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Tiefpunkt einer antichristlichen Agenda

Apr 14, 2022 | Märtyrer unserer Zeit

Gedenken zum 15. Jahrestag 18. April 2007 – Dreifacher Christenmord von Malatya

Von Walter Flick

Die Bluttat im Zirve-Bibelverlagshaus geschah am 18. April 2007 in der ostanatolischen Großstadt Malatya. Fünf radikale Islamisten ermordeten die Türken Necati Aydin (35) und Ugur Yüksel (32), die zum Christentum übergetreten waren, sowie den 46-jährigen Deutschen Tilmann Geske. Zwei der Mörder, Emre Günaydin und Abuzur Yildirim, waren bereits mehrfach zuvor im Haus gewesen, und hatten vorgegeben, sich über den christlichen Glauben informieren zu wollen.

Der Gewaltakt von Malatya steht in einer nicht nur zeitlichen Nähe zur Ermordung des armenischen Zeitungsherausgebers Hrant Dink am 19. Januar 2007 in Istanbul und des katholischen Priesters Andrea Santoro am 5. Februar 2006 in Trabzon.
Nach Beginn des EU-Beitrittsprozesses der Türkei im Jahr 2005 verschärft sich eine antichristliche Stimmung in nationalistischen Kreisen: Christliche Missionare werden als bedrohliche Agenten einer Spaltung der Türkei diffamiert. Der Dreifachmord von 2007 stellt einen Tiefpunkt dieser Entwicklung dar.

Die drei Märtyrer von Malatya; Foto: Th. Schirrmacher

Die Opfer (ermordet am 18. April 2007)

 

Aydin – Geske – Yüksel

Necati Aydin war ein christlicher Konvertit aus Izmir. So spielte er etwa die Jesus-Gestalt in einem von christlichen Gemeinden in Izmir organisierten Theaterstück über das Leben Christi. In Istanbul kamen zu der Aufführung rund 2.500 Zuschauer zusammen. Im November 2003 zog er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern nach Malatya und wurde Leiter des christlichen Verlagshauses Zirve.

Er war Pfarrer einer kleinen christlichen Gemeinde in Malatya und auch Autor ergreifender christlicher Gedichte und Lieder.

 

Tilmann Geske war ein deutscher Missionar und arbeitete als Pastor für eine evangelische
Freikirche in Deutschland. Im Jahr 1997 zog er nach Adana (Südtürkei) und 2002 – zusammen mit seiner deutschen Frau Susanne und seinen drei Kindern – nach Malatya. Er unterrichtete Englisch, übersetzte und predigte in der ortsansässigen Gemeinde.

 

Ugur Yüksel entstammte einer alevitischen Familie. Er studierte im Westen der Türkei (Izmit), wo er mit der dortigen evangelischen Gemeinde in Kontakt kam und zum Christentum übertrat. Seit 2005 arbeitete er mit Necati Aydin für den Zirve-Verlag in Malatya.

Tathergang

 

Am Vormittag des 18. April 2007 kommen der zwanzigjährige Emre Günaydin und der 19-jährige Abuzer Yildirim in das Büro des Zirve-Verlags, um – Interesse vorspielend – noch mehr über den christlichen Glauben zu erfragen. Tilman Geske ist auch anwesend, später kommt Verlagsmitarbeiter Ugur Yüksel hinzu.
Emre erklärt, dass noch drei weitere Freunde bei der Diskussion dabei sein wollen: Cuma Özdemir (20), Hamit Ceker (19) und Salih Gürler (20).  Alle Fünf führen versteckt große Messer mit sich. Wolfgang Häde, ein deutscher Evangelist und auch in der Türkei tätig, schildert dies in seinem eindrucksvollen, lebendig geschriebenen Buch „Mein Schwager – ein Märtyrer“ (Neufeld Verlag Schwarzenfeld 2009, ISBN 978-3-937896-81-6). Darin rekonstruiert er den Tathergang folgendermaßen:

 

„Die jungen Männer bedrohen Necati, Ugur und Tilmann mit der Pistole und den Messern. Dann werden alle Drei an Armen und Beinen gefesselt und mit dem Gesicht nach unten auf den Boden des Büros geworfen. Die drei Christen werden beschimpft, „verhört“, wahrscheinlich auch dazu gedrängt, ihren Glauben zu widerrufen. Als später der Richter einen Mörder danach fragt, ob die Opfer denn gar nichts erwidert hätten, wird aktenkundig, wie erstaunlich ruhig die Drei angesichts

