Vortrag von Kardinal Joseph Zen Ze-kiun

Ipsi cura est – In ihm ist Heil

Vortrag von Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, emeritierter Bischof von Hongkong

April 2018 in der Frankfurter Deutschordenskirche

 

Ich bin sehr glücklich, heute hier sein zu können, Ihnen die vielen Freuden in meinem Leben mitteilen zu können, aber auch die vielen Sorgen, die ich habe. Wie Sie wissen, bin in Shanghai geboren und mein Vater war ein frommer Katholik, der mich jeden Tag zur Kirche mitnahm. Es kam dann zum Krieg mit den Japanern, die Shanghai eingenommen haben. Mein Vater verlor seinen Arbeitsplatz und wurde auch noch krank, sogar gelähmt und so konnte er sich nicht mehr um mich kümmern. Aber glücklicherweise fand ich meinen Weg zu den Salesianern. Meine Mutter brachte mich zu ihnen und mein Vater sagte, wenn ich nicht gut in der Schule sei, sollten sie mich zurückschicken. Das haben sie nicht getan. Mein Vater starb, bevor ich 16 Jahre alt war. In jenem Jahr bin ich von Schanghai nach Hongkong gezogen. Weil das Noviziat [Ordensvorbereitung; Anm. d. Red.] der Salesianer in Hongkong war, bin ich mit vielen anderen dorthin umgezogen. Wir waren 20 Novizen in jenem Jahr. Ich konnte studieren und dann auch an den Salesianer-Schulen unterrichten und schließlich sandten sie mich nach Italien.

Die Universität der Salesianer war eine wunderbare internationale Hochschule. Ich habe sechs Jahre in Turin studiert und drei Jahre in Rom. Dort war ich von 1961 bis 1964, genau in den Jahren des Zweiten Vatikanischen Konzils. Meine Aufgabe bestand darin, dass ich in den Seminaren unterrichtete. In Hongkong existierte ein Studienhaus voll mit jungen Leuten, zu dem ich hinging. Das stand nicht nur den örtlichen Chinesen offen, sondern auch Vietnamesen, Thailändern und Studenten aus weiteren Ländern. Ich war sehr beschäftigt und sehr glücklich, weil ich diese jungen Menschen unterrichten und mit ihnen leben durfte.

In der Zwischenzeit war China für viele Jahre verschlossen. Aber Ende der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre öffnete sich China langsam. Ich dachte im Jahr 1984, nach 20 Jahren des Unterrichts, ich könne vielleicht hilfreich für die Seminare in China sein. Und nach vier Jahren des Wartens erhielt ich endlich die Erlaubnis, in einem Priesterseminar in Shanghai zu unterrichten. Das war im Jahr 1989. Sie erinnern sich gewiss an den Platz des Himmlischen Friedens [an das Massaker vom 4. Juni 1989 mit dem Ziel der Beendigung monatelanger Proteste der Demokratiebewegung; Anm. d. Red.]. Das war genau in jenem Jahr. Ich wurde herzlich willkommen geheißen. Sie behandelten mich sehr höflich. Es war ein Seminar der offiziellen Kirche, die von der Regierung kontrolliert wird. Das Seminar befindet sich zu Fuß eines Hügels und auf diesem Hügel ist das Heiligtum der Muttergottes von Sheshan, die dort als „Hilfe der Christen“ verehrt wird. Ich fing dort an und nach zwei bis drei Jahren konnte ich in vielen Seminaren in China unterrichten.

Während sie mich zwar gut behandelten, konnte ich sehen, wie sie mit unserer Kirche in China umgingen, sogar mit den Bischöfen der offiziellen Kirche. Ihnen wurde kein Respekt entgegen gebracht, vielmehr wurden sie wie Sklaven behandelt. Sie wurden am Nasenring durch die Manege geführt. Das war sehr traurig. Ich werde diese Erfahrung nie vergessen. Seither hat sich nichts geändert. Wenn wir nun über die Kirche in China sprechen, müssen wir wissen, dass sie von der kommunistischen Regierung kontrolliert wird. Lange Zeit war China verschlossen und es bestanden keine Verbindungen nach draußen. Als ich nach China kam, war es schon offener. So war meine Erfahrung auch für die gesamte Kirche nützlich. Früher dachten wir, dass die Untergrundkirche die Gute ist und die offizielle Kirche schlecht. Aber das ist nicht so einfach. Es gibt auch in der offiziellen Kirche viele gute Leute. Als wir darüber den Vatikan informierten, waren sie dort sehr froh. Damals war der Chef der Kongregation für die Evangelisierung der Völker Kardinal Tomko. Er kam aus der Tschechoslowakei, kannte daher die Kommunisten und hatte zudem langjährige Erfahrungen im Vatikan. Seine anfängliche Einstellung war sehr hart, aber er war sehr aufgeschlossen, all unsere Informationen zu erhalten.

Wie Sie wissen werden, berief die chinesische Regierung in diesen Jahren viele Bischöfe ohne kirchliche Erlaubnis und Kardinal Tomko erreichten viele Bitten, diese Bischöfe nachträglich zu erlauben. Der Papst erteilte ihm dann die Genehmigung, einige Nachforschungen anzustellen, mit dem Ziel, einigen dieser Bitten nachzukommen und diese Bischöfe nachträglich zu legitimieren. Sie waren gute Leute, gute Priester, jedoch hatten sie zum Teil akzeptiert, unerlaubt geweiht zu werden. Auch einige junge Bischöfe, die die Regierung berufen hatte, fragten den Heiligen Stuhl nachträglich um Erlaubnis. Das war sehr gut und jeder war sehr froh damit.

Aber die Regierung war nicht zufrieden und ab einem gewissen Zeitpunkt wollten die Kommunisten zeigen, dass sie die Chefs sind. Im Jahr 2000 wollten sie am 6. Januar zwölf Bischöfe ohne Erlaubnis weihen lassen, am selben Tag, als der Papst in Rom zwölf Bischöfe weihte. Das war wirklich ein Akt des Ungehorsams und eine große Provokation. Daraus wurde eine komplette Niederlage. Nur fünf Priester kamen, um sich weihen zu lassen. Sieben Kandidaten sind gar nicht erst erschienen. Sogar die Seminaristen des offiziellen internationalen Seminars weigerten sich, dort hinzugehen. Im selben Jahr fand die Heiligsprechung der chinesischen Märtyrer statt. Schon wieder wollte die Regierung etwas mit Druck durchsetzen. Alle Bischöfe der offiziellen Kirche wurden gefragt, einen Protestbrief an den Papst zu schreiben und sie haben alle offiziellen katholischen Bischöfe nach Peking gerufen, um sie zu zwingen, dieses Schreiben an den Papst zu unterzeichnen, worin sein Vorgehen angegriffen wurde. Sie sollten schreiben, dass unter denen, die der Papst zu Heiligen erklären wollte, auch Imperialisten – sprich Missionare – gewesen seien. Unglücklicherweise haben etliche dieses Schreiben unterzeichnet. Die Kirche besteht nun einmal aus Menschen und Kardinal Tomko wurde in diesem Jahr 75 Jahre alt. Er musste also seinen Rücktritt einreichen.

Leider war sein Nachfolger nicht gut: Ein sehr junger italienischer Kardinal, der niemals aus Italien herausgekommen war und daher keinerlei Erfahrungen hatte. Während der Dienstzeit von Kardinal Tomko hatten wir noch etliche geheime Treffen. Er hatte zwei Experten, die als Missionare in China gewesen waren, und nun mit ihm arbeiteten. Aber während der Zeit von Kardinal Sepe gab es keinerlei geheime Treffen und die Experten wurden entlassen. Als Papst Johannes Paul II. starb, wollte die chinesische Regierung eine Delegation zur Beisetzungszeremonie nach Rom entsenden. Aber der Präsident von Taiwan flog dorthin, weil er das Recht dazu hatte. Daher lehnte es Festlandchina ab, daran teilzunehmen. Aber der Vatikan behandelte die Delegation gut und so entwickelte sich eine Beziehung.

