Laudatio auf das Hilfswerk der „Blauen Maristen“ in Aleppo/ Syrien

Bonn, 29. März 2025

Ansprache von Karl Hafen (ehemals Geschäftsführender Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte)

 

Sehr verehrte Damen und Herren,

liebe IGFM-Mitglieder,

sehr verehrte Freunde der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen,

sehr verehrter, lieber Herr Dr. Antaki,

 

der Vorstand der Stephanus-Stiftung für verfolgte Christen hatte in ihrer Vorstandssitzung vom 24. Februar 2025 beschlossen, ihren diesjährigen Stephanus-Preis dem Hilfswerk der Blauen Maristen in Aleppo zu verleihen.

Wir freuen uns, dass Sie, lieber Herr Dr. Antaki, als deren Mitgründer und langjährigem Vorstand der Blauen Maristen, den weiten Weg zu uns auf sich genommen haben und wir Sie hier für Ihr großartiges Werk und das Ihrer Mitstreiter und Mitstreiterinnen ehren dürfen.

Es ist mir eine große Ehre, Ihr Werk vorstellen zu dürfen, denn eigentlich gebührt diese Ehre Ihrem und unserem Freund Jochen Langer, der Sie, Ihre Frau Leyla und ihrem Mitstreiter und Mitgründer Frère Georges Sabé seit 1986 begleitet hat. Jochen Langer hat aus gesundheitlichen Gründen abgesagt, doch meine Laudation baut zum großen Teil auf seinen Erinnerungen und seinen Informationen auf.

Ich möchte Sie unseren Gästen kurz vorstellen: Sie heißen mit Vornamen Nabil, Sie sind Syrer, Sie sind Arzt und Sie sind 75 Jahre alt. Sie haben eine Ausbildung an der medizinischen Fakultät der Universität St. Joseph in Beirut absolviert, haben dann sechs Jahre in Kanada gelebt, wo Sie eine Ausbildung als Facharzt für Gastroenterologie und Hepatologie in Montreal abgeschlossen haben und sind dann in Ihre Heimat zurückgekehrt.

Ihre Frau Leyla ist auch Syrerin, hat einen Abschluss in Bildender Kunst der amerikanischen Universität Beirut. Sie bekleidete verschiedene leitende Positionen bei den katholischen Pfadfinderinnen Syriens bis hin im Vorstand der Internationalen Konferenz der katholischen Pfadfinderinnen.

Schon weit vor der Gründung des Hilfswerks der Blauen Maristen hatten Sie sich in Aleppo zusammen mit Ihrer Frau, mit Frère Georges und dem heutigen Leiter der Blauen Maristen Bashar für Jugendliche engagiert. Die Maristenbrüder unterhielten in den achtziger Jahren eine eigene Schule, die dann aber enteignet wurde; es wurde Ihnen aber erlaubt, weiterhin Jugendarbeit zu betreiben; Ihre Frau Leila und Frère Georges waren auch damals schon aktive Teile des Teams, das sich damals nur Maristen nannten. Als Mitbegründer und Leiter des Vereins „Ohr Gottes“ unterstützten Sie arme christliche Familien bei der Gesundheitsversorgung, bei der Wohnungssuche und der Ausbildung ihrer Kinder.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen Schlenker machen: Jochen Langer aus Wiesbaden – er wurde erst später Mitglied der IGFM – war Ingenieur und arbeitete von 1986 bis 1993 in Syrien. Er war schon früh mit dem Orient verbunden, denn von 1966 bis 1968 war er Dozent an der Jesuiten-Universität Al Hikma in Bagdad / Irak und fand deshalb 1986 neben seiner Arbeit für die Ölindustrie schnell Kontakt zu den Jesuiten in Syrien und darüber hinaus durch beruflichen Kontakt zu dem Bruder Elias von Fr. Georges auch zu den Maristen von Aleppo. 2004 besuchte er mit seiner Frau Maria Fr. Georges. Sie luden eine Jugendgruppe zum Weltjugendtreffen 2005 in Köln und für eine Woche zum Besuch ihrer Pfarrgemeinde in Wiesbaden ein. Ein langer Empfang beim Jesuiten-Bischof Audo von Aleppo half. Er unterschrieb schließlich 75 Visaanträge und die Jugendlichen kamen begleitet von Fr. Georges und von Leyla nach Deutschland und kehrten alle glücklich wieder zurück.

