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Träger des Stephanuspreises 2019
Rittersaal des Deutschordenshauses – Frankfurt-Sachsenhausen
Sonntag, 15. September 2019
Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler, Stuttgart

Die Rede im Film/ YouTube-Channel der Stephanusstiftung für verfolgte Christen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Pater Tom,

wegen der fortgeschrittenen Zeit werde ich meine Laudatio ein wenig kürzen. Ich glaube, das kommt Pater Tom und mir entgegen. Pater Tom ist ein guter katholischer Geistlicher und natürlich möchte er deswegen nicht selbst gelobt werden, sondern er möchte, dass Gott gelobt wird. Und ich bin ein schwäbischer Protestant und unser Stamm lobt normalerweise gar nicht. Deswegen nehmen wir hier beide etwas auf uns – und wir tun es gerne. Pater Tom, ich habe in Ihrer Biografie gelesen, dass Sie viel mehr auf die Technik als auf die Sprache setzen und immer wieder wird das deutlich, wenn Sie mit großer Freude schildern, wie Sie eine Pumpe zum Laufen bringen oder sogar in Gefangenschaft es schaffen, ein Wasserrohr instand zu setzen, damit die Dinge weitergehen konnten.

Deshalb werde ich hier an der einen oder anderen Stelle ein bisschen aus der Wissenschaft einfließen lassen und hoffe, dass es Sie freut. Sie wurden 1958 im Bundesstaat Kerala in Südindien geboren, in eine der ältesten christlichen Gemeinden und Traditionen der Welt übrigens. Und Sie hatten sechs Geschwister. Das ist übrigens aus religionswissenschaftlicher Sicht sowohl interessant wie auch zu erwarten, denn die Berufung ins Zölibat kommt meistens aus kinderreichen Familien. Ich bin mir sicher, wenn wir heute Abend Zeit hätten und fragen würde, wie viele Geschwister der Raum hat, dann wären wir deutlich über dem Durchschnitt, den kinderarme Kontinente wie Europa heute haben. Dort wo die Menschen ‚Ja‘ zum Leben sagen, sagen einige auch ‚Ja‘ zu ihrer Berufung in die Kirche.

Sie sind auf dem Land aufgewachsen. Ihre Familie war christlich-katholisch, sehr religiös. Sie berichten, dass täglich gebetet wurde. Und in der zehnten Klasse entschlossen Sie sich, sich den Salesianern von Don Bosco anzuschließen und für Gott zu wirken. Besonders wichtig war Ihnen die Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen sowie vor allem mit Menschen in Armut, völlig unabhängig – wie haben es auch von Schwester Hatune gerade gehört – von Farbe, von Religion, einfach Menschen, um Menschen zu dienen. Sie haben sich dabei auch verdient gemacht, um den Aufbau von technischen Lernzentren, um auch anderen beizubringen, wie man mit Technik umgeht. Und Sie haben damit Menschen geholfen, aus der Armut zu entkommen, Hilfe zur Selbsthilfe. Übrigens ist das in der jüdischen Tradition die edelste Form der Barmherzigkeit, wenn man so helfen kann, dass der Andere die Hilfe dann gar nicht mehr braucht.

2009 sind Sie in den Jemen gegangen. Und das, meine Damen und Herren, ist schon ein Aspekt, über den man nachdenken kann: Dass Menschen aus Indien im Namen Christi nach Jemen gehen, um dort zu helfen. Warum betone ich das? Weil ich selbst im Irak erlebt habe, dass die Kriege in der arabischen Welt mit unserem Geld geführt werden. Papst Franziskus hat einmal das Wort geprägt: ‚Diese Wirtschaft tötet.‘ Ich gebe zu, dass ich das damals übertrieben fand. Ich dachte: ‚Das kann man doch nicht sagen. Soziale Marktwirtschaft ist doch etwas Tolles.‘ Aber, meine Damen und Herren, es ist eben wahr: Mit dem Öl und Gas, das wir verbrennen, finanzieren wir Regime in Ländern wie Saudi-Arabien, in Ländern wie der Iran, in Syrien, im Irak, in Libyen und Terrorgruppen drumherum. Im Jemen findet jetzt noch ein Bürgerkrieg statt und Menschen leiden, ein Stellvertreterkrieg, und das Geld dafür und die Waffen, die Kugeln, von denen Pater Tom berichtet, die in die Häuser einschlagen, sind auch finanziert mit unserem Geld. 2014 kehrten Sie kurz nach Indien zurück. Es war Bürgerkrieg im Jemen und niemand hätte es Ihnen übelgenommen, wenn Sie nicht in das Bürgerkriegsland zurückgekehrt wären. Sie schreiben sogar, dass einige Vorgesetzte und auch Ihre ältere Schwester Bedenken hatten, Sie zurückkehren zu lassen, in das vom Bürgerkrieg zerstörte Land. Aber Sie fühlten sich gerufen zu den Menschen und sind zu ihnen zurückgekehrt in den Jemen.