Papst Benedikt XVI. tauschte dann den Chef der Kongregation für die Evangelisierung der Völker aus. Er berief Kardinal Dias aus Indien. Er hatte viele Jahre im Staatssekretariat des Vatikans gearbeitet. Er war in mehreren Ländern Nuntius [Botschafter des Heiligen Stuhls; Anm. d. Red.] gewesen. Zu der Zeit war er Bischof von Bombay [Mumbai; Anm. d. Red.] gewesen, einer großen Diözese. Mit dieser guten Wahl war auch etwas Unglückliches verbunden: Er war ein großer Anhänger der Ostpolitik des bereits verstorbenen Kardinalstaatssekretärs Casaroli. Dias war davon überzeugt, dass er Kompromisse eingehen müsse, wenn er mit den Kommunisten verhandelt. Es gab zu der Zeit keine offiziellen Begegnungen zwischen China und dem Vatikan, jedoch inoffizielle. Derjenige, der zu den Verhandlungen entsandt wurde, war Monsignore Parolin. So kamen beide aus der Schule von Casaroli. Papst Benedikt ernannte schließlich Kardinal Filoni zum Chef der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Während dieser Jahre unternahm Papst Benedikt für China zwei gute Dinge: Das Erste war, dass er einen Brief an die Kirche in China schrieb, ein wunderbarer Brief, sehr klar in der Lehre der Kirche, aber auch sehr offen und sehr freundlich gegenüber der Regierung.

Unglücklicherweise wurde noch unter Kardinal Dias eine falsche Übersetzung ins Chinesische erstellt, nicht wirklich ein Fehler, sondern eine Manipulation. Papst Benedikt setzte eine Kommission ein, eine große Kommission, also mit allen Offiziellen im Staatssekretariat, der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Experten aus dem Vatikan wie den Chef der Glaubenskongregation, einige Kirchenrechtler und schließlich fünf Bischöfe aus Hongkong, Macau und Taiwan sowie mehr als zehn Experten von verschiedenen Gemeinschaften aus Hongkong und Taiwan. Leider konnte diese Kommission nicht gut arbeiten, weil Dias und Parolin dem Dogma der Ostpolitik folgten. Sie nahmen keine andere Meinung zur Kenntnis. Gegen Ende der Amtszeit von Papst Benedikt, bevor er zurücktrat, beendete er die Verhandlungen. Während der Zeit von Kardinal Tomko hatten wir geheime Treffen und diejenigen, die zu den inoffiziellen Treffen nach China gingen, informierten uns kontinuierlich. In der Zeit zeigte sich, dass Parolin lieber mit der Regierung verhandelte, als sich mit der Kommission zu beraten. Daher wussten wir nicht, warum Papst Benedikt alles beendet hatte. Wahrscheinlich war die Übereinkunft nicht gut. Vielleicht weigerte er sich, solch ein Abkommen zu unterzeichnen. Er entsandte Parolin nach Venezuela. Dann trat er ja zurück und nun haben wir Papst Franziskus. Er benötigte einen neuen Staatssekretär und rief Parolin aus Venezuela zurück. So wurde Parolin, der noch Monsignore war, als er für China zuständig war, zunächst Erzbischof in seiner Position als Nuntius in Caracas und stieg dann zum Kardinal auf. In all diesen Jahren verschlechterte sich die Situation der Kirche in China. Dabei ging es nicht nur um die Manipulation in dem Brief an die chinesische Kirche, der nach einem Jahr korrigiert wurde. Es gab auch eine fehlerhafte Interpretation, die erst zwei Jahre später korrigiert wurde. So sagte jemand, es solle keine Untergrundkirche mehr geben. Jeder solle hervortreten. Aber das stand gar nicht im Brief Papst Benedikts. Das war unglücklich, da dadurch enorme Verwirrung in der Kirche Chinas entstand. Dann haben einige Gläubige in der Untergrundkirche sich entschlossen, der offiziellen Kirche beizutreten. Jedoch ist dies keine gute Idee, weil es nach wie vor in der offiziellen Kirche heißt, sie wollten eine [von Rom; Anm. d. Red.] unabhängige Kirche. Ich muss sagen, dass es nach wie vor in der offiziellen Kirche gute Leute gab. Aber wegen der Ostpolitik sind ihr viele Opportunisten beigetreten. Sie sind auf der Seite der Regierung. Also haben beide Seiten unter der Verwirrung gelitten. Papst Franziskus kommt aus Südamerika, wo er Kommunisten kennt, die von der Militärdiktatur verfolgt wurden. Sie unterdrückten die armen Menschen und diejenigen, die den Armen halfen, waren dort die Kommunisten. Auch wenn sie keine Kommunisten waren, wie Jesuiten, die Mitbrüder des Pater Bergoglio waren, wurden sie dennoch als solche bezeichnet. Also glaube ich, dass der Papst natürlich einige Sympathien für Kommunisten hat. Wahrscheinlich hat er Bücher über die Situation der Kirche in China gelesen, aber er hat dort keinerlei Erfahrungen sammeln können. Die Kommunisten in China sind echte Diktatoren. Sie töteten hunderttausende Menschen und die Kirche erhielt viele Märtyrer. Von Anfang an wurden diejenigen, die der Kirche gegenüber gehorsam waren, ins Gefängnis gesteckt und viele starben dort. Selbst diejenigen, die der Regierung gehorchten, litten erheblich in der Zeit der Kulturrevolution. Das weiß ich persönlich. Normalerweise müsste das auch Parolin wissen. Papst Franziskus hat ein großes Herz, er liebt alle Menschen. Also möchte er gerne nach China reisen und dort Freundschaft schließen. Nun hat er Parolin zum Staatssekretär ernannt. Aber ich befürchte, dass er dem Papst nicht über die Wirklichkeit der Kirche in China berichtet. Als Staatssekretär ist er der Vorsitzende der Kommission. Jedoch ist sie verschwunden, das heißt, dass sie nicht arbeitet. Zu Beginn sagten sie uns, dass es Anfang 2014 zu einem Treffen kommen sollte. Dann fiel dazu kein weiteres Wort mehr. Sie wollen uns wohl nicht zuhören.

