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Ägypten

 

Terrorüberlebende

Bilder, die an den eigenen Schmerz erinnern

Gespräche mit Terror-Überlebenden

Kurz nach den Terroranschlägen am Palmsonntag 2017 reiste Stiftungsvorsitzende Michaela Koller nach Ägypten.

An dem Kontrollpunkt vor dem Tor kam der Täter nicht weiter und sprengte sich an dieser Stelle in die Luft.

Ein Besuch am Sitz des koptisch-orthodoxen Patriarchats in Alexandria, wo bei einem islamistischen Attentat am Palmsonntag sieben Menschen in den Tod gerissen wurden: Die angrenzenden Geschäfte renovieren gerade ihre Fassaden. Durch den Druck der Explosion zersprangen die Schaufensterscheiben. Der Selbstmordattentäter hatte sich vor der Sicherheitskontrolle in die Luft gesprengt und wurde dabei zu einer Feuersäule. Mehr als 100 Verletzte liegen noch im Krankenhaus, während ich den Tatort aufsuche. Bei meiner Ankunft zeugen dort nur noch zwei Plakate von dem blutigen Ereignis.

Vor dem Eingang zur Markuskirche hängt eines davon zwischen zwei Säulen: Es zeigt sieben Porträts mit Kronen, darüber der Himmel mit Jesus in der Mitte, sie mit offenen Armen erwartend, rechts daneben Maria, die Muttergottes und links der Evangelist Markus, der erste Patriarch von Alexandria, erkennbar am Löwen neben ihm. 

Unter den Opfern ist rechts oben das Bild eines Kleinkinds zu sehen. Ein Video kursiert im Internet, das in der christlich-arabischen Welt die Menschen aufwühlt: Es zeigt das Kind nach der Explosion inmitten von Schutt leblos zu Füßen seiner Mutter liegend, die auf dem Boden mit leicht aufgerichtetem Oberkörper versucht, ihre auf dem Bauch liegende Tochter mit dem Fuß anzuheben und daran weinend scheitert, weil ihre Beine gebrochen sind.

 

Es sind Bilder wie diese, die die überlebenden Opfer und Angehörigen bei dem Attentat auf die Kirche der zwei Heiligen, die Al-Qiddissine-Kirche, in Alexandria in der Neujahrsnacht 2011 schmerzlich an ihr eigenes Leid erinnern. Damals kamen 21 Menschen ums Leben, zwei weitere Personen erlagen später ihren Verletzungen. Einige Kilometer westlich am Rand der Stadt Alexandria befindet sich der Tatort von damals, die Kirche, die den Heiligen Markus und Peter gewidmet ist. Um zu kondolieren, ist eine Delegation von 40 Personen dieser Gemeinde sogar in dieser Woche in Tanta gewesen, wo 35 Menschen durch den Anschlag am Palmsonntag getötet wurden. Im Gemeindesaal sitzen einige Überlebende zusammen, um mir ihre Geschichten mitzuteilen.

Eingang der Al-Qiddissine-Kirche in Alexandria, wo sich 20 Minuten nach Mitternacht an Neujahr 2011 der Terroranschlag ereignete. Rund 100 Personen wurden verletzt, 23 starben.

Mit Erstaunen reagieren sie, als sie erfahren, warum der Dialog zwischen dem Vatikan und der Kairoer Universität Al Azhar sechs Jahre unterbrochen war: Nach dem Attentat appellierte Papst Benedikt XVI. an die damalige ägyptische Regierung, die christliche Minderheit zu beschützen. Daraufhin zeigte sich Großscheich der mehr als 1.000 Jahre alten Institution pikiert. Nach zwei Machtwechseln sieht der jetzige Präsident Abdel Fattah Al Sisi und mit ihm viele seiner Landsleute offenbar Handlungsbedarf gegen einheimischen Fanatismus: „Die Universität Al Azhar sollte ihr Lehrmaterial überarbeiten, mit dem an den Einrichtungen unterrichtet wird, die ihrem Lehrplan folgen“, sagt ein junger Mann unter den Augenzeugen des Anschlags. Selbst der ägyptische Präsident Al Sisi kritisiere regelmäßig öffentlich den Großscheich Ahmed Mohammed Al Tayeb wegen seiner Auslegungen der islamischen Überlieferung. Der koptische Christ berichtet von dem Attentat, dem sein Vater zum Opfer fiel: „Wir haben zunächst nur die Verletzung an seinem Bein gesehen.“ Erst später zeigten sich innere Verletzungen. Es folgten mehrere Operationen und Komplikationen, bis der Mann schließlich starb.

