Märtyrer des Monats Februar 2026
Am 5. Februar vor zwanzig Jahren im türkischen Trabzon ermordet
Im Alter von 55 Jahren wagte der katholische Priester Andrea Santoro aus Italien in der Türkei mutig einen Neuanfang: Dabei ging es nicht nur um neue Herausforderungen. „Er hat immer versucht, den Dialog zu pflegen. Er wollte nicht missionieren, sondern mit dem, was er vorlebte, das wahre Gesicht des Christentums zeigen“, erinnerte sich sein Oberhirte Bischof Luigi Padovese im Interview mit der Verfasserin einige Wochen nach dem Märtyrertod Pfarrer Santoros. Padovese, der damals das Apostolische Vikariat für Anatolien mit Sitz in Iskenderun leitete, war wie der ermordete 60-jährige Pfarrer Italiener. Vier Jahre später auch den Bischof dasselbe Schicksal.
Santoro wurde am 7. September 1945 in Priverno in der Region Latium geboren und zog mit seiner Familie Mitte der fünfziger Jahre nach Rom. Wenige Jahre später spürte er bereits die Berufung zum priesterlichen Dienst. Im Jahr 1970 wurde Santoro dann zum Priester geweiht. Nach seiner Kaplanszeit im Stadtviertel Monteverde kam er im September 1981 in die Pfarrei „Jesus von Nazareth“ im Neubauviertel Verderocca. Im Jahr 1994 wurde er nochmals in Rom versetzt, in die große Pfarrei der „Heiligen Märtyrer Fabian und Venanzio“ im Stadtviertel Appio. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre reifte in ihm der Wunsch, im Nahen Osten zu wirken. Schließlich erlaubte ihm der damalige Generalvikar für das Bistum Rom, Kardinal Camillio Ruini, seinem Wunsch gemäß im Jahr 2000 den Einsatz in der Türkei. Santoro verzichtete mit seinem Entschluss auf die Anerkennung als allseits geschätzter Pfarrer, auf alles Vertraute und seine persönliche Sicherheit.
Don Andrea zog es zunächst nach Edessa, das heute Urfa heißt und wo es so gut wie keine Christen mehr gibt. Im Jahr 2004 wechselte er nach Trabzon am Schwarzen Meer. Dort kamen in den wirtschaftlich schwierigen Jahren in der Folge des Zerfalls der Sowjetunion Flüchtlinge zum Beispiel aus Georgien und Armenien an. Nach Vorspiegelung falscher Tatsachen durch dubiose Schlepper trafen viele Frauen in Trabzon ein, die in der Folge zu Opfern von Menschenhandel gemacht und zur Prostitution gezwungen wurden. Für diese meist christlichen Frauen am Rande der Gesellschaft setzte sich Don Andrea ein. Sein Engagement erforderte Mut, da er sich auf diese Weise mit mafiösen Netzwerken anlegte, die vor nichts zurückschreckten. Zudem war er den Nationalisten vor Ort ein Dorn im Auge, die die Auffassung vertraten, das sein Lebenszeugnis die türkisch-islamische Einheit unterminiere.
Am Tag seiner Ermordung war er gerade seit wenigen Tagen wieder von einem Heimataufenthalt in Italien zurückgekehrt. Er begrüßte erfreut seine kleine Gemeinde, die zur Heiligen Messe und einem Mittagessen dort versammelt war. Er ließ nach der Begegnung wie gewohnt seine Kirche „Sankt Marien“ geöffnet, wie immer für den Fall, dass Besucher kommen. Er war auch diesmal darauf eingestellt, dass Menschen mit ihm als Priester das Gespräch suchen, kniete sich dann in der ersten Bankreihe nieder und betete. Eine Dreiviertelstunde war vergangen, als der 16-jährige Schüler Oğuzhan Akdin die Kirche betrat und unter dem Ruf „Allahu akbar“ hinterrücks auf sein argloses Opfer schoss. Seine Tatwaffe war gestohlen und stammte aus irakischem Armeebestand. Nach dem ersten Schuss konnte der Pfarrer Berichten zufolge noch einem jungen Gläubigen in der Kirche zurufen, er solle sich in Sicherheit bringen. Zwei Kugeln trafen lebenswichtige Organe, das Herz und die Leber. So blieb Don Andrea keine Chance, dem Tod zu entrinnen. Der Täter floh, wurde jedoch aufgrund von Aufnahmen einer Überwachungskamera identifiziert und wenige Tage darauf festgenommen. Akdin gab an, dass er den italienischen Pfarrer für die Mohammad-Karikaturen büßen lassen wollte.