Papst Benedikt hatte einen chinesischen Erzbischof als stellvertretenden Leiter der Kongregation für die Evangelisierung der Völker ernannt. Jetzt haben sie ihn nach Griechenland geschickt. Sie möchten auch ihn nicht anhören. Wir waren zwei Experten in der Kommission, aber uns schenkten sie kein Gehör, obwohl wir beide lange Erfahrungen in China gesammelt hatten. Ich lehrte sieben Jahre dort und auch Erzbischof Savio Hon unterrichtete in verschiedenen Seminaren Festlandchinas. Die Kommunisten haben ihre Methode geändert. Sie möchten nicht mehr so viele Menschen umbringen und sie stecken nicht mehr so viele ins Gefängnis, wobei aber immer noch viele eingesperrt sind. Es gibt einen Untergrundbischof, der seit mehr als 20 Jahren in ihren Händen ist. Aber wenn der Vatikan mit ihnen verhandelt, kann er nicht über diesen Bischof sprechen. Ein Priester starb auf sehr mysteriöse Weise. Die Regierung behauptet, dass er sich umbrachte. Das glaube ich nicht. Auch in Hongkong wissen wir, wie diese Leute die Menschen behandeln. In China streben einige nur nach Geld. So sind viele Dinge nur Fake, gefälschtes Essen, gefälschte Medizin, und die Schulen sind miserabel errichtet. Sobald es ein Erdbeben gibt, fallen die Gebäude zusammen. Es gibt Anwälte, die die armen Menschen verteidigen. Auch diese wurden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Vielfach versuchen die Kommunisten, sie dazu zu bringen, dass sie im Fernsehen auftreten und sich selbst bezichtigen, sie seien kriminell. Es geht ihnen also nicht nur darum, sie leiden zu lassen. Sie wollen sie auch noch zusätzlich demütigen. Wir in Hongkong sehen alle diese Dinge sehr klar. Hongkong hat einen Sonderstatus. Ihr Versprechen lautete: „Ein Land, zwei Systeme“. Aber unglücklicherweise werden wir allmählich so wie andere Städte in China. Wir nähern uns einer solchen Situation Schritt für Schritt. Der Papst wird wahrscheinlich nicht alles wissen. Viele Vertreter im Vatikan sind vielleicht einfach nur unwissend. Auf Parolin trifft dies nicht zu. Viele Jahre hindurch arbeiteten wir in der Kommission zusammen. Ich hatte eine hohe Meinung von der Person. Er ist so nett und redet so freundlich. Aber vor einem Jahr habe ich etwas sehr Abscheuliches gelesen. Er erinnerte an Casaroli, der die Ostpolitik gestaltet hatte. Er sagte, Casaroli hätte Wunder gewirkt [Großartiges geleistet; Anm. d. Red.]. Er hätte die kirchliche Hierarchie in diesen Ländern garantiert, was so viel heißt, dass der Vatikan Bischöfe ernennen konnte. Aber was denn für Bischöfe? Ich habe etwas über Ungarn gelesen. Es gibt da einen Experten, einen Theologen, der schrieb, dass die Macht des Papstes zwar förmlich anerkannt wurde, aber in Wirklichkeit die Macht in der Hand der Regierung lag. Dann hat er etwas Unglaubliches gesagt: ‚Wenn wir nach Bischöfen suchen, dann suchen wir nach Hirten. Wir suchen nicht nach Menschen, die wie Gladiatoren sind. Wir suchen nicht nach Menschen, die die Regierung systematisch bekämpfen. Wir wollen keine Menschen, die auf der politischen Bühne erscheinen.‘ Ich fragte ihn: ‚Entschuldigung, Eminenz, aber wen beschreiben Sie da? Meinen Sie Kardinal Wyszynski aus Polen, Kardinal Mindszenty aus Ungarn oder Kardinal Beran aus der Tschechoslowakei? Das waren doch alles Helden des Glaubens. Sie reden nun über sie, als hätten sie Unruhe gestiftet. Sie sollten um Entschuldigung bitten.‘ Er antwortete: „Wenn Ihnen meine Worte ungehörig erscheinen, so tut mir das leid.‘ Ich antwortete, er müsse sich nicht bei mir entschuldigen, sondern gegenüber diesen Glaubenshelden. ‚Sie sollten sich öffentlich entschuldigen.‘ Aber das tat er nicht. Nach sechs Monaten verwendete er dasselbe Material, um ein Buch vorzustellen. Er schrieb darüber im „L’Osservatore Romano“ [Zeitung des Vatikans; Anm. d. Red.], ließ aber diese Passagen aus. Aber die Tatsache, dass er auf diese Weise denkt, ist schrecklich. Nun ist er derjenige, der alles beim Heiligen Stuhl bestimmt. Er ließ die Kommission verschwinden. Er schickte Erzbischof Savio Hon fort. Er leitet die Verhandlungen mit China und wir können nichts dazu beitragen.

Ich habe einen guten Draht zu Papst Franziskus. Bei vielen Gelegenheiten sagte er etwas Wunderbares: Er preist die Märtyrer. Und in Korea während des asiatischen Jugendtags predigte er zu den Bischöfen Asiens. Es ging darin um Dialog. Er sagte, dass die erste Voraussetzung für Dialog sei, treu zu seiner Identität zu stehen. Die zweite Voraussetzung sei, offen zu sein und zuzuhören. Und er sagte, dass der Brief von Papst Benedikt an die Kirche in China immer noch Gültigkeit habe. Ich hatte bereits vor drei Jahren eine Dreiviertelstunde lang ein Gespräch mit ihm. Dabei hörte er mir genau zu und teilte meine Meinung. Aber derzeit bleibt alles für uns im Dunkeln. Jedoch haben wir immer noch die kleine Hoffnung, dass die Dinge nicht ganz so arg werden. Aus dem Vatikan heißt es nur, sie diskutierten nicht über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, sondern nur über Kirchenangelegenheiten. Der erste Punkt ist das Vorgehen, wie Bischöfe künftig erwählt werden. Sie sprechen davon, dass ein fertiges Projekt vorliege, aber es sei noch nichts unterzeichnet. Aus den wenigen Mosaikstücken an Informationen, die ich erhalten habe, schließe ich, dass es auf ein schlechtes Abkommen hinausläuft. Sie sagen, dass der erste Schritt eine demokratische Wahl sei. In China gibt es keine demokratischen Wahlen. Jegliche Wahlen sind manipuliert. Der zweite Punkt: Die Bischofskonferenz ernenne die Bischöfe. Aber es gibt keine Bischofskonferenz, sondern lediglich einen Zusammenschluss, der sich so nennt. Dann sagen sie, das letzte Wort habe der Papst. Das hört sich wundervoll an. Man merkt bei Punkt 1 und Punkt 2, dass es letztlich die Regierung ist, die die Bischöfe ernennt. Was hat der Papst also für ein letztes Wort? Kann er ‚ja‘ sagen? Das ist sehr schwierig. Die Regierung ernennt natürlich die Leute, die ihr gefallen und nicht gute Hirten für die Kirche. Vielleicht muss der Papst ‚nein‘ sagen. Aber wie oft kann er ‚nein‘ sagen? Das ist sehr peinlich. Daher bevorzuge ich die Variante, dass der Papst die Bischöfe ernennt und den Kommunisten dann das Vetorecht einräumt. Der Papst kann dann den Nächsten auswählen. Dann werden wir ja sehen, wie oft sie ‚nein‘ sagen können. Ein weiterer Punkt der Diskussion ist ein Kompromiss während der vergangenen Jahre: Der Vatikan nannte der Regierung einige Namen, die der Papst gerne ernennen würde. Das ist nicht der beste Weg, aber akzeptabel. Dann hoffen sie [in Rom; Anm. d. Red.], dass sie auch für die Regierung annehmbar sind. Manchmal akzeptierten sie. Warum? Weil sie nicht so viele illegitime Bischöfe [die nicht von Rom zugelassen wurden; Anm. d. Red.] haben wollen. Sie wollen keine exkommunizierten Bischöfe haben, weil die Menschen ihnen nicht folgen werden. Es gibt also Kompromisse, aber manchmal besteht die Regierung auf ihrem Vorschlag und der Vatikan kommt dem entgegen oder er sagt ‚nein‘. Also gibt es nach wie vor illegitime Bischöfe. Davon gibt es derzeit sieben. Drei davon sind exkommuniziert.

Ein weiterer Punkt in den Verhandlungen ist der, dass der Vatikan all diese sieben Bischöfe akzeptieren müsste. Wenn die exkommunizierten Bischöfe den Papst um Verzeihung bitten und sagen, dass sie ihren Ungehorsam bedauerten, kann er ihnen leicht vergeben. Aber wie kann es möglich sein, sie als Bischöfe zu akzeptieren? Zwei von drei exkommunizierten Bischöfen, das wissen alle, haben Frau und Kinder. Also: Wie können sie Bischöfe sein? Wie kann man auch die Leute zwingen, ihnen als Bischöfe zu folgen? Nun schweigen sie und arbeiten weiter. Sie sagen, zwei von sieben Bischöfen stellten kein Problem dar. Warum kein Problem? Weil es in den fünf Diözesen keinen Untergrundbischof gibt. Um die Regierung zu beschwichtigen, ernennt der Vatikan nur wenige Bischöfe für die Untergrundkirche. Wenn der alte Bischof stirbt, gibt es einfach keinen Nachfolger. Sie geben aber der offiziellen Kirche viele Bischöfe. So beträgt die Gesamtzahl der Bischöfe der offiziellen Kirche 70. In der Untergrundkirche aber gibt es nur 30 Bischöfe. Nun amtieren aber neben den sieben illegitimen Bischöfen noch in zwei Diözesen Bischöfe der Untergrundkirche. Jetzt bitten sie diese beiden Bischöfe, zurückzutreten, damit sie die Bischöfe der offiziellen Kirche als legitimen Bischof einsetzen können. Einer davon ist sogar exkommuniziert. Diese zwei Fälle waren allen bekannt. Aber das ganze Vorhaben ist ein Problem. Daher ist es gut, dass alles nun öffentlich ist, denn jetzt erheben viele Menschen ihre Stimme, und viele Menschen stellen Fragen.