Der weißhaarige Familienvater Ismail Abdel Masir Saleb Morgan erinnert sich: Während sein Sohn Mikhail am Gottesdienst in der Silvesternacht teilgenommen habe, sei er als Witwer zu Hause geblieben, um die Fastenspeise zuzubereiten. Während des Kochens erfuhr er von den Anschlägen auf die Kirche und sei gleich losgelaufen. Zwischen Schutt und Blut fand er seinen Sohn schließlich unter den Toten. „Als Mikhail zwei Jahre alt war, träumte ich von einem Engel, und erfuhr, mein Sohn werde sterben und in den Himmel kommen.“ Das war zwanzig Jahre vor dem Attentat. „Ich habe mich an den Traum erinnert und daher vertraue ich darauf, dass er bei Jesus ist“, fährt der Mann mit dem weißen Oberlippenbart und ernster Mimik fort. Auf die Frage, ob er nicht Wut empfinde über diesen Verlust: „Wir haben Frieden in unseren Herzen und sind stolz auf unsere Märtyrer im Himmel.“

Überlebende des Attentats erzählen von ihrem Leid und von ihrem Glauben

Eine Frau mit sehr heller Haut und schwarzen Haaren stellt sich vor: „Ich bin die Frau des Märtyrers Ismail Iskender.“ Sie und ihre Tochter Nadine gehörten zu den Opfern, die auf Initiative des koptisch-orthodoxen Bischofs Anba Damian, zuständig für Nord-Deutschland, zur besseren medizinischen Versorgung zeitweise nach Deutschland gebracht wurden. Ihre Verletzungen an Kopf, Extremitäten und inneren Organen führten dazu, dass sie 15 Tage lang im Koma lag. Inzwischen musste sie 30 operative Eingriffe durchstehen, ihre Tochter noch mehr, da bei dieser der Beinknochen wieder aufgebaut werden musste. Es war eine sogenannte „schmutzige Bombe“, erinnert sie, bei der scharfe Metallteile mit besonders kraftvollem Sprengstoff kombiniert wurden. Aus ihrer Handtasche zieht sie ein kleines Plastiktütchen mit einem Kügelchen von drei Millimeter Durchmesser. „Das haben sie vor kurzem noch aus meinem Körper entfernt.“

Eine blonde Frau, die sich „Frau des Märtyrers Adel Aziz“ nennt, berichtet mit starrer Miene von ihren Erinnerungen. Ihr Mann sei der Erste gewesen, den die Explosion mitriss, da er am Eingang gewartet hatte, in der Nähe der Bombe. Nach der Detonation habe sie nur noch an ihre Töchter gedacht, die jüngere davon erst neun Jahre alt. Sie konnte sie nicht sofort sehen. An Blut, Schutt, Verletzten und Toten vorbei ging sie, nicht mehr in der Verfassung anzuhalten, durch das Chaos, um ihre Kinder zu finden. Während sie so die Erinnerung an den Schrecken wachruft, sinkt die schwarzhaarige Frau, die zuvor gesprochen hat, in sich zusammen. Andere Zeuginnen begleiten sie an die frische Luft. Eine 19-Jährige, die damals ihren Bruder verloren hatte, war ihr schon vorausgegangen. Die Aufbruchstimmung breitet sich aus, die Kraft, um die schrecklichen Bilder im Gedächtnis zu beschreiben, ist bei den Überlebenden geschwunden. Augenzeuge Hany Mikhail Botros bleibt noch im Gemeindesaal und sagt: „Nach alldem, was wir hier erlebt haben, ist unser Glaube tiefer geworden.“

