Ein halbes Jahrhundert seit der Selbstverbrennung
Vor genau 50 Jahren, am 18. August 1976, sorgte die Selbstverbrennung des evangelischen Pfarrers Oskar Brüsewitz in Zeitz (Sachsen-Anhalt) für großes Aufsehen. Der 47-Jährige war um zehn Uhr vormittags in die Stadt gefahren, hielt sein Auto im Zentrum bei der Michaelskirche an, stellte Plakate auf, übergoss sich mit Benzin, riss ein Streichholz an und lief mit brennendem Talar schreiend wie eine Fackel über den Marktplatz auf die Kreiskirchenbehörde zu. Er wollte damit den in der DDR herrschenden Kommunismus der „Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen“ anklagen. Sein Protest richtete sich aber auch an die Kirchenoberen, die ihn bei seinen öffentlichen missionarischen Aktionen, die zu vielen Konflikten mit den staatlichen Stellen geführt hatten, nur halbherzig unterstützen. Seit 1971 meinten die meisten Kirchenleitungen, dass die „Kirche im Sozialismus“ sich mit dem mächtigen SED-Staat arrangieren solle. Auch dass seiner Tochter Esther 1974 trotz bester Noten der Besuch der erweiterten Oberschule und damit ein Studium verweigert wurde, wird ebenso eine Rolle gespielt haben.
Der im ostpreußischen Memelgebiet geborene und getaufte Brüsewitz, der dort 1943 noch konfirmiert wurde, hatte ein bewegtes Leben hinter sich. In Sachsen, wo die Eltern sich mit ihren fünf Kindern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wiederfanden, erlernte er den Schumacherberuf. Nachdem die Familie in den Westen, ins westfälische Melle, übergesiedelt war, starb 1948 seine fromme katholische Mutter. Oskar legte hier 1951 die Meisterprüfung ab, heiratete und wurde Vater einer Tochter, aber seine Ehe scheiterte bald. Besonders durch den CVJM fand er in dieser schweren Zeit jedoch zu einem lebendigen Glauben an Jesus.
Für einen Neuanfang kehrte der an Magengeschwüren Erkrankte 1954 nach Sachsen zurück, wo er die landeskirchliche Gemeinschaft besuchte. Im folgenden Jahr eröffnete er in Leipzig ein Schumachergeschäft und lernte seine zweite Frau Christa kennen, die der pfingstlerischen „Christen-Gemeinde Elim“ angehörte. Oskar ging mit ihr in die Gottesdienste, heiratete sie und sich ließ wiedertaufen. Das Paar bekam drei Kinder: einen Sohn, der leider bald schwer erkrankte und mit 13 Jahren starb, und zwei Töchter. Als die in Fragen alltäglicher Lebensführung oft enge, gesetzliche Gemeinde Brüsewitz bei seinen missionarischen Aktionen nicht unterstützte, wechselte die Familie 1958 zur Evangelischen Landeskirche. Eine Herzerkrankung Oskars bewog die Familie, in das klimatisch gesündere thüringische Weißensee umzuziehen, wo er sich wieder als Schumacher selbstständig machte und in der Gemeinde engagierte, so dass die Behörden gegen ihn vorgingen.
Als seine Schumacherei kollektiviert wurde, entschloss er sich – wie er es schon zehn Jahre zuvor versucht hatte – in den kirchlichen Dienst zu treten und absolvierte 1964 bis 1969 die Predigerschule in Erfurt. Nach dem Vikariat wurde er als Hilfspfarrer in die Gemeinde Rippicha bei Zeitz eingewiesen, wo ihm nach der Ordination 1971 die Pfarrstelle übertragen wurde. Brüsewitz sorgte mit seiner unkonventionellen Art für einen Neuaufbau, packte bei Renovierungen selbst mit an, gestaltete ansprechende Gottesdienste, besuchte nicht nur die Kirchenmitglieder, sondern alle Leute und sorgte mit Phantasie für eine erfolgreiche Kinder- und Jugendarbeit. Überregional bekannt machte ihn ein großes Neonröhrenkreuz, das er am Kirchturm anbrachte und auf die vielbefahrenen Fernstraße 2 von Berlin über Leipzig und Gera nach Wien leuchtete. In seinen Predigten nahm er kein Blatt vor den Mund, sondern kritisierte offen die atheistische Politik: „Es ist zwar ein heißes Eisen, aber es muss doch gesagt werden… .“ Im Jahr 1974 stellte er – ein Beispiel von vielen – dem Plakat „25 Jahre DDR“ eines mit der Aufschrift „2000 Jahre Kirche Jesu Christi“ entgegen.
