Liebe Freunde und Förderer,

Sören Kierkegaard, dänischer Philosoph, lutherischer Theologe und religiöser Schriftsteller (1813 bis 1855) meinte: „Der Tyrann stirbt und seine Herrschaft ist vorüber. Der Märtyrer stirbt und seine Herrschaft beginnt.“

In diesem Frühjahr startet die Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen damit, allmonatlich eine christliche Person vorzustellen, die um ihres Glaubens willen getötet wurde. Unsere Stiftung ist ökumenisch ausgerichtet, aus diesem Grund porträtieren wir Blutzeugen unterschiedlicher Konfession. Sie alle starben eines gewaltsamen Todes, ob schleichend, wie etwa durch Hunger und Auszehrung in Lagerhaft, durch die Hand eines heimtückischen Mörders oder durch staatliche Hinrichtung. Wesentlich war in ihrem Leben das Bekenntnis zu Jesus Christus als Urquell ihrer Motivation. Ob katholische, evangelische, orthodoxe oder altorientalische Christen, sie legen jeweils unterschiedliche Kriterien an, um das Lebensende eines solchen Zeugen für Christus mit dem Begriff „Martyrium“ zu bezeichnen. So ist etwa das sehr enge Kriterium, dass dieser Mensch bewusst dazu bereit war, für seinen Glauben zu leiden und am Ende sogar den Tod in Kauf nahm, nicht bei allen diesen Lebensbeispielen erfüllt. Die Autoren der Porträts geben entsprechende Hinweise auf den Radius der Verehrung oder Bekanntheit.

Unsere Stiftung hat sich selbst verpflichtet, diskriminierte Christen aus der alltäglichen Not zu helfen und verfolgte Glaubensgeschwister nach Kräften aus der Gefahr zu retten, indem etwa Anwaltskosten übernommen werden. Herausragenden Persönlichkeiten, die sich in den Ländern der Unterdrückung für die schwächsten dieser Zielgruppe stark machen, verleiht sie alljährlich ihren Stiftungspreis. Aus dieser besonderen Förderung leitet die Stiftung ihre Aufgabe ab, geeigneten Persönlichkeiten über den Tod hinaus Ehrung durch Gedenken zuteil werden zu lassen. Das ist letztlich auch eine Konsequenz aus den christlichen Begriffen von Person und Menschenwürde. Diese enden nicht zu dem Zeitpunkt, an dem ein Täter der irdischen Existenz des Opfers ein Ende setzt.

Drei Preisträger der Stiftung wurden bereits wegen ihres Glaubens umgebracht: Der Stephanuspreisträger von 2006, der pakistanische Christ Ranjha Masih, wurde drei Jahre nach der Auszeichnung, Mitte Juni 2009 auf einem Markt zusammengeschlagen und gefährlich verletzt. Geld für die Behandlung in einer Klinik erreichte ihn zu spät: Am 14. Juni 2009 erlag er seinen Verletzungen. Zur Erinnerung: Ranjha Masihs Leidensweg hatte am Tag der Beisetzung von Bischof John Joseph begonnen, am 8. Mai 1998, als eine Menge trauernder Christen durch die Straßen zog und er unter ihnen willkürlich beschuldigt wurde, ein Schild mit einem Koranzitat durch einen Steinwurf beschädigt zu haben. Jahrelang hatte er unschuldig wegen angeblicher Gotteslästerung hinter Gittern verbracht.

Stephanuspreisträger Pater Frans van der Lugt wurde am 7. April 2014 in der Innenstadt von maskierten Schergen der islamistischen Al-Nusra-Front erschossen. Der 75-jährige war ein Jahr zuvor gerade mit unserem Stiftungspreis geehrt worden.

Zwei Jahre später zeichnete unsere Stiftung zudem posthum den armenisch-katholischen Erzbischof Ignatius Maloyan von Mardin (Tur Abdin/Südost-Türkei) aus. Der Oberhirte hatte sich geweigert, den Islam anzunehmen und war am 11. Juni 1915 vom Polizeichef von Mardin persönlich erschossen worden. Wir stellen ihn in unserem ersten Porträt vor.

Das Andenken Verstorbener ist etwa in Deutschland ein anerkanntes Rechtsgut. Nicht nur die über den Tod fortwirkende Menschenwürde des Opfers wird dadurch geschützt. Es gilt auch, das Empfinden seiner hinterbliebenen Angehörigen und Freunde sowie – im Fall eines Martyriums – erst recht der Geschwister im Glauben, zu berücksichtigen. Die Stephanusstiftung für verfolgte Christen erinnert aus diesem Grund an vergangenes Unrecht, prangert aktuelle Ungerechtigkeit an. Sie stärkt auf diese Weise die Überlebenden und ihre Nachfahren. Verantwortungsgemeinschaften müssen um Vergebung bitten und Entschädigung leisten, wo die Herrschaft zuvor durch Unrecht großes Leid verursacht hat. Das setzt zunächst einmal voraus, die Opfer dem Vergessen zu entreißen.

Ihr Zeugnis wirkt auf uns aber auch oftmals so authentisch und vorbildlich, dass es wie ein Same reiche Frucht hervorbringt. Diese Erfahrung bedachte wohl auch Papst Johannes Paul II., der 1994 der gesamten Kirche den Auftrag erteilte, ein Blutzeugenverzeichnis über alle Märtyrer des 20. Jahrhunderts zu erstellen. „So konnten mit dem Jahr 2000, dem Heiligen Jahr, die Märtyrer des 20. Jahrhunderts in allen Diözesen, in allen Bischofskonferenzen, in allen fünf Kontinenten dem Vergessen entrissen werden“, erklärte Prälat Helmut Moll, Professor für Exegese und Hagiographie, im Gespräch mit der Stiftungsvorsitzenden, Michaela Koller. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte ihn, als er noch bei der Heiligsprechungskongregation tätig war, gebeten, dieses Martyrologium zu erstellen. Im Jahr 1995 kehrte er von Rom nach Köln zurück und das Werk konnte am 18. November 1999 Papst Johannes Paul II. überreicht werden.

Der Prälat erhielt als Erster im Jahr 2008 den Stephanus-Sonderpreis für diese herausragende Arbeit. In den zurückliegenden Jahrzehnten ist das zweibändige Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhundert“ mehrfach durch neue Lebensbilder erweitert worden und lebt zudem durch begleitende Vorträge und Ausstellungen fort. Die Stephanusstiftung schöpft auch aus diesen Bänden für ihre Serie. Sie stützt ihre Darstellung zuvorderst jedoch auf die Zeugnisse aus dem 21. Jahrhundert, da die Christenverfolgung der Gegenwart eher zunimmt als zur Neige geht, obschon wir nach Zusammenbruch der großen Tyranneien wie des Nationalsozialismus bzw. Faschismus und der kommunistischen Herrschaft in Mittel- und Osteuropa es anders erwartet oder erhofft haben.

Der tiefere Grund dafür lässt sich nur erahnen. Prälat Moll sagte der Stiftungsvorsitzenden einmal: „Schauen Sie, acht von zehn Verfolgten heutzutage sind Christen. Offensichtlich ist unser christlicher Glaube so bedeutsam für die Gesellschaft, dass sie gerade die Christen vernichten wollen. Warum wollen sie das? Weil die Christen ein Menschenbild haben, das bedeutet, sich für die Schwachen einzusetzen, das die körperlich und geistig Behinderten miteinschließt. Dieses Menschenbild ist nicht nur innerweltlich, sondern auch transzendental.“

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