Nun bin ich der Sünder, weil ich die Vertraulichkeit verletzt habe. Einer der Bischöfe bat mich, einen Brief an den Heiligen Vater weiterzuleiten. Aber ich war mir nicht sicher, ob ihn meine Briefe erreichen, da viele darunter nie beantwortet wurden. So dachte ich, um sicher zu gehen, dass er wirklich das Schreiben erhält, muss ich mich selbst aufmachen und den Brief in seine Hände geben. Also entschloss ich mich, ihm dieses Schreiben selbst zu überreichen. Davon erfuhren viele Leute, und es entstand einige Verwirrung über diese Information. Deshalb trat ich an die Öffentlichkeit und sagte die Wahrheit. Ich weiß, dass es gegen die Verpflichtung war, die Vertraulichkeit zu wahren. Der Papst teilte mir etwas in privater Konversation mit. Das brachte ich an die Öffentlichkeit. Aber ich dachte, dass es notwendig war. Warum? Weil ich durch dieses Gespräch erfuhr, dass der Papst anders denkt als die Leute im Vatikan.

Als Erzbischof Savio Hon dem Papst den Fall vorstellte, sagte er drei Dinge: ‚Erstens ist es nicht gut, diese Bischöfe zu bitten, zurückzutreten.‘ Zweitens: ‚Warum wurde ich nicht konsultiert?‘ Drittens: ‚Ich werde mir die Sache anschauen.‘ Also fragte ich den Heiligen Vater: ‚Konnten Sie sich mit der Angelegenheit befassen?‘ Er antwortete: ‚Ja. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten keinen weiteren Fall Mindszenty schaffen.‘ Kennen Sie [den ungarischen Kardinal; Anm. d. Red.] Mindszenty? Er wurde gezwungen, sein Land zu verlassen. Dann ernannten sie jemanden, der der [damals kommunistischen; Anm. d. Red.] Regierung gefiel. So war ich sehr froh, dass der Heilige Vater die Situation versteht. Wenn ich nichts sage, werden die Menschen in China denken, dass all die Irrtümer in den Entscheidungen direkt vom Heiligen Vater verantwortet wurden. Der Vatikan beschuldigte mich dann wegen dieser Angelegenheit. Ich denke, dass es sehr gut ist, dass jetzt viele Menschen das Problem kennen. Parolin und der Vatikan sagen, dass sie wüssten, dass die Übereinkunft nicht perfekt sei. Wir müssten immer noch im Vogelkäfig leben. Sie wollten jedoch versuchen, im Vogelkäfig Raum zu gewinnen. Aber es geht hier nicht darum, den Käfig zu vergrößern. Das Problem ist doch, was mit den 30 Bischöfen und den Priestern der Untergrundkirche geschehen wird. Sie werden sie in den Vogelkäfig stecken. Denn bis jetzt haben die Gläubigen in der Untergrundkirche noch immer etwas Freiheit. In manchen Provinzen wie in Hebei hat die Untergrundkirche sogar ihre eigenen Kirchen, manchmal sogar große Kirchen. Warum toleriert das die Regierung? Weil sie zahlreich sind, weil sie zusammenstehen. Es sind gute Bürger. Sie arbeiten hart. Also ignoriert es die Regierung einfach. In den Städten gibt es keinen Raum für die Untergrundkirche. Aber auch dort können die Untergrundpriester wenigstens für die Menschen die Heilige Messe feiern. In Shanghai gibt es so viele Priester der Untergrundkirche, die sonntags die Heilige Messe zelebrieren und viele Menschen gehen dahin. Alle Nachbarn wissen das. Keiner zeigt sie an. Warum? Weil die Regierung keine zusätzlichen Probleme haben möchte. Wie kann man auch die Menschen verhaften, wenn es gleich so viele sind?

Unglücklicherweise werden sich die Dinge jedoch ändern. Seit dem 1. Februar gibt es neue Bestimmungen in dieser Hinsicht. Eine Reihe davon sind nicht neu, aber sie werden nun verschärft. So haben einige Priester dort den Gläubigen gesagt: ‚Kommt nach dem 1. Februar nicht mehr, sonst wird es gefährlich.‘ Sie müssen wissen, dass die Kommunisten sich selbst Gesetz sind. Etwas, was gesetzlich erlaubt ist, wollen sie Dir nicht geben. Aber etwas, das gegen das Gesetz verstößt, können sie Dir trotzdem geben. Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz erlaubten sie in Shanghai, Kinder zu taufen und Erstkommunion zu feiern. Genau damals bin ich nach Shanghai gegangen, um dort zu unterrichten. In diesem Jahr haben am Fest Christkönig etwa 300 bis 400 Kinder das erste Mal die heilige Kommunion empfangen. Jetzt nicht mehr. Nun steht an den Kirchentüren, dass Menschen unter 18 Jahren nicht gestattet ist, in die Kirche zu gehen. Das ist kein neues Gesetz. Dies gab es schon. Sie setzen es jetzt erst um. Nun hilft der Vatikan der Regierung, in dem er den Gläubigen sagt, sie sollen bitteschön in den Vogelkäfig gehen. Was wird nun passieren? Einige aus der Untergrundkirche werden sich der offiziellen Kirche anschließen, denn in der Untergrundkirche ist man immer in Gefahr. Und dann gibt es Gläubige, die es aus Gewissensgründen ablehnen, der offiziellen Kirche beizutreten. Jetzt sagt aber der Vatikan, dass dies in Ordnung wäre, so ermuntert er jeden, sich zu ergeben.

Es gab einen Bischof, der mit doppelter Genehmigung ernannt wurde. Aber er ließ sich schon heimlich weihen, bevor die Zustimmung der Regierung erfolgte, denn oftmals kamen schon illegitime Bischöfe zu einer Bischofsweihe, wenn diese offiziell angesetzt war. Nachdem er heimlich geweiht worden war, sagte die Regierung aber, sie erkenne ihn nicht mehr an. Sie verhafteten ihn und schlugen ihn zusammen. Nach einer gewissen Zeit erlaubten sie ihm nun doch, zu arbeiten. Nach zehn Jahren sagte die Regierung, sie erkenne ihn an, er müsse aber mit einem illegitimen Bischof zusammen die Messe feiern. Er bat den Vatikan um Rat und von dort hieß es: ‚Oh ja, das ist in Ordnung.‘ Seine Priester aber waren darüber sehr unglücklich. „Warum gehen Sie hin und akzeptieren das? Seit zehn Jahren stehen wir an Ihrer Seite. Wir arbeiten sehr gut zusammen. Wir können so weitermachen. Warum kapitulieren Sie?“ Aber der Heilige Stuhl macht das überall so. Jetzt werden ihm wohl viele folgen und der Chinesischen Katholischen Patriotischen Vereinigung beitreten [der offiziell vom Staat anerkannten Kirche, Anm. d. Red.).

Papst Benedikt meinte, dass die Patriotische Vereinigung inakzeptabel ist. Also werden viele ihn [den Bischof; Anm. d. Red.] nicht akzeptieren. Ich befürchte, dass da einige sehr ärgerlich werden. Sie fühlen sich verraten. Seit so vielen Jahren schon wollten sie nur dem Papst treu sein. Jetzt sagt der Vatikan, sie sollten der Regierung folgen. Ich befürchte daher sehr stark, dass einige etwas Unvernünftiges tun werden. Ich sage ihnen: ‚Bitte, bitte, macht keine Revolution. Dann haben wir keine Kirche mehr.‘ Sie haben dann keine Sakramente mehr. Das ist dann eben so. Die Sakramente sind Geschenke Gottes, die es erleichtern sollen, dass wir die Gnade empfangen. Aber der Glaube ist noch wichtiger. Die Märtyrer sind seit vielen Jahren im Gefängnis. Sie haben keine Sakramente, jedoch sind sie voll der Gnade. Aber wenn man den Glauben verleugnet, bleibt einem nichts mehr. Ich sage ihnen: ‚Wenn Ihr die Kirche verliert, dann verliert Ihr die Sakramente. In Ordnung. Lebt in den Katakomben. Wartet auf die Zeit Gottes.‘ Daher ist diese Situation wirklich sehr gefährlich. So hoffe ich, dass die Bischöfe ihre Stimme erheben und den Heiligen Vater warnen, er möge vorsichtig sein. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass er die Übereinkunft nicht annehmen wird. Aber ich habe auch jedem gesagt, dass, in dem Fall, wenn der Papst die Vereinbarung akzeptieren wird, ich mich von dem Moment an ruhig verhalten werde. Ich bin Salesianer, ich bin ein Sohn Don Boscos, ich werde nicht gegen den Papst kämpfen.