des Todes gewesen sein müssen. Aktenkundig wird auch, dass Ugur „Christus“ gerufen habe, als seine (Glaubens-)Brüder ermordet wurden… Alle Drei werden dann mit Messerstichen und Fußtritten am ganzen Körper gefoltert. Die gerichtlichen Autopsieberichte sprechen später von Würgespuren sowie sechs Messerstichen und -schnitten bei Necati, 16 Messerstichen und -schnitten bei Tillmann und 14 bei Ugur. Die Mörder vollenden ihre grausame Tat, indem sie ihren Opfern von hinten auf ihnen knieend die Halsschlagadern durchschneiden und sie verbluten lassen. Ugur ist an der Reihe, als die Polizei schon naht. (Ein vor verschlossenen Türen stehender türkischer Praktikant hatte die Polizei gerufen.) Trotz der Transfusion von fünfzig Bluteinheiten stirbt er im Krankenhaus gegen 18.30 Uhr an seinen Verletzungen.“ (W. Häde, Mein Schwager – ein Märtyrer, Seite 10 und folgende)

 

Als die Polizei zum Tatort kam, geriet der Attentäter Emre Günaydin in Panik und sprang aus dem Fenster. Die anderen vier Attentäter wurden im Büro von der Polizei festgenommen.

Später gaben die Mörder an, dass sie „für Glauben und Vaterland“ gehandelt hätten. Bei den Gerichtsverhandlungen zeigt sich, dass hinter den Tätern eine ganze Reihe von Drahtziehern aus ultranationalistischen und ultrakemalistischen Kreisen bis hin zu den Grauen Wölfen und Teilen des staatlichen Sicherheitsapparats, der sogenannte „tiefe Staat“, stehen.

 

Markantes Zitat


„Missionsarbeit ist sogar noch gefährlicher als Terrorismus und gilt leider nicht als ein Verbrechen in der Türkei.“ Niyazi Güney, früherer Abteilungsleiter im Justizministerium

Verurteilung der Täter

 

In den Tagen nach dem Attentat wurden elf Verdächtige mit ultranationalistischem Hintergrund im Alter von 19 bis 20 Jahren festgenommen.

Am 28. September 2016 verurteilte das Gericht die fünf Täter erst neun Jahre nach der Tat zu jeweils dreimal lebenslanger Haft. Außerdem wurden zwei Militärs zu 13 bzw. 14 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sprach 14 Mitangeklagte frei, da es bei ihnen trotz ihrer Mitwisserschaft den Tatbestand der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ als nicht erfüllt ansah.
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Aus einem Gedicht des Märtyrers und Konvertiten Necati Aydin:

 

Ich sage: Möge der Tod uns nahe sein

 

Ist er nicht sowieso immer nahe?
Ich gehe, ohne Abschied,
ohne es der sagen zu können, die ich liebe,
ohne satt geworden zu sein;
zur Liebe, zur Wahrheit, zur Schönheit, zum Guten,
renne ich in jedem Moment meines Lebens,
um in jedem Moment anzukommen, am Ziel, in der Ewigkeit.

..

Zum Schluss, Tod, nimm mich in deine Arme,
um zusammenzukommen, ohne uns zu trennen.
Umarme mich.
Ich komme und schluchze: Halleluja!

 

(aus dem Band mit Gedichten Necati Aydins:
Necati Aydin- Benim Göklerde Yazili!, Istanbul 2008, Seite 46 und folgende, zitiert nach W. Häde, a.a.O., Seite 109)
———
Gedicht des Märtyrers und Konvertiten Ugur:

 

Hier bin ich

 

Wir haben geschmeckt vom Brot der Wahrheit.
Wir haben getrunken das Blut der Wahrheit:
Hier ist das Kreuz,
hier ist das Opfer,
hier ist die Seele.
Frei ist nun jede Seele, die an ihn glaubt.
Sagt: „Tod, wo ist dein Sieg,
Armut, Elend und Hunger –
Was soll uns das noch antun?“

Weder Enge
noch Regierungen,
weder Trübsal noch Schwert,
nichts, wirklich, überhaupt nichts,

Weder Tiefes noch Hohes,
Keine Macht reicht aus,
um uns vom Herrn zu trennen.

Hier ist das Kreuz,
hier ist das Opfer,
hier ist der Schuldbrief.
Dieses Blut hat uns
befreit von jeder Sünde,
sag, Tod, wo ist dein Sieg?
Hier sind Glaube und Überzeugung,
hier ist Friede.
Mein Gott, zu Dir bin ich gekommen.
Wasche meinen schmutzigen Leib,
wasche mein Herz!

Und erneuere meinen Geist!
Mein Gott, hier bin ich.
Hier ist der Leib,
hier ist das Herz,
hier ist die Seele.

 

(Aus W. Häde, a.a.O., Seite 67)

 

 

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