Zu den Schilderungen, die mich sehr berührt haben, gehört die Schilderung von einem muslimischen Nachbarn, der in der größten Hungersnot kommt und Tag für Tag Brot vorbeibringt, für die Menschen, die Kranken, um die sich die Schwestern dort gekümmert haben. Und als er kein Brot mehr hat, bringt er Weizen, obwohl Armut drumherum ist. Pater Tom, Sie sehen das Gute in anderen Menschen und Religionen, selbst an einem Punkt, an dem kein Anderer Ihnen verübeln könnte, wenn Sie sich hart machen würden. Später hat Sie einmal ein Journalist gefragt, ob Sie vielleicht ein Stockholm-Syndrom haben, dass Sie immer noch mit den Geiselnehmern sympathisierten und immer noch das Gute suchen, trotz aller Bosheit und aller Gewalt. Ich glaube: Das ist gelebtes Christentum, was da bei Ihnen durchscheint. Am 4. März 2016 wurde Ihre Mission von Terroristen überfallen und Sie haben das Zeugnis im Gottesdienst zuvor gegeben. Auch in Ihrem Buch stellen Sie den Tod von vier Schwestern ganz an den Anfang. Ihrer gedenken Sie, der Schwestern, die getötet wurden, Bediensteten, muslimischen Bediensteten, dem Gärtner, des ersten Todesopfers. Und, meine Damen und Herren, die vier Schwestern, die getötet wurden, stammt aus Ruanda und aus Indien.

Sie selbst wurden verschleppt. Sie wurden dazu gezwungen, Videobotschaften aufzuzeichnen. Sie wurden sogar dazu gezwungen, Menschen zu beschimpfen, die ihnen sehr, sehr wichtig sind. Sie haben in dieser Gefangenschaft gebetet. Und Sie haben dreimal, so habe ich Ihrer Biographie entnommen, auch um ein Zeichen von Gott gebetet. Das eine Mal, als Sie wissen wollten, ob die Schwestern, die getötet wurden, im Himmel sind. Sie baten um Regen und am selben Abend kam ein Gewitter. Es blitzte und donnerte, und es regnete. Sie haben noch einmal um ein Zeichen gebetet, ob Sie freikommen werden. Sie haben ein drittes Mal gebetet, ob vielleicht noch im selben Monat die Freilassung erfolgen könnte. Und diesmal kam kein Zeichen. Und Sie schreiben, dass Sie da gelernt haben, dass man Gott nicht versuchen soll. Mitten im Schrecken haben Sie mit Gott gerungen und sind doch in Seiner Gnade geblieben. Sie fragen, warum Menschen so etwas Böses tun und ob noch Gutes in ihnen ist, das Sie vereinzelt auch erlebt haben.

Und ich kann Ihnen aus der Perspektive der Wissenschaft sagen: Das Böse, das die heutigen Islamisten des sogenannten Islamischen Staates sowie zum Beispiel die Nationalsozialisten in Deutschland, deren Stätten Sie in Nürnberg besucht haben, miteinander verbindet, ist der Glaube an die Weltherrschaft des Bösen. Der Antisemitismus betrifft nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern er ist ein Glaube daran, dass böse Mächte die Welt regieren. Und Menschen, die das glauben, glauben schließlich sogar, dass ihre Gewalt gegen Frauen, gegen Kinder, gegen Geistliche, gegen Jesiden, gegen Aleviten, gegen Sunniten, gegen Schiiten, gegen Männer und Frauen Notwehr sei. Sie glauben, sie verteidigten sich ja nur. Sie beschreiben die Situation, dass Sie beobachtet haben, wie die Terroristen beteten. Und Sie beten für diese. Diese Menschen sind im Glauben an die Weltherrschaft des Bösen gefangen. Ich glaube, Sie haben recht. Umso wichtiger ist es, Ihnen die Weltherrschaft des Guten entgegenzusetzen. Sie wurden insgesamt 18 Monate lang festgehalten und kamen auf Initiative des Oman frei. Sie versäumen nicht, allen zu danken, die für Sie gebetet haben und mehrfach zu erwähnen, dass es Christen waren, aber auch Hindus, auch Muslime, dass es aus allen Religionen Gutes gab.

Sie schreiben, dass Sie nicht einen einzigen Tag bereut haben, in den Jemen gegangen zu sein, weil das Ihr Weg und Ihr Auftrag war. Pater Tom, ich möchte mit einem deutschen Verweis auf Ihren Namen schließen. Alle, die in Deutschland aufgewachsen sind, kennen Major Tom. Das ist ein Lied in Deutschland, das ich schon geliebt habe, bevor ich Christ geworden bin. Ich komme ursprünglich aus einer nichtreligiösen Familie. Und dieser Major Tom ist ein Raumfahrer, der oben im Weltall unterwegs ist und dann entdeckt, wie schön das All und die Leere sind und mit seinem Raumschiff davon schwebt, obwohl ihn die Erde versucht zu halten. Jeder, der und jede, die dieses Lied hört, fühlt mit Major Tom. Aber Sie, Pater Tom, sind einen Schritt weitergegangen. Sie sind nicht in die Leere gegangen, sondern Sie sind bei uns geblieben. Und Sie sind heute hierher gekommen, um Zeugnis abzulegen, nicht über sich, sondern über die Gnade, die Ihr Leben getragen hat, und deswegen sind Sie in meinen Augen ein größerer Held als Major Tom. Herzlichen Dank.

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