Ich freue mich sehr darüber, dass ich hier die Gelegenheit hatte, über all das zu sprechen. Ich bitte Sie vor allem, sich über die Vorgänge zu informieren und dann zu Unserer Lieben Frau, zu Maria, der „Hilfe der Christen“ zu beten. Unsere Liebe Frau kann Wunder bewirken, das hat sie früher schon getan. Ich danke herzlich für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit.

„Es gibt andernfalls keine Zukunft“

Gespräch über die Situation der Christen im Irak mit dem chaldäisch-katholischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako aus Bagdad

Bis zur Verständigung, erst recht zur Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen im Irak, ist es noch ein weiter Weg. Patriarch Louis Raphael Kardinal Sako spricht im Interview mit Michaela Koller, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, klar vom Versagen des Staates auf nationaler, aber auch auf regionaler und örtlicher Ebene: Korruption, Milizen und andere Unruhestifter, radikale Lehren, die Hass und Gewalt schüren, selbst schon im Schulunterricht, stellen Stolpersteine dar. Um das drohende Ende der Jahrtausende währenden christlichen Geschichte aufzuhalten, ist politischer Wille zur Durchsetzung weitreichender Reformen nötig.

Im Herbst 2017 hat die Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit ihrer Region im Nordirak votiert. Wie könnte sich eine Anerkennung der Unabhängigkeit Kurdistans auf die Christen auswirken?

Ziel des Referendums der Kurden war es, ihren eigenen Staat zu haben, eine vollständige Autonomie. Die irakische Zentralregierung ist dagegen, so auch der Iran, die Türkei, Syrien. Wir sind besorgt darüber. Die Spannungen könnten so zunehmen und wir befürchten, es könnte ein weiterer Krieg ausbrechen. Krieg ist immer schlecht, gerade für die Christen und andere Minderheiten, die in jedem Krieg reichlich gelitten haben. Das wäre wirklich das Ende der Christenheit in dieser Region, aber auch in anderen Stätten, die damit hineingezogen würden. Wir hoffen nun auf einen Dialog im Interesse einer gewaltfreien Lösung.

Ich verstehe, aber sehen Sie denn eine Chance auf ein Zusammenleben unter den verschiedenen Religionsgruppen in der Region des nördlichen Irak?

Im gesamten Irak, aber auch in anderen Ländern, existiert ein neues Phänomen, das der sektiererischen Kultur oder Mentalität, eine Art von Fundamentalismus zwischen Sunniten und Schiiten, Christen und Muslimen, Kurden und Arabern und so weiter. Und das ist wirklich schlecht. Das sind wir nicht gewohnt. Der Irak war 35 Jahre hindurch säkular. Wenn wir zum Zusammenleben in Harmonie zurückkehren möchten, müssen wir unsere Einstellung ändern, unsere Mentalität, unsere Kultur und auch die Unterrichtsprogramme. Zum Nutzen aller sollte die internationale Gemeinschaft dafür sorgen, dass die Christen bleiben. Wenn ich mir die Qualitäten der Christen dort anschaue, so komme ich zu dem Schluss, dass sie die Muslime dabei unterstützen können, ihren Horizont zu erweitern und etwas anderes als ihre eigene Welt kennenzulernen.

Trennung von Religion und Staat – Idee der gleichen Bürgerrechte

Was ist sonst noch außer Bildung notwendig, um Frieden und Stabilität wieder herstellen zu können?

Das Problem besteht darin, dass seit vielen Jahrzehnten die Kultur aus Gewalt, Racheakten, Krieg, Morden und Zerstörung besteht. Uns fehlt die Kultur, die Sie seit 70 Jahren in Europa haben. Jeder ist bei ihnen frei, aber diese Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu tragen und andere nicht zu verletzen. Wir müssen von Ihrer Erfahrung profitieren. Möglicherweise ist das einzige hilfreiche Projekt die Idee der Bürgerschaft (die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz, Anm. d. Red.). Es existierte so eine Idee der Bürgerschaft für jedermann bei uns nicht, ebenso wenig wie die Trennung von Religion und Staat. Die Religion verfolgt Interessen, die unveränderlich sind. Ich denke, die Verknüpfung von beiden Sphären sollte allmählich verschwinden.

Die Terrororganisation IS ist immer noch im Irak. Meinen Sie nicht, dass es hilfreich wäre, die Verbrecher vor Gericht zu bringen?

Ich halte das für einen Wunschtraum. Geografisch verliert ISIS an Macht, aber die Ideologie gewinnt an Einfluss. Um diese Weltanschauung zu bekämpfen, müssen alle Menschen zusammenarbeiten. Die erste Verantwortung liegt bei den Muslimen selbst. Sie müssen ihre Glaubenslehren erneuern, die junge Generation darin unterrichten und über die Fehler oder vielmehr Mentalität von ISIS und anderer fundamentalistischer Gruppen belehren. Es gibt andernfalls keine Zukunft.

Wäre es hilfreich, wenn die westliche Welt das, was den Christen widerfahren ist, als Genozid brandmarken würde?

Für uns bestand der Völkermord darin, dass sie unsere Erinnerung, unser Erbe, unsere Lebensgrundlagen auslöschten und unser Land nahmen. Das gesamte Gedächtnis, das 2.000 Jahre zurückreichte, war betroffen: Sie brannten unsere Kirchen nieder, zerstörten Klöster und historische Bauten. Dies war kein physischer Genozid wir für andere, wie für die Jesiden.

Wie kann der Westen die Christen dort unterstützen?

Sie sollten den Irak dazu bringen, eine neue Verfassung einzuführen. Um einen starken Staat aufzubauen, darf ausschließlich die Armee bewaffnet sein, und keine Milizen. Sicherheit ist das, was wir vor allem benötigen. Das liegt in der Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der USA, weil sie hinter den Regimewechsel in der Region stecken.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Eure Seligkeit.

„Die Regierung möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben“

Interview mit dem Bürgerrechtler Nguyen Van Dai

Einer der prominentesten Menschenrechtler Vietnams ist Nguyen Van Dai. Als Anwalt vertrat er viele politisch Verfolgte, Vertreter von Gewerkschaften und christlichen Gemeinschaften und setzte sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ein. Deswegen geriet er ins Fadenkreuz der Behörden, die ihm „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“ vorwarfen. Im Jahr 2010 erhielt Nguyen Van Dai den Stephanuspreis für verfolgte Christen und im Jahr 2017 den Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbundes. Stiftungsvorsitzende Michaela Koller interviewte ihn 2020.

Foto: Veto

Im Februar 2016 ernannten die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und die evangelische Nachrichtenagentur Idea ihn zum „Gefangenen des Monats“ und baten darum, sich für ihn in Protestbriefen einzusetzen. Nguyen Van Dai saß insgesamt sechseinhalb Jahre hinter Gittern, von 2007 bis 2011 und ab Dezember 2015, und stand von 2011 bis 2015 unter Hausarrest. Im Juni 2018 kam er – nach massiven internationalen Protesten – endlich frei und durfte nach Deutschland ausreisen. Noch zwei Monate zuvor hatte ihn das Volksgericht in Hanoi wegen der „Vorbereitung eines Umsturzversuches“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Michaela Koller befragte ihn aktuell zu seinem Einsatz für die Menschenrechte, seiner politischen Verfolgung in Vietnam und danach, wie es nun in Deutschland für ihn weitergegangen ist. Bei dem Gespräch zeigte sich deutlich, wie bedeutend das Recht auf freie Religionsausübung ist.

Was haben Sie vor Ihrer ersten Verhaftung getan?

Ich lebte 1989 in Ostberlin und wurde dort Zeuge des Berliner Mauerfalls, den ich mit eigenen Augen sah. Ich verfolgte auch den Zusammenbruch des Regimes in Ostberlin und die friedlichen Revolutionen in den Ländern Osteuropas. Das war die Zeit, in der auch mein Glaube an den Sozialismus und Kommunismus kollabierte. Ich erwachte und sah seine böse Natur.

Ende des Jahres 1990 war ich gerade 20 Jahre alt und entschied, nach Vietnam zurückzukehren, in der Hoffnung, zu einer demokratischen Revolution in meinem Heimatland beitragen zu können.

