Ein Pionier des Dialogs wurde zum Opfer von Islamisten

Jul 31, 2026 | Märtyrer des Monats, Meldungen

Bischof Pierre Claverie; Foto: J. Schäfer - Ökumen. Heiligenlexikon

Märtyrer des Monats August 2026

Bombe mit Fernzünder am Bischofssitz

Pierre Lucien Claverie galt in Algerien als ein Pionier des christlich-islamischen Dialogs, fühlte sich dem Land und den Menschen dort seit seiner Kindheit zutiefst verbunden. Dabei stammte er aus einer anderen Ära: Claverie wurde am 8. Mai 1938 in Algier in eine Familie hineingeboren, die seit vier Generationen als Franzosen in der nordafrikanischen Kolonie lebten, sogenannten „Pieds-noirs“. Von einem späteren Blickwinkel zurück auf diese Zeit bezeichnete er seinen damaligen Horizont als „koloniale Seifenblase“. Es gab keinerlei Kontakte zur arabisch-muslimischen Bevölkerung. Ab 1954 tobte ein blutiger Konflikt um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Claverie hatte zunächst das Land seiner Kindheit hinter sich gelassen und trat im Alter von 20 Jahren ins Noviziat des Dominikaner-Ordens im nordfranzösischen Lille ein, während in Algerien der Krieg noch vier Jahre weiterging. Im Jahr 1965 wurde er zum Priester geweiht und zwei Jahre später – Algerien war inzwischen seit fünf Jahren unabhängig – durfte er dorthin zurückkehren.

Mit Claverie und Gleichgesinnten begann ein neues Kapitel der Kirchengeschichte dieses Landes, dem einst der Kirchenvater Augustinus von Hippo entstammte. Die Ortskirche hatte sich bereits von einer Institution der Eroberer zu einer Glaubensgemeinschaft an der Seite der Schwächsten und Verletzlichsten gewandelt. Der junge Dominikaner lernte nun die Landessprache Arabisch und beschäftigte sich mit dem Islam. Bereits 1973 wurde er zum Direktor eines Instituts berufen, das sich der Arabistik und Islamwissenschaft verschrieben hatte, des „Centre des Glycines“. Nachdem Bischof Henri Teissier Ende 1980 ins Erzbistum Algier gewechselt hatte, war der Bischofsstuhl in Oran vakant. Schließlich fiel die Wahl auf den erst 43-jährigen Claverie als Teissiers Nachfolger dort. Ein Jahrzehnt später, im Jahr 1992, brach der Bürgerkrieg in Algerien aus und schon bald schon standen nicht nur Soldaten und Polizisten, sondern auch die Christen als „Fremdkörper“ im Fadenkreuz der Islamisten. Angehörige der kleinen Minderheit wurden zu Opfern von Entführungen und Morden. Insgesamt wurden zwischen 1994 und 1996 19 französische, spanische, belgische und maltesische Ordensleute ermordet. Als Bischof war Claverie exponiert und er wusste, dass er auch zur Zielscheibe werden könnte. Dennoch verurteilte er den Terror der Dschihadisten und zugleich die Menschenrechtsverletzungen der Militärregierung, die per Staatsstreich an die Macht gelangt war.

Im Frühling des Jahres 1996 wurde die kleine Gemeinschaft der Christen von der Entführung und Ermordung der Trappisten-Mönche von Tibhirine (Märtyrer des Monats Mai 2026) erschüttert, die besonders für ihre Nächstenliebe bekannt waren. Für Claverie müssen diese Ereignisse eine erneute Prüfung bedeutet haben. Trotz der großen Gefahr blieb er jedoch im Bürgerkriegsland, als Hirte bei seiner Herde. Am späten Abend des 1. August 1996 kam Claverie von einer Reise zum Bischofssitz zurück, begleitet von seinem Chauffeur Mohamed Bouchikhi, der ihn vom Flughafen abgeholt hatte. Wie internationale Medien am Tag darauf berichteten, explodierte eine ferngezündete Bombe am Eingang zur Kirche, die beide Männer in den Tod riss.

Claveries Mitbruder im Orden, Pater Adrien Candiard, verarbeitete das Martyrium in einem Bühnenstück unter dem Titel „Pierre & Mohammed“, das 2011 im französischen Avignon uraufgeführt wurde. Darin kommen die Opfer selbst zu Wort: Auszüge aus Predigten des Bischofs im Dialog verbunden mit Tagebucheinträgen seines Chauffeurs.

Am 8. Dezember 2018 wurde Claverie zusammen mit 18 weiteren christlichen Blutzeugen aus der Zeit des Bürgerkriegs von der katholischen Kirche in Algerien seliggesprochen. Bemerkenswert ist, wie diese Seligsprechung dort aufgenommen wurde. Der damalige Bischof von Oran, Jean-Paul Vesco, der inzwischen Erzbischof von Algier ist, sprach zuvor wegen des Ortes der Seligsprechungsfeier beim Minister für Religiöse Angelegenheiten, Mohamed Aissa, vor, der ihm mit großer Offenheit und der Zusicherung der staatlichen Unterstützung begegnete. Laut Medienberichten fand man durch die öffentliche Feier zu einem gemeinsamen Narrativ: Im Bürgerkrieg wurden Christen Seite an Seite mit jenen Muslimen ermordet, die sich dem Extremismus widersetzt hatten.

Zum Hintergrund: In Algerien herrschte damals ein blutiger Bürgerkrieg: Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts richteten sich islamistische Kräfte insbesondere an den Universitäten in antikolonialer Attitüde gegen linke und frankophone Kräfte, unter anderem durch den Einfluss der ägyptischen Muslimbruderschaft und später befeuert durch die Intifada der Palästinenser. Zu den Kernforderungen gehörte etwa die Abschaffung der Hochschulausbildung für Frauen und letztlich die Errichtung eines islamistischen Staates. Politische Zugeständnisse beförderten in jenen Jahren den Einfluss der Islamisten. Bei den Kommunal- und Provinzwahlen im Juni 1990 siegte die radikale „Islamische Heilsfront“ (FIS) erdrutschartig mit 54 Prozent. Die Ergebnisse aus dem ersten Wahlgang der Parlamentswahlen annullierte die Armee am 11. Januar 1992, zwang Präsident Chadli Bendjedid zum Rücktritt, brachte den Hohen Staatsrat unter ihre Kontrolle, löste die FIS auf und verhängte den Ausnahmezustand. Viele FIS-Anhänger, die sich den Massenfestnahmen entziehen konnten, griffen zu den Waffen. In dem folgenden „dunklen Jahrzehnt“ kamen durch Kampfhandlungen und Massaker bis zu 200.000 Menschen in Algerien ums Leben. Der Krieg endete im Februar 2002 durch die militärische Niederschlagung der Dschihadisten.

Michaela Koller

Foto: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon

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