Dieses Ereignis hatte die Beziehungen gefestigt. 2016, während des Krieges in Syrien, trafen Sie und Leyla sich – anlässlich einer Libanonreise des Ehepaars Langer mit der ICO Initiative Christlicher Orient, Linz / Österreich zu christlichen Einrichtungen – in Beirut. Dieser kleine Schlenker soll nur vermitteln, dass wir Sie – vertreten durch Jochen Langer – schon lange kennen. 2016 wohnte Racha, eine Nichte von Frère Georges bei Langers in Wiesbaden. Sie wollte ihr Medizin-Studium in Aleppo durch eine Facharztausbildung in Deutschland erweitern. Auch das festigte Ihre Beziehungen von Aleppo nach Deutschland.

Ich habe das Hilfswerk der Blauen Maristen durch Jochen Langer kennengelernt; persönlich hatten wir uns vor gut drei Jahren bei einem Besuch bei „Kirche in Not“ getroffen. Jochen Langer hatte mich eingeladen, mit Ihnen auch einmal sprechen zu dürfen, nachdem ich auch schon einige Jahre über Ihre Arbeit in der Zeitung „Für die Menschenrechte“ berichtet hatte.

Und so komme ich jetzt zu dem, was Ihre Arbeit ausmacht.

Der Leitspruch der Blauen Maristen

„In Solidarität mit den Ärmsten leben, um Leid zu lindern, Menschlichkeit zu fördern und Hoffnung zu säen“

Ist Ausgangspunkt all Ihres Wirkens und als solches habe ich es durch Ihre öffentlichen Briefe und anderen Informationen kennengelernt.

Der sogenannte arabische Frühling endete in Syrien am 15. März 2011 mit dem Beginn eines 13-jährigen Bürgerkrieg. Über die Entwicklung des Bürgerkriegs auf die Bevölkerung Syriens waren wir sofort wohl informiert, denn damals standen wir in engem Austausch mit drei Jesuiten in Homs, die dort zusammen mit einheimischen Muslimen ein Hilfswerk „Komitee der Armen“ führten. Im August 2012 besuchte der syrisch-orthodoxe Bischof Silvanus Petros Al-nemeh, Metropolit von Homs und Hama, die IGFM-Geschäftsstelle in Frankfurt und berichtete über die Zerstörungen, die von Aufständischen und Assads Truppen ausgingen. Er malte ein Bild, wonach die Forderung nach Menschenrechten und Freiheit nachrangig geworden sei und wörtlich „Jeder der umliegenden Mächte sieht Syrien als einen Kuchen, von dem jeder ein Stück haben will. Wir wollen, dass die Gewalt aufhört, Dialog ist das Wichtigste. Die syrisch-orthodoxen Christen haben Angst, vertrieben zu werden.“ Am 14. September 2012 erhielten wir unseren ersten Bericht aus Aleppo: „Die Situation in Aleppo hat sich verschlechtert. Tag für Tag wird gekämpft, geschossen und bombardiert. Kein Stadtteil bleibt verschont. Die Wasserversorgung wurde komplett für mehrere Tage in vielen Bereichen der Stadt gestört. Wir mussten Wassertanks kaufen, um die Reservoirs der Schulen zu füllen. Das Leben in Aleppo ist jetzt sehr schwierig und sehr gefährlich. Die meisten Ärzte haben das Land verlassen. Wir helfen 1200 Personen mit Brot und Mahlzeiten pro Tag, mit Windeln und Babymilch, mit Seife, Wasch- und Reinigungsmitteln für ihre Häuser und Toiletten.“ Sein umfangreicher Gesamtbericht endet mit der Feststellung: „Für Tausende sind wir das einzige Zeichen der Hoffnung und die einzige Hoffnung zu überleben.

Die IGFM hatte sich damals mit der Bitte um Unterstützung der Bevölkerung an den damaligen Entwicklungsminister Niebel gewandt und erhielt die schonungslose Antwort: „Keine Sonderhilfe für Christen in Syrien. Neid und Missgunst seien die Folgen.“ Doch wir hatten nicht um Sonderhilfe gebeten. Herr Niebel machte sich die Antwort einfach.

Alle Folgebriefe – inzwischen sind es über 40, die wir seit 2012 aus Aleppo erhalten haben – berichten von den fortgesetzten Schwierigkeiten der syrischen Bevölkerung, weil die Sanktionen weder die Rebellen noch die Assad-Politik beeinflussen konnten, wohl aber das Leid der Bevölkerung immer extremer werden ließen.