In der Al-Qidissine-Kirche werden die Anschlagopfer als Märtyrer verehrt

Nach meiner Rückkehr ins Zentrum Alexandrias begebe ich mich zur Deutschen Schule, die die Barmherzigen Schwestern des heiligen Karl Borromäus führen. Ich kenne das Kloster Grafschaft des Ordens in meiner sauerländischen Heimat. Die Schwestern in Alexandria hörten die Detonation der Bombe am Palmsonntag vor dem Zugang zur Sankt-Markus-Kirche. Konvent und Schule befinden sich nur wenige hundert Meter von dort entfernt. Die Scheiben vibrierten. Die Oberin des Konvents, Schwester Claudia Fakhry berichtet, ihre Großnichte sei Zeugin des Anschlags und noch knapp unverletzt davongekommen. „Ich rechne ständig damit, wenn ich irgendwo hingehe, dass ich geschlachtet werde wie viele andere auch, denn es wird viel gehetzt“, sagt Schwester Claudia mit Blick auf die sozialen Netzwerke.

Blutbedeckte Reliquien werden seither in der Kirche aufbewahrt.

Schwester Antonia Fahmy legt offen, was ihr wirklich Sorge bereitet: „Was uns Christen hier im Land am meisten bewegt, ist die Freiheit des Glaubens.“ Als Beispiel nennt sie den Kirchenbau, der zwar auf höchster politischer Ebene für willkommen erklärt und gesetzlich erlaubt sei, jedoch in konkreten Fällen wiederholt vor Ort erschwert wurde. Um die „Barriere des Hasses und der Wut“ abzubauen, setzen die Schwestern auf gemeinsame Unterrichtseinheiten mit muslimischen Religionslehrern, in denen die gleiche Würde aller Menschen herausgestellt wird. „Am Anfang war dies schwierig, aber jetzt möchten alle dabei mitmachen“, berichtet Schwester Angela.

Der Konvent der Borromäerinnen bei meinem Besuch 2017, in der Mitte der ägyptische Journalist Ra’ed El-Sharqawi

Erste Wirkungen nach langem Durchhalten belohnten sie: Ein anfänglich rigider Muslim im Lehrerkollegium habe sich in den letzten Monaten grundlegend gewandelt, sich dabei für ihre Sprache geöffnet: „Was hat man Euch angetan und wie antwortet Ihr darauf? Mit Liebe“, so seien seine Worte gewesen, als die Schwestern jedem im Lehrkörper einen Osterpräsentkorb überreichten, eine Woche nachdem sieben Mitchristen und sieben Sicherheitskräfte fünf Gehminuten entfernt durch das Sprengstoffattentat umgekommen waren.

Eine Schülerin der Deutschen Schule der Borromäerinnen war bereits zusammen mit drei anderen Familienangehörigen beim ersten großen Attentat in Alexandria in der Neujahrsnacht 2011 von der Bombe zerrissen worden. „Wir waren anfangs sehr um ihren Vater besorgt und haben ihn gleich besucht“, berichtet Schwester Ancilla. Er hatte seine gesamte Familie bei dem blutigen Angriff verloren, ist aber weder verzweifelt noch verbittert, sondern stellt sich ganz in den Dienst anderer Überlebender und Angehöriger von Opfern, um sie zu trösten, in Alexandria wie auch in Tanta.

Unterstützen Sie seinen vorbildlichen Einsatz: Zeigen auch Sie Solidarität mit den Christen in Ägypten und überweisen Sie Ihre Spende zugunsten von Opfern der Terrorangriffe, um deren Therapien für gesundheitliche Langzeitfolgen abzusichern. Spendenkonto IBAN DE61 7509 0300 0007 1161 10 bei der Liga Bank; Stichwort: Terroropfer in Ägypten

Fotos: M. Koller

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