Aus Nächstenliebe blieben die Trappisten trotz aller Gefahr in Tibhirine

Mai 4, 2026 | Märtyrer des Monats, Meldungen

Gedenkstein für Christian de Chergé; Creative Commons

Märtyrer des Monats Mai 2026
Am 21. Mai 1996 bekannten sich Dschihadisten zur Enthauptung der Mönche

In diesem April hat Papst Leo XIV. an die Märtyrer Algeriens im 20. Jahrhundert erinnert. Sie seien in der Nächstenliebe bis zum Opfer ihres Lebens treu geblieben, betonte er bei seinem Besuch in der Basilika Unserer Lieben Frau von Afrika in der Hauptstadt Algier. Die wohl bekanntesten unter ihnen sind die Trappisten aus dem Kloster Notre-Dame de l’Atlas in Tibhirine. Es sind nun dreißig Jahre her seit jenem schicksalhaften Jahr 1996: In der Nacht zum 27. März wurde der Prior der dortigen Trappisten-Gemeinschaft, Pater Christian de Chergé, ebenso entführt wie die Patres Christophe Lebreton, Célestin Ringeard und Bruno Lemarchand, die Trappistenbrüder Michel Fleury und Paul Favre-Miville sowie der Laienbruder Luc Dochier. Eine Gruppe Bewaffneter hatte sie in ihrem Kloster überwältigt. Zwei weitere Angehörige des Konvents, Pater Jean-Pierre Schumacher und Bruder Amédée Noto, entgingen der Entführung, da sie in einem Nebengebäude unentdeckt blieben. Am 21. Mai 1996 bekannte sich die GIA („Bewaffneten Islamischen Gruppen“) in ihrem Kommuniqué Nummer 44 dazu, die sieben Entführten ermordet zu haben. „Der Präsident Frankreichs und sein Außenminister haben erklärt, dass sie mit den GIA nicht verhandeln. Sie haben den Faden des Dialogs abgeschnitten. Wir unsererseits haben nun den sieben Mönchen die Hälse abgeschnitten.“ Am 30. Mai wurde diese kaltblütige Erklärung zur grausigen Gewissheit, als die Köpfe der Opfer gefunden wurden. Die katholische Kirche erkannte den gewaltsamen Tod als Martyrium an: Am 8. Dezember 2018 sprach Kurienkardinal Giovanni Angelo Becciu als Vertreter von Papst Franziskus die Sieben zusammen mit zwölf weiteren Märtyrern Algeriens selig.
Das, was diese Trappisten als Blutzeugen für Christus besonders auszeichnet, ist zunächst ihre unerschütterliche Hoffnung auf das Heil im Sinne der Aufforderung des ersten Petrusbriefs: „Seid stets bereit, jedem Antwort zu geben, der euch nach der Hoffnung fragt, die in euch lebendig ist“ (1 Petr 3,15). Zugleich wollten sie mit ihrer freundschaftlichen Nachbarschaft inmitten einer rein muslimischen Umgebung ein Zeichen für den Frieden setzen, trotz zunehmender Radikalisierung und allgegenwärtiger Gewalt. Die Trappisten von Tibhirine wurden selbst zum Stein des Anstoßes (1 Petr 2,8): Islamisten bedrängten die Ausländer seit 1993, das Land zu verlassen. Außerdem nahm die algerische Armee die Mönche ins Fadenkreuz. Der Konvent betrieb eine Krankenstation; die Trappisten boten sich für jeden Hilfesuchenden, ungeachtet der Person, als Ärzte und Pfleger an und behandelten täglich Patienten kostenlos. Dies war – zusammen mit Unterricht sowie Unterstützung in der Landwirtschaft und bei Behördengängen – ihr Dienst an ihren Nächsten. Im September 1993 wurden in der Nähe ihres Klosters christliche Arbeiter aus Kroatien von Dschihadisten ermordet. Im Konvent beriet man sich und jedem wurde die Entscheidung selbst überlassen, ob er angesichts der großen Gefahr noch ausharren möchte. Jeder Einzelne im Konvent stimmte mit dem Prior Pater Christian de Chergé überein, von dem die Worte überliefert sind: „Wir werden erst gehen, wenn die Einwohner uns darum bitten.“ Als er noch ein junger Mann war und seinen Militärdienst in Algerien leistete, hatte ihm sein muslimischer Freund Mohammed das Leben gerettet und wurde deswegen ermordet. Diese Erfahrung prägte de Chergé zutiefst.