Wir baten um Spenden und erhielten im Januar 2013 einen Dank aus Aleppo. Nach der erneuten Beschreibung der miserablen Versorgungssituation, dann „In dieser dramatischen Situation der Stadt Aleppo teile ich Ihnen mit, dass wir heute 200 Paar Schuhe für die Flüchtlingskinder gekauft haben. Ebenso werden 100 Kinder der christlichen Familien, die ärmsten unseres Projekts „Oreille de Dieu“ (Ohr Gottes) das gleiche Geschenk bekommen. Viele junge Leute bieten viel Zeit auf, um den Kindern Arabisch, Mathematik oder Englisch beizubringen. Auch Jugendliche der Flüchtlingsfamilien nehmen teil. Der medizinische Stützpunkt bietet weiterhin Kranken seine Dienste an, denn zurzeit grassiert eine Hepatitis-Epidemie unter den Kindern.“ Das sei an dieser Stelle erwähnt: Sie haben diese Krankenstation aufgebaut und geleitet. Der Brief endet mit dem Appell „Lasst uns gemeinsam den Weg zum Frieden gehen.“

Abwechselnd von Ihnen und von Fr. Georges erhielten wir Briefe zeitweise in etwa Zwei-Monats-Takt; so gerne würde ich aus jedem von ihnen zitieren, aber für die 49 Berichte reicht die Zeit nicht. Ein ganz kleiner Ausschnitt:

Im Juli 2014:

„Vor drei Jahren als der Krieg in Aleppo ausbrach, war Ramadan. Es war der Ramadan der Vertreibung; letztes Jahr war es der Ramadan der Blockade und in diesem Jahr der Ramadan des Abschneidens der Wasserversorgung. – Warum müssen die Leute immer noch leiden? Die Menschen sind erschöpft. Stellen Sie sich vor, dass das Füllen von zwei Dosen Wasser mindestens eine Stunde Ihrer Zeit kostet. … Wenn man in Aleppo lebt, ist man hin und her gerissen: Sollte man warten, um es irgendwann zu verlassen? Sollen die Kinder trotz der Angst vor einem Mörser oder eine verirrte Kugel nach draußen gehen? Welche Aktivität starten, für wen und warum und in wessen Namen?“ Doch gleich nach diesen verzweifelten Worten das Bekenntnis: „In dieser Situation von Gewalt, Entbehrungen, Verwüstungen, Leiden und Verzweiflung setzen wir Maristen unseren Widerstand fort, indem wir unsere Präsenz zeigen, indem wir die Menschen hier begleiten und ihnen unsere Solidarität und unsere Hilfe anbieten. Das ist der Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit, die uns hier umgibt!“

Die Briefe aus Aleppo sind mehr als Aufnahme des aktuellen Geschehens, quasi historische Zeitdokumente. Sie sind Spiegel der Gefühlslage von Menschen in unmittelbarer Not und gleichzeitig Spiegel der Hoffnung und des Aufbruchs: Zurückweichen, aufgeben gehören nicht zum Wortschatz der Maristen. Nahezu in jedem Brief findet sich eine ähnlich klingende Feststellung:

„Angesichts von soviel Elend, Leiden, Tod, Zerstörung und Tragödien können wir, die Blauen Maristen, nicht die Hände in den Schoß legen. Wir prangern an. Wir erregen Aufmerksamkeit. Wir verweigern uns dem Unannehmbaren. Wir informieren und wir handeln.“

Wir schreiben inzwischen das Jahr 2021; Dr. Antaki schickte seinen 41. Brief:

„Seit zehn Jahren erleben wir Krieg. Ja. Zehn Jahre – länger als die zwei Weltkriege des letzten Jahrhunderts: Leiden, Trauer, Armut, Elend sind unser tägliches Los geworden. Ein Alltag, der ein Albtraum ist. .. 70% der Familien leben unterhalb der Armutsgrenze und die Mehrheit braucht ´Nahrungsmittel, hygienische und medizinische Hilfe, um zu überleben. … Die Covid-Pandemie hat die ohnehin schlechte Situation noch verschlimmert. Wir, die Blauen Maristen, haben einen hohen Tribut bezahlt: Es gab sehr viele Fälle unter unseren Freiwilligen und ihren Eltern – auch Todesfälle. Gott sei Dank sind wir wieder genesen … Wir haben die Verteilung von monatlichen Lebensmittelpaketen an 1000 Familien in der Umgebung übernommen. Jeder Korb im Wert von 15 $ kann ausreichen, um eine vierköpfige Familie für dutzend Tage zu ernähren.