Zur Erinnerung: Am 30. September 2005 veröffentlichte die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten eine Serie von Karikaturen des islamischen Religionsstifters Mohammed. Nach ersten Demonstrationen in mehrheitlich islamischen Ländern und diplomatischen Krisen kam es wiederholt zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die spätere Verbreitung von noch provokanteren Fake-Versionen sowie weiteren Fake-Nachrichten, die von interessierten islamistischen Kreisen wie der Muslimbruderschaft und dem Netzwerk der Islamischen Republik Iran gesteuert wurden, gipfelte in tödlicher Mobgewalt und massiven Angriffen von Botschaften Dänemarks und weiterer westlicher Staaten. Am selben Tag, an dem Don Andrea ermordet wurde, setzte der wütende Mob die dänische Botschaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut in Brand.
Als Drahtzieher der Veröffentlichung wurden in Massenmedien und Reden politischer und geistlicher Repräsentanten Juden, Christen und die USA beschuldigt, ungeachtet der Tatsache, dass es bei der Karikaturen-Aktion ursprünglich um die Grenzen der Meinungsfreiheit im Kontext von Religionskritik in Dänemark ging. Dennoch kam es gegen christliche Minderheiten in mehreren mehrheitlich muslimischen Ländern zu pogromartigen Ausschreitungen und zu zahlreichen Morden, unter denen die Bluttat an Pfarrer Santoro eine der bekanntesten ist. In der Türkei befeuerten im Vorfeld Massenmedien eine aggressive Stimmung gegen die christliche Minderheit.
Am 10. Oktober 2006 schließlich wurde der Mörder Akdin zu knapp 19 Jahren Haft verurteilt. Zeugen des Verfahrens konnten keine Zeichen von Reue des Verurteilten feststellen. Im Juli 2012 gelang ihm zunächst ein Gefängnisausbruch, wobei er am selben Tag wieder gefasst wurde. Im Zuge der Massenamnestie im Juli 2016 kam er schließlich vorzeitig frei und wurde zwei Jahre später bei einer Schießerei selbst schwer verletzt.
Die Heilige Messe anlässlich der Beisetzung des Märtyrers Andrea Santoro fand in der Erzbasilika San Giovanni in Laterano mit Kardinal Camillo Ruini als Hauptzelebranten statt. Papst Benedikt XVI., zugleich Bischof der Diözese Rom, der Santoro angehörte, gedachte am Marienwallfahrtsort im türkischen Ephesus beim „Haus der Mutter Maria“ am 29. November 2006 des Martyriums von Santoro, zwei Monate nach seinem berühmten Zitat von Regensburg, in dem es um Gewalt und Drohung zur Durchsetzung der islamischen Religion ging. „Das Böse der Welt wird ertragen und der Schmerz wird geteilt, indem man sie tief ins eigene Fleisch aufnimmt, wie Jesus es getan hat“, lautete hingegen ein von Don Andrea überliefertes Zitat.
Am 2. Dezember 2022 wurden seine sterblichen Überreste in Rom vom Friedhof Campo Verano zu seiner letzten Pfarrkirche „Heilige Märtyrer Fabian und Venanzio“ überführt.
Michaela Koller
Foto: Pfarrer Andrea Santoro mit Kindern aus seiner Gemeinde; Erzbistum Rom