So fasste ich den Entschluss, die juristische Fakultät zu besuchen. Ich schloss 1995 mein Jurastudium ab. Ich wurde im Jahr 2000 Christ und Menschenrechtsanwalt, um evangelische Christen unter den Angehörigen der ethnischen Minderheit der H’Mong ebenso zu vertreten wie Leiter evangelischer Gemeinden, die von der vietnamesischen Regierung nicht anerkannt wurden.

Im Jahr 2006 gründete ich das Komitee für Menschenrechte und eine unabhängige Vereinigung. Ich lieferte regelmäßig für die vietnamesische Redaktion der BBC Beiträge, in denen ich für politische Pluralität in Vietnam eintrat. Ich gründete Kurse für Studenten, um sie über ihre politischen Rechte und die Pressefreiheit aufzuklären. Es war der 6. März 2007, als einer meiner Kollegen ein paar Studenten in meiner Kanzlei unterrichtete, als Sicherheitskräfte dort hereinplatzten und uns festnahmen.

Bei meinem Prozess argumentierte das Gericht, dass Vietnam ein Einparteiensystem ist und mein Eintreten für politische Pluralität bedeute, Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Pressefreiheit zu diskutieren heiße, sich gegen die Staatsmedien zu wenden und auch Propaganda gegen den Staat zu betreiben. Das endete damit, dass ich wegen dieses Vorwurfs gemäß Artikel 88 des Strafgesetzbuchs zu vier Jahren im Gefängnis und weiteren vier Jahren Hausarrest verurteilt wurde.

Sie haben evangelische Pastoren sowie Angehörige der Minderheit der H’Mong verteidigt. Worin bestanden deren Probleme?

Ich verteidigte die Pastorin Thuy im Jahr 2000, Pastor Nguyen Hong Quang im Jahr 2005 und Pastor Than Van Truong im selben Jahr. Und vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2006 half ich vielen Angehörigen der H’Mong, die Protestanten sind und beriet sie. Vor 2007 betrachtete die kommunistische Regierung Vietnams die Protestanten als ihre Feinde und Handlanger des Westens, um sie zu stürzen.

Die Sicherheitsbehörde der Provinz Phu Tho wollte die Gruppe von Pastorin Thuy abweisen, die sich dagegen wehrte. Sie wurde verhaftet und wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angeklagt. So geschah es auch Pastor Nguyen Hong Quang in Saigon. Im Jahr 2005 verschickte Pastor Than Van Truong zwei Bibeln, eine davon an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Vietnams und die andere an den Staatspräsidenten. Daraufhin wurde er von der Sicherheitsbehörde der Provinz Dong Nai verhaftet. Nachdem die Staatsanwaltschaft noch nach vier Monaten keine Anklage zustande brachten, ließen sie ihn in die psychiatrische Klinik von Dong Nai einweisen. Nach weiteren vier Monaten habe ich seine Verteidigung übernommen und er wurde freigelassen.

Die Protestanten unter den H’Mong gerieten wegen ihres Glaubens an Jesus Christus in Schwierigkeiten. Die örtliche Regierung setzte sie unter Druck, ihrem Glauben abzuschwören. Sie haben das nie akzeptiert und so wurden sie misshandelt. Als sie nach Hanoi kamen, half ich ihnen, ihre Beschwerden bei der Regierung Vietnams einzureichen.

Sie wurden am 16. Dezember 2015 erneut inhaftiert, nachdem Sie bereits zwischen 2007 und 2011 im Gefängnis und anschließend nochmals vier Jahre in Hausarrest gesessen hatten. Der Vorwurf lautete stets „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“, weil Sie sich für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eingesetzt hatten. Haben Sie nie daran gedacht, aufzugeben?

Seitdem ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden habe, verstand ich diesen so, dass der Herr von mir erwartete, für die Freiheit meines Volkes und Demokratie in meinem Land einzutreten. Ich fühlte, wie ich jeden Tag, seit ich begonnen hatte zu glauben, weiter reifte. Jedesmal, wenn Gott mir hilft, jede Herausforderung zu meistern, werde ich reicher an Erfahrungen. Ich möchte, dass die Menschen in Vietnam sehen, dass ich viele Dinge mit dem Segen Gottes bewirken kann. Ich werde durch Vietnam reisen, um für Gott Zeugnis abzulegen, wenn mein Land frei und demokratisch sein wird.

Beschreiben Sie bitte die Haftbedingungen, denen Sie im Gefängnis ausgesetzt waren.

Im Jahr 2007 war ich für mehr als zehn Monate im Haftzentrum 1 in Hanoi eingesperrt. Jeden Tag gaben sie uns ungewaschenes, schmutziges Gemüse, oftmals von Schädlingen befallen. Wir mussten dies mit dem dreckigen Wasser waschen, das man uns zuteilte, bevor wir es essen konnten. Fleisch erhielten wir nur rund 100 Gramm in der Woche. Sauberes Wasser, um das wir baten, erhielten wir nicht. Wir mussten das schmutzige Wasser dann fünfmal durch Socken oder Gesichtshandtücher filtern, bevor wir in der Lage waren, es zu trinken. Zeitungslektüre und Fernsehschauen waren verboten.

Während meiner zweiten Haftzeit vom 16. Dezember 2015 bis zum 7. Juni 2018 war ich in der Haftanstalt B 14. Erst nach elf Monaten Untersuchungshaft sah ich erstmals wieder meine Frau. Dann musste ich wieder drei Monate warten, dann fünf, dann vier und schließlich nochmals neun Monate. Ich habe meinen Verteidiger erst nach 26 Monaten Haft getroffen, was nur eine Stunde dauerte und unter ununterbrochener Aufsicht der Polizei stattfand. Während dieser zweieinhalb Jahre sah ich nie die Sonne. Ich wurde in einer kleinen Zelle von sechseinhalb Quadratmetern mit einer weiteren Person festgehalten.

In dieser Zeit musste ich für mehr als 20 Tage rohe Reiskörner essen. Die Nahrungsmittel waren oft abgestanden, sie taten Seife in unsere Suppe oder gaben uns Wasser mit einem unausstehlichen Gestank. Unsere Medikamente erhielten wir mitten in der Nacht. Wir wurden daran gehindert, Zeitung zu lesen oder Radio zu hören. Manchmal wurde uns die Wasserversorgung gekappt. Die Haftanstalt hielt Hähne, die bis zwei Uhr in der Früh krähten und um sechs Uhr von Neuem zu krähen begannen. Bei vielen Insassen verursachte dies Schlaflosigkeit. Die Gefängnisleitung erdachte sich alle möglichen Wege, uns Unannehmlichkeiten zu bereiten, um uns sowohl körperlich als auch psychisch zu schwächen.

Nguyen Van Dai mit seiner Frau Vu Minh Khanh, die während seiner Gefangenschaft beständig für seine Freilassung betete, in Berlin; Copyright: privat

Was war Ihre Kraftquelle, um das alles durchzustehen?

Allein Gottes Liebe und mein Glaube an Gott halfen mir, all meine Herausforderungen zu überwinden, aber auch die Gebete meiner Frau und aus der ganzen Welt.

Was machen Sie seit Ihrer Freilassung?

Ich danke Gott dafür, dass ich mit meiner Familie in Deutschland sein darf. Ich bin auch der deutschen Regierung dankbar, dass uns ein sicherer und guter Platz zum Leben gegeben wurde. Seit wir in Deutschland angekommen sind, haben wir jeden Tag für Deutschland und für Vietnam gebetet. Ich fahre damit fort, soziale Netzwerke wie Youtube, Facebook und Webblogs dazu zu nutzen, unter den Menschen in Vietnam Wissen über Menschenrechte und Demokratie zu verbreiten. Mein Youtube-Kanal hat 87.000 Abonnenten, meiner Internetseite folgen 66.000 Menschen. Regelmäßig appelliere ich an die Regierungen Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, der Schweiz, der EU sowie der Vereinigten Staaten und an Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsverstöße in Vietnam zu verurteilen. Ich habe sie auch dazu bewogen, auf die kommunistische Regierung in Vietnam Druck auszuüben, Gewissensgefangene freizulassen.