Rückblickend auf die zehn Jahre berichtet Dr. Nabil mit einer Übersicht über die Arbeit der Maristen:

„Wir haben 188 Mikroprojekte finanziert; außerdem haben wir ein professionelles Lernprojekt ins Leben gerufen, bei dem wir junge Leute als Lehrlinge vermitteln. Unser Projekt „Geteiltes Brot“ bietet 190 sehr alten lebenden Menschen ein warmes Tagesgericht. Da einige auch andere Hilfen benötigen, gibt es nun auch das Projekt „Seniorenpflege“. Unsere zwei wöchentlichen Besuche im Al-Shahba-Lager ermöglichen uns, pädagogische Aktivitäten für Kinder und Jugendliche zu organisieren, die Kranken zu behandeln sowie Lebensmittel und Hygieneprodukte zu verteilen. Auch unsere Bildungsprojekte für Kinder von drei bis sechs Jahren wurden nach mehreren Unterbrechungen durch die Pandemie wieder voll ausgelastet.“

Die Arbeit der Maristen war immer höchst humanitär, immer ein Akt bedeutender und vorgelebter Nächstenliebe. Doch von Syrien aus haben die Maristen immer wieder die Frage gestellt, ob die Verarmung, ja sogar Verelendung der Bevölkerung in der alleinigen Schuld des Assad-Regimes und der Rebellen liegt, und ob das nicht hätte abgewendet oder gemildert werden können. Die Maristen haben offen die Sanktionen gegen Syrien angeprangert und ihre Aufhebung verlangt, da sie die Bevölkerung zuerst treffen. Die Aufhebung der Sanktionen ist nicht erst jetzt nach der Machtübernahme durch die HTS ein Thema. Dr. Nabil Antaki hatte bereits 2014 in einem Appell:

„Ich erhebe Anklage gegen die Medien, gegen westliche und arabische Regierungen, gegen internationale Organisationen wie die UNO und UNICEF, gegen Hochkommissar für Menschenrechte wegen Mittäterschaft bei Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Er hat die Sanktionen als schweres Unrecht erklärt, da den Einwohnern in Aleppo, die ihre Stadt nicht verlassen können, notwendige Hilfe verweigert wird. In einem Appell an uns baten die Maristen, uns an die Abgeordneten jedweder politischen Ebenen zu wenden und darauf hinzuweisen, dass die Folgen des „Arabischen Frühlings“ für die Syrer ein eiskalter Winter und ein zielloses Chaos bedeutete.

Wie sieht nun die Zukunft aus? Im Dezember schrieb uns Dr. Antaki, dass sich die neue Regierung mit Bekenntnissen zum Respekt aller Minderheiten hervortut, aber man eben auch nicht vergessen darf, wo die HTS ihre Wurzeln hat, nämlich in der Al Nosra, die für ihre Beziehungen zur Al-Quaida und ihren barbarischen Aktionen bekannt waren. Nicht von ungefähr kommt die Beurteilung: „ Manche Christen sind naiv und vertrauen ihnen. Andere wie wir denken daran, was sie den Christen in Idlib angetan haben, als sie die Herrschaft über diese Provinz übernahmen. Wir wollen ihre Taten sehen und nicht ihren Reden zuhören. Wir wissen nicht, was morgen sein wird. Aber wir wissen, dass wir im besten Fall in einem islamischen Staat leben werden, in dem die Sharia die Quelle der Gesetze ist.

Was uns betrifft, so geht es uns gut. Wir stoppten alle unsere Projekte für sechs Tage, dann starteten wir langsam ein Programm nach dem anderen, beginnend mit dem dringendsten wie dem Tropfen Milch und dem Teilen von Brot.

Nach einer unserer letzten Meldungen haben Vertreter der HTS den Maristen die Hand gereicht und zugesichert, dass sie ihre Arbeit auch in der Zukunft tun dürfen und sollen. Somit besteht die Hoffnung, dass sich die Situation der Christen verbessert. Hoffnung, ein Fundament der Maristen in ihrem Leitsatz:

„In Solidarität mit den Ärmsten leben, um Leid zu lindern, Menschlichkeit zu fördern und Hoffnung zu säen“

Wir wünschen Ihnen, lieber Dr. Antaki, und den Blauen Maristen alles Gute, Gottes Beistand und einen beständigen Frieden.

Laudatio Karl Hafen

Vorgetragen am 29. März 2025 anlässlich der

Verleihung des Stephanus-Preises 2025

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