Blutzeugnis im Land der Zehn Gebote

Jun 3, 2026 | Märtyrer des Monats, Meldungen

Sinai-Karte von Eric Gaba - Creative Commons

Märtyrer des Monats Juni 2026

Vor zehn Jahren: Der IS ermordete den koptischen Pfarrer Rafael Moussa

Der koptische Gemeindepfarrer Rafael Moussa hatte am 30. Juni 2016, einem Donnerstag, gerade eine Andacht in der Pfarrkirche Mar Girgis (Sankt Georg) von El Arish im Norden der Sinai-Halbinsel geleitet, seine liturgischen Gewänder abgelegt und einige Gespräche mit Gläubigen geführt. Der 46-jährige Familienvater setzte sich in sein Auto, das auf dem Parkplatz bei der Kirche stand. Als er starten wollte, bemerkte der Pfarrer, dass etwas mit seinem Wagen nicht in Ordnung war und wollte gerade unter der Motorhaube nachsehen. Zeugen berichteten später, dass sich in diesem Moment Unbekannte näherten und einer von ihnen mit einer Feuerwaffe auf seinen Kopf zielte und abdrückte: Rafael Moussa starb noch am Tatort. Er hinterließ eine Frau, zwei Kinder und eine Gemeinde, die bald darauf vollzählig floh. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ bekannte sich daraufhin zu der Bluttat. Der Pfarrer habe sich gegen den Islam gestellt, wurde ihm vorgeworfen.
„Die koptisch-orthodoxe Kirche unter Papst Twadros spricht der Familie des Märtyrers ihr Beileid aus und verurteilt alle terroristischen Handlungen, die die Sicherheit des Vaterlandes bedrohen und darauf abzielen, seine Kinder zu spalten. Möge Gott Ägypten vor jeder Gefahr bewahren“, hieß es als Reaktion in einer Verlautbarung der koptisch-orthodoxen Kirche – die größte Gemeinschaft unter den etwa zehn Prozent Christen im Land am Nil. In keinem anderen arabischen Staat leben so viele Christgläubige wie in Ägypten. Die Terrororganisation Islamischer Staat, die vor einem Jahrzehnt im Irak, in Syrien, Libyen und auch im Sinai wütete, hatte auch die koptischen Christen ins Fadenkreuz genommen. Der Terror, der vom ägyptischen Ableger des Islamischen Staates, der „Provinz Sinai“, angezettelt wurde, richtete sich zunächst gegen die Sicherheitskräfte und kostete Hunderten von ihnen das Leben. Präsident Abdel Fattah al-Sisi, der damals gerade drei Jahre im Amt war, stufte den Dschihadismus als existenzielle Bedrohung für Ägypten ein.
Im Jahr 2011, dem Jahr des „Arabischen Frühlings“, nutzten radikal-islamische Kämpfer das Machtvakuum, um ihre Agenda zu verfolgen: Damals wurden die meisten Christen aus Rafah, der zwischen Ägypten und Gaza geteilten Stadt am Sinai, vertrieben. Islamisten brannten die dortige „Kirche der Heiligen Familie“ bis auf die Grundmauern nieder und drohten den Christen, auch ihre Wohnhäuser anzuzünden. Viele von ihnen suchten in El Arish Zuflucht. Insgesamt lebten zu der Zeit noch rund 600 christliche Familien im Norden des Sinai. Nach dem zweiten Umsturz im Juli 2013, bei dem Ägyptens radikal-islamische Muslimbruderschaft die Macht verlor, erreichte die dschihadistische Gewalt im Sinai einen weiteren Höhepunkt. Rafael Moussas Amtsbruder Mina Aboud starb unweit seiner Pfarrkirche in El Arish den Märtyrertod. Die letzten Christen gaben schließlich Rafah auf.
Die Flüchtlinge, die nach El Arish kamen, weilten aber dort nicht lange und zogen weiter an den Suezkanal oder ins Nildelta. Viele der letzten Christen des Sinai sahen sich gezwungen, ihre Identität zu verleugnen, indem die Frauen sich islamisch kleideten und viele Familien nicht mehr zur Kirche gingen. Die ägyptischen Sicherheitskräfte Anfang 2017 waren schließlich nicht mehr in der Lage, für ihre Sicherheit zu sorgen und daher flüchteten so gut wie alle verbliebenen Christen von der Halbinsel. Der Sinai ist der biblischen Überlieferung zufolge der Schauplatz des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel und der Ort, an dem Moses die Zehn Gebote empfing. Rafael Moussa, dessen Nachname übersetzt Moses lautet, steht mit seinem Martyrium für die letzten Christen dieses biblischen Gebiets. Michaela Koller
Karte: Eric Gaba (Sting – fr:Sting) and NordNordWest, CC BY-SA 3.0

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