Wegen dieser provokativen Auftritte wurde er ständig von der Stasi überwacht und von den staatlichen Stellen schikaniert. In der Kirchengemeinde ging nach den anfänglichen Erfolgen deshalb die Beteiligung zurück. Auch die mangelnde Unterstützung im Pfarrkonvent, durch den Superintendenten in Zeitz und die Kirchenleitung in Magdeburg wurde Brüsewitz zur Anfechtung. Im Jahr 1975 kündigte er seinem Propst einen „Drei-Stufen-Plan“ an, der wohl schon auf die Selbstverbrennung zielte. Als der Kreiskirchenrat Ende des Jahres für den nächsten September eine Visitation in Rippicha ankündigte, der Rat des Bezirks Halle im Mai 1976 seine Abberufung forderte und der Probst ihm im Juli einen entsprechenden Stellenwechsel nahelegte, war das Maß offensichtlich voll. Im Abschiedsbrief an den Pfarrkonvent hieß es: „Meine Vergangenheit ist nicht des Ruhmes wert. Umso mehr freue ich mich, dass mein Herr und König und General mich zu den Geliebten Zeugen berufen hat. Obwohl der scheinbar tiefe Friede, der auch in die Christenheit eingedrungen ist und zukunftsversprechend ist, tobt zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg. Wahrheit und Lüge stehen nebeneinander.“ Und seiner nicht eingeweihten Familie schrieb er: „Ich habe mich lange durchgerungen und bin nun auch froh darüber, für meinen König und Feldmarschall in dieser so scheinbar friedlichen Welt ein Zeichen aufzurichten… Über mich sollt ihr nicht trauern, denn nun soll ich den schauen, den ich sehr geliebt habe… Jetzt schon freue ich mich, mit meinem König und den Heiligen in Christus ganz vereint zu sein.“
Im Krankenhaus sagte er dem Arzt, er opfere sich im Kampf gegen den Kommunismus. Vor einiger Zeit sei bei ihm der Bischof gewesen, der ihm seine Versetzung mitgeteilt habe. Oskar Brüsewitz starb dort am 22. August 1976 an seinen schweren Verbrennungen und wurde am 26. August in Rippicha im Beisein von 370 Menschen, darunter 72 evangelischen Pfarrern im Talar aus der ganzen DDR, beerdigt.
Ist er ein Märtyrer? Die Kirche hat immer betont, dass man sich auch in Verfolgungszeiten nicht selber töten, sondern wie Jesus geduldig leiden solle. Der für Zeichenhandlungen begabte Pfarrer sah sich jedoch so vom Staat bedrängt und von seiner Kirche verlassen, dass er ein letztes, ebenso mutiges wie verzweifeltes Zeichen setzen wollte. Amtsbrüder sprachen angesichts der Dahingabe seines Lebens von einem „Opfertod“; sein Probst hielt ein „prophetisches Zeichen“ für möglich. Das griechische Wort marturein heißt „bezeugen“. Oskar Brüsewitz war in seinem Leben und Sterben ein Zeuge Jesu Christi und seiner „Leiden“ (Phil 3,10; Kol 1,24).
Winfrid Krause, Pfarrer im Ruhestand, Buggingen
(Literatur unter anderem: J.Desel, Das Leben und Sterben des Oskar Brüsewitz, 1984/ H..Müller-Enbergs, H.Schmoll, W.Stock, Das Fanal, 1993)
Foto: Gedenktafel an Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz/ Dr. Benedikt Vallendar/ CC BY-SA 3.0
