Märtyrerin Schwester Leonella ahnte ihr Schicksal voraus
Schwester Leonella Sgorbati wurde am 9. Dezember 1940 in Gazzola bei Piacenza in der norditalienischen Region Emilia-Romagna geboren. Ihre Eltern ließen sie auf den Namen Rosa taufen. Als sie zehn Jahre alt war, zog die Familie in die Lombardei nach Sesto San Giovanni. Dort schloss Rosa Sgorbati sich der „Katholischen Aktion“ an. Im Jahr 1963 trat sie in den Orden der Consolata-Missionsschwestern im piemontesischen Sanfrè bei Cuneo ein. Sie erhielt den Ordensnamen Leonella und wurde in England von 1966 bis 1968 als Krankenschwester ausgebildet. Im Jahr 1970 wurde sie nach Kenia entsandt, 1972 legte sie die Ewigen Gelübde ab. In dem ostafrikanischen Land blieb sie drei Jahrzehnte, arbeitete als Hebamme und gründete mehrere Krankenpflegeschulen. Sie ist dort noch immer in bester Erinnerung. Für ihre Schülerinnen war sie wie eine Mutter. Sie legte Wert darauf, die angehenden Krankenschwestern nicht nur beruflich zu schulen, sondern ganzheitlich zu lehren, was die Vermittlung christlicher Werte miteinschloss. Zugleich setzte sie sich im Vorstand einer religiösen Frauenvereinigung des Landes für gerechte Löhne und Arbeitsbedingungen ein. Von 1993 bis 1999 war sie die Provinzobere der kenianischen Consolata-Missionsschwestern.
Nach einem Sabbatjahr ging sie 2001 in die somalische Hauptstadt Mogadischu und gründete dort eine Krankenpflegeschule für das Krankenhaus des SOS-Kinderdorfes, deren Leitung sie seit 2002 innehatte. Die ersten von ihr ausgebildeten Krankenschwestern erhielten 2006 ihre von der Weltgesundheitsorganisation anerkannten Diplome. Schwester Leonella ging es auch darum, den jungen Menschen Zukunftsperspektiven zu eröffnen und gegenseitigen Respekt ungeachtet der Religionszugehörigkeit zu vermitteln. Sie war sich der Gefahren als christliche Ordensfrau in dem radikalislamischen Land bewusst. Die mutige Missionsschwester war erst vier Tage zuvor aus Kenia nach Somalia zurückgekehrt, als sie am Mittag des 17. September 2006 auf dem Weg von der Klinik beim Überqueren einer Straße von vier Kugeln in den Rücken getroffen wurde. Sie sollen von zwei Schützen aus einem Taxi abgefeuert worden sein. Schwester Leonella wurde sofort in ein Krankenhaus gebracht, erlag dort aber ihren Verletzungen. Ihr Leibwächter Mohamed Osman Mahamud wurde ebenfalls erschossen.
Die Bluttat wurde verschiedentlich als Reaktion auf die Regensburger Rede von Papst Benedikts XVI. gewertet. Jedoch rechneten die Christen in Somalia, darunter Schwester Leonella, Monate zuvor bereits mit Angriffen gewaltbereiter Muslime gegen christliche Ziele. Sie hatte daher auch Personenschutz. Ihre letzten Worte im Krankenhaus waren „Perdono, perdono!“ („Ich vergebe, ich vergebe!“).
Es wurden zwei Verdächtige verhaftet, die Ermittlungen blieben jedoch bislang ohne Ergebnis. Papst Benedikt XVI. drückte am Tag nach dem Mord in einem Beileidstelegramm an die Missionsschwestern seine tiefe Erschütterung aus und würdigte Schwester Leonellas Einsatz unter höchster Gefahr bei seiner Ansprache zum Angelusgebet am darauffolgenden Sonntag. In der kenianischen Hauptstadt Nairobi fand sie schließlich ihre letzte Ruhestätte. Das Kreuz von Schwester Leonella befindet sich seit Oktober 2008 in der Kirche San Bartolomeo all’Isola in Rom, die den Märtyrern des 20. Jahrhunderts gewidmet ist. Papst Franziskus erkannte am 8. November 2017 den Tod Leonella Sgorbatis als Martyrium an. Am 26. Mai 2018 sprach sie der damalige Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Kardinal Angelo Amato, in der Kathedrale von Piacenza im Auftrag des Papstes selig.
Im März 2006 – ein halbes Jahr vor ihrem gewaltsamen Tod – gab Schwester Leonella Sgorbati während eines Italienaufenthaltes einem Fernsehsender ein Interview. Dabei sagte sie: „Ich weiß, dass es eine Kugel mit meinem Namen darauf gibt. Ich weiß nicht, wann sie ankommt. Aber solange sie nicht ankommt, bleibe ich in Somalia.“
Walter Flick
