dem islamischen Recht; Anm. d. Red.). Das ist die Wurzel des Problems, dessen wir uns annehmen müssen.

Dankeschön, Pfarrer Emanuel, für dieses wirklich offene und aufschlussreiche Interview. Ich wünsche Ihnen nur das Beste für die Zukunft und dass alle Ihre Bemühungen reiche Frucht tragen. Ich danke Ihnen.

Ich danke auch der Stephanus-Stiftung. Den Namen Stephanus im Titel zu führen, ist eine Botschaft, ein Zeichen der Solidarität, des Mitfühlens mit dem Leid der Kirche und der Menschen. Daher danke ich für dieses Zeichen. Danke dafür, dass Sie die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit wecken und die Stimme der Stimmlosen sind.

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