„Hier stehe ich und kann nicht anders“ – Ein Kommentar des Zeitzeugen Alexander W. Bauersfeld
Fast unbeachtet von der deutschen Politik verging der 50. Jahrestag der Selbstverbrennung des evangelischen Pfarrers Oskar Brüsewitz in Zeitz vor der Michaeliskirche. Auch die evangelischen Kirchen haben bis heute ein Problem mit diesem Mann, der sich in eine an die SED-Diktatur anschmiegsame „Kirche im Sozialismus“ einfach nicht einpassen wollte, die folgsame Theologen mit Reisepass und Westauto belohnte, den anderen aber – wie Pastor Brüsewitz – die ständige Ausreise in den Westen nahelegte. Das Wort „Störenfried“ wurde für kritische Geister wie ihn geprägt, vor allem von denen in Bischofsämtern, die privilegiert durch die Welt reisten, ihre Kinder ohne Probleme durch das Abitur zum Studium brachten und im Westen „Fahrkartenreden“ hielten, in denen sie die Vorzüge des real-existierenden Sozialismus in der DDR priesen, damit diese ihnen die nächste Westreise als Belohnung für so viel „ideologische Biegsamkeit“ erlaubte. In dieser Landschaft der Lüge widersprach der aufrichtige Pastor aus Rippicha, denn was waren 20 Jahre DDR gegen 2000 Jahre Jesus Christus?
Nur wenige hielten zu ihm, darunter einige katholische Pfarrer, von denen ihn einer noch kurz vor seinem Tod im Krankenhaus besuchen konnte, als die Staatssicherheit den Sterbenden noch nicht hermetisch abgeriegelt hatte; sogar seiner Frau wurde ein Abschiedsbesuch verweigert. Hier wird die Unbarmherzigkeit der Ideologie von Marx-Lenin-Stalin besonders deutlich: Der Sozialismus-Kommunismus ist menschenfeindlich. Die Rache am unbeugsamen Pastor aus Rippicha traf mit aller Härte die Familie. Trotz bester Leistungen in der Schule wurde den Töchtern das Abitur verweigert. Die Familie Brüsewitz lebte weiter in dem Pfarrhaus unter äußerst bescheidenen Umständen, aus dem Wohnzimmer sieht man auf das Grab des Ehemanns und Vaters. Die Giftigkeit der SED-Propaganda, die voller Hass auf das Fanal in Zeitz reagierte, erschreckte selbst „brave DDR-Bürger“; doch sie blieben weiter brav. Kirchenfunktionäre forderten „Solidarität“, doch nicht mit dem Pastor und seiner Familie, sondern „mit dem Staat“, also der SED-Diktatur. Bis heute ist diese Verirrung nicht wirklich von den Kirchen verurteilt worden, wenn auch vor allem die Christen an der Basis das System schon damals als unterdrückend erlebten.
Zum 50. Jahrestag der mutigen Selbstopferung von Pastor Oskar Brüsewitz wird es Zeit, dass die EKD endlich die „Kirche im Sozialismus“ als Irrweg verurteilt und Pastor Oskar Brüsewitz als einen Märtyrer der Christenheit ehrt.
Der Autor Alexander W. Bauersfeld war Bürgerrechtler in der DDR. Wegen seiner Mitwirkung an der Friedensbewegung sowie Kontakten nach Westdeutschland wurde er zu einer Haftstrafe verurteilt und 1984 von der Bundesrepublik freigekauft. Er setzt sich als Zeitzeuge und Kritiker der DDR-Diktatur aktiv für deren Aufarbeitung ein, unter anderem in der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG).
Foto: Alexander Bauersfeld bei einem Vortrag; Copyright: IGFM
Repliken:
In seiner Besprechung des evangelischen Martyrologium aus dem Jahre 2005 stellt Stephanuspreisträger Prälat Professor Helmut Moll klar, dass es sich bei der Selbstverbrennung von Brüsewitz nicht um ein Martyrium handelte: „Eine theologisch verantwortbare Antwort muß an vorderster Stelle trotz der Möglichkeit verminderter Schuldfähigkeit für die „Selbstverbrennung“ des Opfers der „SBZ/DDR“ (617-642) Oskar Brüsewitz (617-619) gefunden werden. Der Prediger, „stark von apokalyptischen Vorstellungen geprägt“ (618), wollte ein „wirksames Signal“ (ebd.) in Richtung „Änderung des marxistisch geprägten Bildungssystems“ (ebd.) setzen. „Er wurde nicht verfolgt, eine Inhaftierung stand nicht bevor. Die Kirche – darin waren sich alle Kirchenleitungen in der DDR einig – konnte seine Tat nicht billigen“ (ebd.). Kommt es angesichts dieser Umstände nicht einer Quadratur des Kreises gleich, durch ein Lebensbild die Aufnahme unter die evangelischen Blutzeugen einerseits zu legitimieren und andererseits darin den Satz zu formulieren: „Die Selbstverbrennung von B. kann nicht als Martyrium bezeichnet werden“ (ebd.)? Hier bleiben Fragen grundlegender Art, die weiterer Klärung bedürfen. Nachdem die von Karl-Joseph Hummel und Christoph Strohm herausgegebene Zusammenstellung von 26 evangelischen und katholischen Porträts unter dem Titel „Zeugen einer besseren Welt. Christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts“ auch Oskar Brüsewitz aufgenommen hatte, folgten bisweilen harsche Proteste in den Rezensionen.“
Eine weitere Wortmeldung erreichte uns von der Verlagsleiterin und Bloggerin Felizitas Küble aus Münster: „Pastor Brüsewitz als Mensch, als unangepasster evangelischer Pastor und christlicher Bürgerrechtler in allen Ehren, er wollte mit seiner Selbstverbrennung ein unübersehbares Signal setzen – und dies sicherlich in wohlmeinender Absicht. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel, das gilt auch hier. Unterscheiden wir also zwischen Person und Sache: Wenngleich der Pfarrer ein starkes Zeichen gegen die gottlose kommunistische Diktatur durchführen wollte, so hat er leider schlussendlich die falsche Methode gewählt, denn Gott allein ist der HERR über Leben und Tod – das gilt auch hier.“