Die Menschen, die in der Umgebung des Klosters lebten, schätzten sich glücklich, die hilfreichen Trappisten in ihrer Nähe zu wissen. Die Bevölkerung in Algerien wagte sich zu der Zeit vor lauter Furcht vor dem allgegenwärtigen Terror und den bewaffneten Auseinandersetzungen kaum aus dem Haus. In Algerien herrschte damals ein blutiger Bürgerkrieg: Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts richteten sich islamistische Kräfte insbesondere an den Universitäten in antikolonialer Attitüde gegen linke und frankophone Kräfte, unter anderem durch den Einfluss der ägyptischen Muslimbruderschaft und später befeuert durch die Intifada der Palästinenser. Zu den Kernforderungen gehörte etwa die Abschaffung der Hochschulausbildung für Frauen und letztlich die Errichtung eines islamistischen Staates. Politische Zugeständnisse beförderten in jenen Jahren den Einfluss der Islamisten. Bei den Kommunal- und Provinzwahlen im Juni 1990 siegte die islamistische „Islamische Heilsfront“ (FIS) erdrutschartig mit 54 Prozent. Die Ergebnisse aus dem ersten Wahlgang der Parlamentswahlen annullierte die Armee am 11. Januar 1992, zwang Präsident Chadli Bendjedid zum Rücktritt, brachte den Hohen Staatsrat unter ihre Kontrolle, löste die FIS auf und verhängte den Ausnahmezustand. Viele FIS-Anhänger, die sich den Massenfestnahmen entziehen konnten, griffen zu den Waffen. In dem folgenden „dunklen Jahrzehnt“ kamen durch Kampfhandlungen und Massaker bis zu 200.000 Menschen in Algerien um. Der Krieg endete im Februar 2002 durch die militärische Niederschlagung des Dschihadisten-Kriegs.
Wenige Wochen vor dem Martyrium der Sieben besuchte der Kanadier Pater Armand Veilleux das Kloster in Tibhirine. Der Experte für das koptische Mönchtum war damals General-Prokurator der Trappisten – das heißt Vertreter seines Ordens beim Heiligen Stuhl. Mit seinem Besuch folgte er dem Wunsch des Priors. „Die Gemeinschaft war sich der Gefahren bewusst. Sie waren keine Verrückten und wollten nicht sterben, aber sie hatten die Menschen dort liebgewonnen und wollten sie nicht allein lassen“, erinnert er sich später an seine Eindrücke. Anfang Dezember 2010 bekam die Verfasserin am Rande einer Sneak Preview des Spielfilms „Von Menschen und Göttern“ vor der Deutschlandpremiere die Gelegenheit zum Interview mit Armand Veilleux, zur der Zeit Abt im belgischen Scourmont. Die Vorführung fand anlässlich der Jahrestagung der Allianz für Internationales Mönchtum (AIM) im oberbayerischen Kloster St. Ottilien statt. „Ich musste ihre Köpfe identifizieren. Die Körper waren ja nicht mehr zu finden“, bemerkte er nüchtern im Anschluss an die Filmvorführung. Seiner Theorie zufolge verschwanden mit den Leichenteilen auch wesentliche Spuren. Der Abt ging seit 2004 gegen die Republik Frankreich gerichtlich vor, weil er von einer möglichen Verstrickung von französischen und algerischen Sicherheitskräften in die Verbrechen an seinen Mitbrüdern ausgeht.
Tatsächlich ist er nicht der einzige Beobachter, der hinter den Bluttaten eine außer Kontrolle geratene Geheimdienstoperation vermutet. Der algerische Geheimdienst (DRS) schleuste demnach Agenten in die GIA ein, die eigene Terrorzellen aufbauten, um so noch härter gegen die Islamistenpartei Front Islamique du Salut (FIS) vorgehen zu können. Interessant ist, dass Regisseur Xavier Beauvois die Hintergründe der Gewaltakte offenließ. „Es ist ein sehr genauer Blick auf das, was sich dort ereignet hat“, kommentierte Vielleux den mit dem Großen Preis der Jury beim Filmfest von Cannes ausgezeichneten Film, der Millionen Zuschauer anlockte.
Das Kloster in Tibhirine stand lange leer. Im Jahr 2016 zog die Gemeinschaft „Chemin Neuf“ unter der Leitung von Pater Eugène Lehembre dort ein. Den schriftlichen Nachlass des einstigen Konvents, darunter das geistliche Testament des Priors, verwaltet heute das südfranzösische Kloster Notre-Dame d`Aiguebelle. Hubert de Chergé, der sich an glückliche Jahre der gemeinsamen Kindheit in Algerien erinnerte, fühlte sich durch das Lebenszeugnis seines Bruders im Glauben gestärkt und zur Fortsetzung des christlich-islamischen Dialogs in seinem Sinne ermutigt.
Michaela Koller
Foto: Gedenkstein für Christian de Chergé; CC BY-SA 3.0/ Ps2613

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