Wie sehen Sie die derzeitige Situation des Rechts auf Religionsfreiheit in Vietnam?

Vietnam hat keine richtige Religionsfreiheit. Aber die Kirche möchte unabhängig sein und akzeptiert die Einmischung der Regierung nicht. Und so wird sie immer noch verfolgt.

Pastoren und andere Gläubige aus der Region des zentralen Hochlandes erfahren es oft als schwierig, ein Theologiestudium, eine Gebetsgruppe oder einen Gottesdienst anzumelden. Freikirchen dürfen nie Gotteshäuser errichten. Die Regierung versucht, Spaltung und Uneinigkeit in die Kirchen zu bringen. Sie versuchte sogar, leitende Pastoren zu korrumpieren. Die kommunistische Regierung Vietnams möchte niemals, dass die Menschen an Gott glauben und dafür ihren Glauben an den Kommunismus aufgeben.

Was können wir hierzulande in dieser Lage tun?

Zuallererst möchte ich Sie bitten, für Religionsfreiheit in Vietnam zu beten. Beten Sie für die protestantischen Kirchen und Gläubigen, im Einsatz für Freiheit in Vietnam stark und verantwortlich zu bleiben. Beten Sie für die Pastoren und anderen Seelsorger, die im Gefängnis in Vietnam festgehalten werden. Leisten Sie humanitäre Hilfe für die Familien der Pastoren und Missionare in Haft und unterstützen Sie Pastoren in besonders schwierigen Gegenden, damit sie sich um die Freikirchen kümmern können.

Interview der Stephanus-Stiftung mit Kardinal Zen Ze-kiun aus Hongkong

Vor einer Verlängerung des vorläufigen Abkommens des Heiligen Stuhls mit China im Oktober 2020 haben Menschenrechtler gewarnt. Mit dem Verweis auf die häufige Vertragsuntreue des kommunistischen Regimes in Peking, wie zuletzt in Hongkong deutlich gezeigt, fordern sie nach wie vor die Veröffentlichung des Vertragstextes. Der Vertrag, dessen Verlängerung schließlich bestätigt wurde, bildet die Grundlage für die Ernennung von Bischöfen und die Regelung von Bistumsgrenzen. Details werden bislang geheim gehalten.

Kritiker dieser Vereinbarung wie der frühere Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, beklagen, dass mit der Unterzeichnung Druck auf die Gläubigen der chinesischen Untergrundkirche ausgeübt werde, sich der staatlich kontrollierten Chinesisch Katholisch-Patriotischen Vereinigung anzuschließen. Vor dem Abkommen genoss die Untergrundkirche jedoch noch mehr interne religiöse Freiheit, weil sie etwa Predigten nicht von den Behörden genehmigen lässt. Sie geht somit aber ein höheres Risiko ein.

Furcht ist kein guter Ratgeber“

Das neue Nationale Sicherheitsgesetz höhlt Grundfreiheiten wie Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit aus. Auf dieser Grundlage erfolgten schon am 1. Juli, am Tag, an dem es in Kraft trat, mehr als 30 Festnahmen von Demonstranten. Am 10. August kam, unter anderen Demokratieverfechtern, der Medienunternehmer Jimmy Lai in Haft und erst gegen Hinterlegung einer Kaution frei. Er hatte zuvor mit seinem Vermögen unter anderem die Untergrundkirche in Festlandchina unterstützt. „Subversion“, „Sezession“ und „Kollaboration mit ausländischen politischen Kräften“, so lauten Tatbestände in dem Gesetz, was auch zur Kriminalisierung religiöser Aktivitäten, etwa die Pflege der Beziehungen zum Heiligen Stuhl und zur Weltkirche, führen kann. Das befürchten auch katholische Gläubige aus Hongkong laut einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme.

Michaela Koller, Vorsitzende des Vorstands der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, befragte den ehemaligen Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, zu seiner Sicht auf die Auswirkungen neuen Rechtslage. Das Interview wird an dieser Stelle gekürzt widergegeben.

Die chinesische Regierung hat der Sonderverwaltungszone Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen. Gibt es noch Hoffnung auf Freiheit?

Ich habe mich durch den gesamten Text des Gesetzes durchgearbeitet. Ich denke, dass es ausreicht, Ihnen zu sagen, dass sie auf dieser Grundlage alles mit Ihnen machen können. Sie können Ihre Kommunikation kontrollieren, Ihr Haus ohne richterlichen Beschluss durchsuchen, Sie ohne den Beistand eines Rechtsanwaltes verhaften, Sie in ein Gefängnis nach China bringen und dort vor Gericht stellen. Nicht einmal nächste Familienangehörige können Sie dort besuchen.

Fürchten Sie nicht die Konsequenzen, wenn Sie so stark für die Achtung der Menschenrechte in Hongkong und China eintreten?

Jeder muss Angst haben, denn sie sind verrückt. Furcht ist jedoch kein guter Ratgeber. Wir müssen nach unserem Gewissen reden und handeln. Ich rate den Menschen aber auch, unsere Feinde nicht zu provozieren, denn sie sind verrückt.

Wie sollte Ihrem Vorschlag zufolge die internationale Gemeinschaft auf die Lage reagieren?

Ich stelle fest, dass die ganze Welt allmählich aufwacht und schon erkannt hat, wie bösartig die Kommunistische Partei Chinas ist.

Inzwischen sind beinah zwei Jahre vergangen, seit der Vatikan mit Peking erstmals ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet hat. Dieses betrifft den Entscheidungsprozess für die Bischofsernennungen. Sollte das Übereinkommen nun verlängert werden? Wie beurteilen Sie das?

Dieses geheime Abkommen sollte zuallererst einmal veröffentlicht werden. Die pastoralen Leitlinien des Heiligen Stuhls für die staatliche Registrierung des Klerus in China vom 28. Juni vorigen Jahres sind noch viel schlimmer. Sie fordern die Untergrundkirche dazu auf, der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung [die offiziell von der kommunistischen Regierung anerkannte katholische Gemeinschaft; Anm. d. Red.] beizutreten. Das ist eine schismatische Kirche! Es ist einfach unglaublich!

Stephanuspreisträger 2018 – Interview

Warnung vor Erneuerung des Abkommens mit Peking
Interview der Stephanus-Stiftung mit Kardinal Zen Ze-kiun aus Hongkong

Vor einer Verlängerung des vorläufigen Abkommens des Heiligen Stuhls mit China im Oktober 2020 haben Menschenrechtler gewarnt. Mit dem Verweis auf die häufige Vertragsuntreue des kommunistischen Regimes in Peking, wie zuletzt in Hongkong deutlich gezeigt, fordern sie nach wie vor die Veröffentlichung des Vertragstextes. Der Vertrag, dessen Verlängerung schließlich bestätigt wurde, bildet die Grundlage für die Ernennung von Bischöfen und die Regelung von Bistumsgrenzen. Details werden bislang geheim gehalten.

Kritiker dieser Vereinbarung wie der frühere Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, beklagen, dass mit der Unterzeichnung Druck auf die Gläubigen der chinesischen Untergrundkirche ausgeübt werde, sich der staatlich kontrollierten Chinesisch Katholisch-Patriotischen Vereinigung anzuschließen. Vor dem Abkommen genoss die Untergrundkirche jedoch noch mehr interne religiöse Freiheit, weil sie etwa Predigten nicht von den Behörden genehmigen lässt. Sie geht somit aber ein höheres Risiko ein.

Foto: Martin Warnecke

„Furcht ist kein guter Ratgeber“

Das neue Nationale Sicherheitsgesetz höhlt Grundfreiheiten wie Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit aus. Auf dieser Grundlage erfolgten schon am 1. Juli, am Tag, an dem es in Kraft trat, mehr als 30 Festnahmen von Demonstranten. Am 10. August kam, unter anderen Demokratieverfechtern, der Medienunternehmer Jimmy Lai in Haft und erst gegen Hinterlegung einer Kaution frei. Er hatte zuvor mit seinem Vermögen unter anderem die Untergrundkirche in Festlandchina unterstützt. „Subversion“, „Sezession“ und „Kollaboration mit ausländischen politischen Kräften“, so lauten Tatbestände in dem Gesetz, was auch zur Kriminalisierung religiöser Aktivitäten, etwa die Pflege der Beziehungen zum Heiligen Stuhl und zur Weltkirche, führen kann. Das befürchten auch katholische Gläubige aus Hongkong laut einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme.

Michaela Koller, Vorsitzende des Vorstands der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, befragte den ehemaligen Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, zu seiner Sicht auf die Auswirkungen neuen Rechtslage. Das Interview wird an dieser Stelle gekürzt widergegeben.

Die chinesische Regierung hat der Sonderverwaltungszone Hongkong ein neues nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen. Gibt es noch Hoffnung auf Freiheit?

Ich habe mich durch den gesamten Text des Gesetzes durchgearbeitet. Ich denke, dass es ausreicht, Ihnen zu sagen, dass sie auf dieser Grundlage alles mit Ihnen machen können. Sie können Ihre Kommunikation kontrollieren, Ihr Haus ohne richterlichen Beschluss durchsuchen, Sie ohne den Beistand eines Rechtsanwaltes verhaften, Sie in ein Gefängnis nach China bringen und dort vor Gericht stellen. Nicht einmal nächste Familienangehörige können Sie dort besuchen.

Fürchten Sie nicht die Konsequenzen, wenn Sie so stark für die Achtung der Menschenrechte in Hongkong und China eintreten?

Jeder muss Angst haben, denn sie sind verrückt. Furcht ist jedoch kein guter Ratgeber. Wir müssen nach unserem Gewissen reden und handeln. Ich rate den Menschen aber auch, unsere Feinde nicht zu provozieren, denn sie sind verrückt.

Wie sollte Ihrem Vorschlag zufolge die internationale Gemeinschaft auf die Lage reagieren?

Ich stelle fest, dass die ganze Welt allmählich aufwacht und schon erkannt hat, wie bösartig die Kommunistische Partei Chinas ist.

Inzwischen sind beinah zwei Jahre vergangen, seit der Vatikan mit Peking erstmals ein vorläufiges Abkommen unterzeichnet hat. Dieses betrifft den Entscheidungsprozess für die Bischofsernennungen. Sollte das Übereinkommen nun verlängert werden? Wie beurteilen Sie das?

Dieses geheime Abkommen sollte zuallererst einmal veröffentlicht werden. Die pastoralen Leitlinien des Heiligen Stuhls für die staatliche Registrierung des Klerus in China vom 28. Juni vorigen Jahres sind noch viel schlimmer. Sie fordern die Untergrundkirche dazu auf, der Chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung [die offiziell von der kommunistischen Regierung anerkannte katholische Gemeinschaft; Anm. d. Red.] beizutreten. Das ist eine schismatische Kirche! Es ist einfach unglaublich!

Stephanuspreisträger 2011 – Interview

Es gibt andernfalls keine Zukunft“

Gespräch über die Situation der Christen im Irak mit dem chaldäisch-katholischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako aus Bagdad

Bis zur Verständigung, erst recht zur Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen im Irak, ist es noch ein weiter Weg. Patriarch Louis Raphael Kardinal Sako spricht im Interview mit Michaela Koller, Vorstandsvorsitzende der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen, klar vom Versagen des Staates auf nationaler, aber auch auf regionaler und örtlicher Ebene: Korruption, Milizen und andere Unruhestifter, radikale Lehren, die Hass und Gewalt schüren, selbst schon im Schulunterricht, stellen Stolpersteine dar. Um das drohende Ende der Jahrtausende währenden christlichen Geschichte aufzuhalten, ist politischer Wille zur Durchsetzung weitreichender Reformen nötig.

Im Herbst 2017 hat die Mehrheit der Kurden für die Unabhängigkeit ihrer Region im Nordirak votiert. Wie könnte sich eine Anerkennung der Unabhängigkeit Kurdistans auf die Christen auswirken?

Ziel des Referendums der Kurden war es, ihren eigenen Staat zu haben, eine vollständige Autonomie. Die irakische Zentralregierung ist dagegen, so auch der Iran, die Türkei, Syrien. Wir sind besorgt darüber. Die Spannungen könnten so zunehmen und wir befürchten, es könnte ein weiterer Krieg ausbrechen. Krieg ist immer schlecht, gerade für die Christen und andere Minderheiten, die in jedem Krieg reichlich gelitten haben. Das wäre wirklich das Ende der Christenheit in dieser Region, aber auch in anderen Stätten, die damit hineingezogen würden. Wir hoffen nun auf einen Dialog im Interesse einer gewaltfreien Lösung.

Ich verstehe, aber sehen Sie denn eine Chance auf ein Zusammenleben unter den verschiedenen Religionsgruppen in der Region des nördlichen Irak?

Im gesamten Irak, aber auch in anderen Ländern, existiert ein neues Phänomen, das der sektiererischen Kultur oder Mentalität, eine Art von Fundamentalismus zwischen Sunniten und Schiiten, Christen und Muslimen, Kurden und Arabern und so weiter. Und das ist wirklich schlecht. Das sind wir nicht gewohnt. Der Irak war 35 Jahre hindurch säkular. Wenn wir zum Zusammenleben in Harmonie zurückkehren möchten, müssen wir unsere Einstellung ändern, unsere Mentalität, unsere Kultur und auch die Unterrichtsprogramme. Zum Nutzen aller sollte die internationale Gemeinschaft dafür sorgen, dass die Christen bleiben. Wenn ich mir die Qualitäten der Christen dort anschaue, so komme ich zu dem Schluss, dass sie die Muslime dabei unterstützen können, ihren Horizont zu erweitern und etwas anderes als ihre eigene Welt kennenzulernen.

Trennung von Religion und Staat – Idee der gleichen Bürgerrechte

Was ist sonst noch außer Bildung notwendig, um Frieden und Stabilität wieder herstellen zu können?

Das Problem besteht darin, dass seit vielen Jahrzehnten die Kultur aus Gewalt, Racheakten, Krieg, Morden und Zerstörung besteht. Uns fehlt die Kultur, die Sie seit 70 Jahren in Europa haben. Jeder ist bei ihnen frei, aber diese Freiheit bedeutet auch, Verantwortung zu tragen und andere nicht zu verletzen. Wir müssen von Ihrer Erfahrung profitieren. Möglicherweise ist das einzige hilfreiche Projekt die Idee der Bürgerschaft (die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz, Anm. d. Red.). Es existierte so eine Idee der Bürgerschaft für jedermann bei uns nicht, ebenso wenig wie die Trennung von Religion und Staat. Die Religion verfolgt Interessen, die unveränderlich sind. Ich denke, die Verknüpfung von beiden Sphären sollte allmählich verschwinden.

Die Terrororganisation IS ist immer noch im Irak. Meinen Sie nicht, dass es hilfreich wäre, die Verbrecher vor Gericht zu bringen?

Ich halte das für einen Wunschtraum. Geografisch verliert ISIS an Macht, aber die Ideologie gewinnt an Einfluss. Um diese Weltanschauung zu bekämpfen, müssen alle Menschen zusammenarbeiten. Die erste Verantwortung liegt bei den Muslimen selbst. Sie müssen ihre Glaubenslehren erneuern, die junge Generation darin unterrichten und über die Fehler oder vielmehr Mentalität von ISIS und anderer fundamentalistischer Gruppen belehren. Es gibt andernfalls keine Zukunft.

Wäre es hilfreich, wenn die westliche Welt das, was den Christen widerfahren ist, als Genozid brandmarken würde?

Für uns bestand der Völkermord darin, dass sie unsere Erinnerung, unser Erbe, unsere Lebensgrundlagen auslöschten und unser Land nahmen. Das gesamte Gedächtnis, das 2.000 Jahre zurückreichte, war betroffen: Sie brannten unsere Kirchen nieder, zerstörten Klöster und historische Bauten. Dies war kein physischer Genozid wir für andere, wie für die Jesiden.

Wie kann der Westen die Christen dort unterstützen?

Sie sollten den Irak dazu bringen, eine neue Verfassung einzuführen. Um einen starken Staat aufzubauen, darf ausschließlich die Armee bewaffnet sein, und keine Milizen. Sicherheit ist das, was wir vor allem benötigen. Das liegt in der Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der USA, weil sie hinter den Regimewechsel in der Region stecken.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Eure Seligkeit.

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